Interview

«Ich fühlte mich wie ein Indianer, dem die Seele geraubt wurde»

Die Beschreibung eines Unfalls in ihrem neuen Roman sorgt für Wirbel: Charlotte Roche, Skandal-Autorin und erfolgreichste deutschsprachige Schriftstellerin, erzählt im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet von ihrem Kampf um Privatheit und ihrem Feldzug gegen «Bild».

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Frau Roche, mögen Sie Heinrich Böll?
Weil der gegen die «Bild»-Zeitung gekämpft hat? Ja. In der Schule habe ich seinen Roman «Die verlorene Ehre der Katharina Blum» gelesen, worin es um die Machenschaften der Boulevardpresse geht.

Neben der literarischen Verarbeitung verbindet Sie beide auch noch die Methode, an der Seite des «Spiegels» gegen die «Bild»-Zeitung zu kämpfen.
Man denkt immer, dass da ein Masterplan dahintersteckt. Es ist aber nicht so, dass ich da sitze, irgendwelche medialen Fäden ziehe und überlege: Oh, am besten mache ich das mit dem «Spiegel».

Aber das war doch geplant, mit welchen Medien Sie zuerst sprechen?
Ja, schon. Das liegt auch an den guten Erfahrungen, die ich mit dem «Spiegel» gemacht habe. Die spielen kein falsches Spiel.

Nun haben Sie die Geschichte über den Unfalltod Ihrer drei Brüder literarisch verarbeitet. Ist für Sie damit der Streit mit dem Springer-Verlag, der die «Bild»-Zeitung herausgibt, beendet?
Oh Gott, auf keinen Fall. Diese Geschichte musste erzählt werden, um meine Feindschaft gegen die «Bild»-Zeitung zu begründen. Ich wollte im Roman zeigen, wie sehr die Boulevardpresse in das Leben eingreift und welche Ängste das produziert. Ich wollte zeigen, mit welchen Methoden diese Zeitung die Seiten füllt.

Weshalb haben Sie das nicht früher getan?
Bisher war ich nicht reif, darüber zu schreiben. Und für mich war es wichtig, dass das zu meinen eigenen Bedingungen und in meinen eigenen Worten geschieht.

Im Buch schreiben Sie einmal: «Sie haben unserer Familie was geklaut, nämlich das private Andenken, die privaten Bilder.» Ist das auch Ihre Ansicht bezüglich Ihres eigenen Schicksals?
Das ist absolut meine Meinung. Ich bin ja in einer linken Familie aufgewachsen, und da ist die «Bild»-Zeitung ein Feindbild. Aber die Tatsache, dass ich die Folgen der Boulevardpresse an meinem eigenen Leib erfahren habe, machte aus mir eine richtige Kämpferin. Da kam richtig Wut auf. Ich fühlte mich wie ein Indianer, dem die Seele geraubt wurde. Ich war damals eine kleine Viva-Moderatorin, als die «Bild» mit dem Unfallbild gross aufmachte. Doch dieses Foto ging niemanden etwas an, das hatte keinen Nachrichtenwert. Das ist reine Gafferei.

Kann man im heutigen Medienzeitalter überhaupt den Anspruch auf private Bilder erheben?
Ich bin sehr moralisch und frage mich häufig bei Nachrichten: Was zeigen die da? Beim Amoklauf in Winnenden sagten danach viele, dass es ein Fehler war, wie alle TV-Sender die Kamera draufhielten.

Aber wäre das Foto des ausgebrannten Autos, in dem Ihre Brüder starben, nicht so oder so über irgendwelche Kanäle an die Öffentlichkeit gelangt?
Ja, es war für uns unglaublich schwer, die Bilder der toten Brüder verborgen zu halten. Es gibt immer eine undichte Stelle, und man weiss ja, wie die Boulevardpresse diese auslotet. Die Aufklärung über diese Methoden ist die einzige Möglichkeit, dagegen anzukämpfen. Nur so springen immer mehr Leser von der «Bild»-Zeitung ab.

Ist die Schaulust nicht ein urmenschliches Bedürfnis?
Ja, aber ich bin fest davon überzeugt, dass man nicht alles befriedigen muss, was nachgefragt wird.

Ist es nicht seltsam: Eigentlich müssten Sie sich mit der Boulevardpresse verstehen, schliesslich sind beide sehr freizügig.
Ich hoffe doch mal, dass ich nicht so bigott bin wie die Boulevardpresse: Die tun immer so empört bei Pornografie, dabei sind sie die grössten Pornografen.

Die Schweizer Boulevard-Zeitung «SonntagsBlick» stiess sich an Ihrem Vokabular und deckte unzüchtige Wörter mit einem schwarzen Balken ab, zeigte aber in derselben Ausgabe eine nackte Sportlerin.
Die Boulevardblätter tun immer so, als würden sie alles mit spitzen Fingern anfassen. Dabei sind sie die Schlimmsten, Dreckigsten und Perversesten. Ich empöre mich nie über das Sexuelle. Ich will, dass die Leute mehr Spass am Sex haben und die Frauen sich in ihrer Haut wohler fühlen.

