Interview

«Ich trat eben erst als Restrisiko auf»

Der Schweizer Schriftsteller Franz Hohler über das politische Poltern zu Zeiten des Kalten Kriegs, niedrige Stimmbeteilung und die Grenzen der Satire.

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Herr Hohler, ist Politik heute nur noch für die Katze?
Sie spielen auf die erste Erzählung «Der Präsident» an, in der ein Kätzchen einem hohen Politiker folgt. Aber selbstverständlich ist die Politik nicht für die Katze. Politik ist für den Menschen da. Die Frage ist, ob wir das immer so wahrnehmen. Am letzten Wochenende hatte wir im Kanton Zürich Abstimmungen, bei denen es unter 30 Prozent Stimmbeteiligung gab. Das ist eine Botschaft von einer Mehrheit, dass sie die Politik nicht interessiert. Da könnte man sich die Frage stellen, ob die Politik für die Katze ist.

Ja, denn das Kätzchen in der Erzählung ist im Gegensatz zu der Mehrheit der Stimmberechtigten sehr anhänglich gegenüber dem Politiker und macht den milder und lockerer. Müssten mehr Politiker ein Haustier halten?
Ich weiss nicht, ob man das so verallgemeinern darf. Viele Politiker haben ein Tier zu Hause, aber das heisst nicht, dass sie dadurch bessere Politik machen. Das soll ein Zeichen sein, dass man auch ein Mensch ist. Das Kätzchen in der Erzählung ist so anhänglich, dass es der Politiker nicht abschütteln kann und mit ins Büro nehmen muss. Dadurch dringt ein Stück Leben in die Amtsstube. ?

Was ändert sich dadurch? ?
Das Kätzchen hat ganz andere Interessen als der Politiker. Sich ab und zu in ein anderes Interesse zu versetzen, auch in ein anderes Lebenstempo, das würde den Politikern schon gut tun. Das können wir ja auch von Kindern und alten Menschen lernen.

Haben Sie selber auch eine Katze zu Hause?
Wir hatten jahrelang einen Hund. Das war ein schöner Begleiter. Nun haben wir fremde Katzen, die unseren Garten in Anspruch nehmen. Jedes Mal, wenn ich die Treppe hochsteige, liegt dort eine Katze, die sich räkelt und mich vorwurfsvoll anschaut. Die denkt wohl, was ich in ihrem Garten zu suchen habe. Diese Respektlosigkeit vor dem Eigentum, das gefällt mir an den Katzen.

Wenn man Ihre neuesten Texte liest, hat man das Gefühl, dass Sie diese Katzen wie den Politiker in der Erzählung auch milder und sanfter gemacht haben. Wo ist Ihre satirische Bissigkeit von früher geblieben?
Die Satire interessiert mich weniger als früher.

Warum?
Ich weiss das selber nicht so genau. Das ist auch eine Chance, sich zu verändern und nicht immer das Gleiche zu machen. Ich gehe einfach den Dingen nach, die mich interessieren. Und da gehört die Satire nicht mehr dazu.

Hat das mit dem Alter zu tun?
Vielleicht. Oder es liegt womöglich auch daran, dass ich schon zur Genüge Satire gemacht habe. Gegenwärtig interessiert mich mehr das Erzählen von Geschichten. Das heisst aber nicht, dass ich das politische Geschehen nicht mehr verfolge.

Vermissen Sie die Zeiten nicht, als Sie mit Ihrer Version des Deserteurs von Boris Vian im Schweizer Fernsehen für Aufruhr sorgten?
Das ist der Ritterschlag für einen Satiriker, wenn er eine Sendung sprengt. Aber ich muss das nicht haben und habe es auch damals nicht angestrebt. Ich wollte bloss zum Denken anregen. Wenn die Reaktionen dann heftig sind, dann heisst das, dass man etwas getroffen hat. Aber das bleibt auch heute nicht ganz aus: Ich bekomme jetzt noch Reaktionen.

Worauf zum Beispiel?
Vor einem knappen Jahr habe ich den Gegenvorschlag zur Ausschaffungsinitiative geschrieben. Der wurde im «Tages-Anzeiger» als Gedicht veröffentlicht. Es war eine poetische Parodie auf den Gesetzestext, mit der ich einen anderen Ton anschlagen wollte – ein Gegenvorschlag zum reinen Bedrohungsvokabular der Initianten.

Welche Wirkung hatte Ihr Text?
Überraschenderweise eine enorm grosse: Der Text wurde kopiert und auf Tischsets gedruckt, es gab ganzseitige Inserate in Tageszeitungen. Das zeigte mir wieder einmal, dass man mit einem Text durchaus etwas bewirken kann.

Sie haben mit Poesie das Poltern der Politiker übertönt. Schafft das die Satire heute nicht mehr?
Letztlich konnte die Satire die Politik nie übersteigern, sondern bloss karikieren. Die lauten Töne in der Politik gab es seit eh und je.

Für Sie gibt es also keine Verrohung in der politischen Sprache?
Ich stelle heute eine starke Polarisierung fest. Aber wenn ich an die Zeiten des Kalten Krieges zurückdenke, dann erkenne ich die Polarisierung auch dort: Man war so weit voneinander entfernt, dass man kaum eine gemeinsame Sprache gefunden hat.

Was ist heute anders?
Heute wird die Politik von rechts überhaupt infrage gestellt. Da sind wir wieder bei der niedrigen Stimmbeteiligung. Das empfinde ich als die eigentliche Verschärfung und nicht den Tonfall – den kenne ich auch von früher.

Aber wäre da nicht gerade Ihre Stimme als politischer Schriftsteller gefragt? Sie könnte den Menschen sagen, dass sie sich politisch engagieren sollten.
Das ist ja schön, dass man kulturelle Retter sucht.

Ja, aber mittlerweile kann man auch nicht mehr so auf Sie zählen.
Immerhin war ich an der grossen Anti-AKW-Demonstration in Kleindöttingen und trat dort als Restrisiko auf. Ich wollte daran erinnern, wie alt das Problem bereits ist. Es ist also nicht so, dass ich ganz von der Bühne verschwunden bin. Aber ich möchte nicht berechenbar werden.

Andererseits gibt es Schriftsteller wie etwa Max Frisch, die sich im Alter eher radikalisiert haben.
Warten Sie es ab, vielleicht werde ich auch so alt wie Max Frisch.

Erstellt: 07.09.2011, 10:52 Uhr

Franz Hohler: «Der Stein», Luchterhand-Verlag, ISBN: 978-3-630-87361-9

Lesungen aus «Der Stein»

Franz Hohler liest, morgen 8. September, im Literaturhaus, Zürich;
am 19. September im Kellertheater, St.Gallen;
am 20. September in der Buchhandlung Wirz Thalia Bücher, Aarau;
am 21. September in der Buchhandlung Thalia Bücher im Loeb, Bern.

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