Im Roman sagt Ihre Hauptfigur Elizabeth einmal: «Ich würde mich so gerne an dem Herausgeber der Zeitung rächen, die aus dem Unfall in unserer Familie damals ihr widerliches Blutgafferkapital geschlagen hat.» Könnte der Satz aus Ihrem Mund kommen?
Ja, es gibt einen Teil in mir, der aber gut unter Kontrolle ist. Wer in einem so schwachen Moment seines Lebens derart wütend gemacht wird, der hat natürlich auch Rachefantasien.

Wie sehen die bei Ihnen aus?
Ich habe tatsächlich einmal den Springer-Chef Mathias Döpfner im Flughafen getroffen, und es ist kein Witz, wenn ich sage, dass ich ernsthaft mit dem Gedanken gespielt habe, wegen Körperverletzung ins Gefängnis zu gehen.

Sie haben sich aber zurückgehalten und bloss gesagt: «Ich halte Sie für einen sehr schlechten Menschen wegen der ‹Bild›-Zeitung.»
Ja, immerhin. Das gehört definitiv zu den besten Sachen, die ich in meinem Leben je gemacht habe.

Ist die Literatur für Sie ein geeigneter Ort, um Rache-Fantasien auszuleben?
Ja, genau. Es ist ja ein Roman, meine literarischen Heldinnen können die schlechtesten Seiten von mir ausleben. Und ich werde sie dadurch auch teilweise los.

Ärgert es Sie eigentlich, wenn die Leser in Ihren literarischen Figuren immer wieder Charlotte Roche sehen wollen?
Wenn es zu platt ist, ja. Wenn mich jemand fragt: «Frau Roche, gehen Sie wie Ihre Hauptfigur Elizabeth Kiehl mit Ihrem Mann ins Bordell?» Dann sage ich: «Diese Frage kann ich nicht beantworten.» Das Schöne ist doch, dass man in einem Roman nicht immer die Wahrheit sagen muss. Die Mutter im Buch als Beispiel ist nicht meine Mutter. Die ist eine Mischung vieler schrecklicher Mütter, die ich kenne.

Und trotzdem ging Alice Schwarzer im offenen Brief an Sie davon aus, dass das Ihre Mutter sei.
Alice Schwarzer scheint keine Ahnung von Literatur zu haben. Da passt es auch, dass sie für die «Bild»-Zeitung arbeitet. Obwohl diese komplette Vermischung der Romanfigur und mir bisher nicht einmal ein Boulevard-Journalist so hingekriegt hat.

Beängstigt Sie die Lobeshymne, die die Springer-Zeitung «Die Welt» auf Ihr neuestes Werk geschrieben hat?
Ich lese grundsätzlich keine Kritiken. Wenn die von der «Welt» eine geschrieben haben, dann aber Hut ab.

Auch Ihr familiäres Umfeld hat mittlerweile reagiert: Ihr früherer Stiefvater Ulrich Busch wirft Ihnen auf Stern.de vor, das Familienunglück ohne Skrupel zu vermarkten. Gehen Sie gegenüber Ihrer Familie auf die gleiche Weise vor wie die Springer-Presse mit Ihnen?
Auf keinen Fall. Ich würde das auch weit von mir weisen. Wenn ich ein Buch schreibe, dann versuche ich aus meinem Schmerz Kunst zu machen. Ich habe penibel darauf geachtet, keine familiären Gefühle zu verletzen. Das ist Fiktion, basierend auf einer wahren Tatsache. Und das kann man nicht mit der Boulevardpresse vergleichen. Ich muss auch sagen, dass ich nur wenige Jahre mit Ulrich Busch zusammengelebt habe – er war der vierte Mann meiner Mutter. Er ist mein zweiter Ex-Stiefvater.

Seit wann lebt er nicht mehr mit Ihrer Mutter zusammen?
Die sind seit elf Jahren getrennt.

Fürchten Sie sich vor einem allfälligen Gerichtsgang Ihres Ex-Stiefvaters?
Nein, dazu gibt es überhaupt keinen Grund.

Haben Sie vor dem Schreiben des Romans mit den Verwandten über den Inhalt des Buchs gesprochen?
Grob ja, aber nicht im Detail. Denn ich empfinde das Schreiben als eine einsame Angelegenheit. Ich schreibe nicht, um andere Leute fertigzumachen, sondern um mich zu retten.

Erstellt: 18.08.2011, 10:30 Uhr

Roche gegen «Bild»

Vor ihrer für den 30. Juni 2001 in London geplanten Hochzeit verunglückte das Fahrzeug von Roches Mutter in Belgien auf dem Weg zur Feier. Roches drei Brüder starben dabei, ihre Mutter wurde schwer verletzt. Daraufhin soll ein Journalist, der sich Roche gegenüber als «Bild»-Mitarbeiter vorstellte, versucht haben, ein Interview mit ihr zu erzwingen, indem er damit drohte, anderenfalls einen negativen Bericht über Roche zu veröffentlichen. Trotz der Weigerung von Roche, ein Interview zu geben, gab es zumindest direkt im Folgenden keine negative Berichterstattung; vielmehr bestritt «Bild», dass sie mit den Vorkommnissen etwas zu tun habe. In ihrem neuen Roman «Schossgebete» verarbeitet Charlotte Roche diese Geschichte.

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