Literatur

«Ich will endlich leben, arbeiten und den Sozialismus»

Der Schweizer Autor Walther Kauer wollte in die DDR fliehen, wurde von der Stasi angeheuert – und täuschte sie.

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Walther Kauer, Schweizer Autor (1935–1987), berühmt geworden mit Romanen wie «Schachteltraum» (1974) und «Spätholz» (1976), erzählte gern aus seinem rastlosen Leben. Das aber selten entlang der Fakten. Über seinen Fluchtversuch in die DDR erfährt man denn auch nur durch die Akten der Staatssicherheit und der Schweizer Bundespolizei.

«Ich arbeite nun schon 17 Jahre hier, aber so dreist, aggressiv und frech war noch niemand», notierte der Wachtmeister im Ausländerheim in Frankfurt an der Oder über den Randalierer Kauer. Der hatte ihn volltrunken angebrüllt: «Erst Faschist und dann Kommunistenschwein bei der Vopo. Euer Sozialismus ist alles Scheisse.» Das war das Ende von acht Wochen Aufnahmeverfahren für die DDR-Staatsbürgerschaft.

Anfang Oktober 1963 war der 28-jährige Kauer nachts aus Bern mit einem unversicherten Opel in ein Land aufgebrochen, das sich zwei Jahre zuvor vor aller Welt eingemauert hatte. Eine überstürzte Flucht nach einer zerbrochenen Ehe, jahrelangem Ärger um Zechprellerei, Mietschulden, sieben Monaten Gefängnis, einer drohenden Reststrafe, aber mit dem Wunsch zu schreiben. Erschöpft von der Nachtfahrt, bat er im frühen Morgengrauen die DDR-Grenzbeamten um Asyl. «Nun will ich endlich leben, arbeiten und ein Ziel sehen: den Sozialismus.»

Tippen für die Stasi

Die offizielle DDR interessierte sich jedoch nicht für diese Art von Neubürgern. Dafür die Staatssicherheit. Die Aufnahmeheime waren Eldorados für die Anwerbung zukünftiger Auslandsspione. Kauer, sensibel für das, was ­interessierte, erzählte entsprechend reichlich. Etwa von Peter Sager, dem Leiter des Berner Osteuropa-Instituts, einem vermeintlichen «Drahtzieher» für «Agenten in den sozialistischen Ländern». Wochenlang tippte Kauer für den DDR-Geheimdienst in der Hoffnung, bald ungestört Literarisches im neuen Vaterland verfassen zu können. Er nannte Namen, charakterisierte Personen, zeichnete Lageskizzen.

150 Seiten umfasst die Stasi-Akte, in der sich Gesehenes und Gehörtes zu Fantasien des Kalten Krieges aufbauschen. «Umfangreiche Angaben zu feindlichen Objekten und Organisationen», kommentierte der Verhöroffizier und übergab den plauderfreudigen Einwanderer sofort an die Abteilung XX weiter, als dieser von Verbindungen ­zwischen der Uni Bern und der Freien Universität Berlin erzählte.

Der Grund: Kurz nach dem Mauerbau verhalfen Studenten der Freien Universität ihren Kommilitonen im Osten zur Flucht, auch mithilfe von 200 in Berner Studentenkreisen gesammelten Pässen. Wochenlang hatte ein junger Schweizer mit ruhiger Hand in einer Abrisswohnung am Kurfürstendamm Blankoausweise mit perfekten Stempeln präpariert.

Kauers neuer, fast gleichaltriger Vernehmer, Jürgen Diepold, hoffte auf seinen ersten grossen Coup gegen einen «feindlichen Agentenring». Den Plan aber, sich in West-Berliner Studentenkreise einzuschleichen und die dazugehörigen Schweizverbindungen auszukundschaften, schlug Kauer ihm selber vor. Doch zuvor entlud sich die Frustration des Schweizer Flüchtlings im Hinblick auf seine tristen Heimwochen im promilleschweren Wutausbruch.

Die Enge und die strikten Ausgeh­zeiten, das militärisch-dumpfe Aufsichtspersonal – das Literatenparadies DDR hatte ­er sich anders vorgestellt. Stasi-Offizier Diepold passte das: Ausbruch und Abschiebung von Kauer lieferten ihm die perfekte Rückführungslegende seines zukünftigen Informanten.

Auf der «Blick»-Titelseite

Kaum in West-Berlin, geriet Kauer an einen Korrespondenten des «Blicks», dem er eine antikommunistisch gedrehte Erzählvorlage seiner letzten Wochen servierte, für 100 Westmark. «Berner als Spion in der DDR misshandelt», stand zwei Tage später auf der Titelseite, neben dem Bild des Kommunistenopfers: «Walther Kauers Handgelenke sind noch von den Handschellen gezeichnet, mit denen er zu Geständnissen erpresst wurde.»

Der Erscheinungstag der kauerschen Gruselstory und das erste Treffen mit seinem Führungsoffizier Diepold am Grenzbahnhof Friedrichstrasse fielen just zusammen. Der «Blick» war in Berlin nicht zu bekommen. Insofern war dem Stasi-Mann nicht klar, dass sein neuer Westagent gerade einem Schweizer Publikum erklärt hatte, dem «grössten Konzentrationslager in der Geschichte» entronnen zu sein. Diepold erschien sein Agentenkontakt vielmehr als «ausbaufähig und perspektivvoll».

Zwei Monate schlug sich Kauer durch den trostlos-kalten Winter West-Berlins und traf sich mit seinem Führungsoffizier, zuletzt Ende Dezember 1963. Kauers Ausweis war abgelaufen, die Hoffnung auf eine Volontärstelle beim Berliner ­«Tagesspiegel» hatte sich zerschlagen.

Und auch die Stasi blieb knausrig. 520 Westmark hatte Diepold ihm bisher erst gezahlt. Denn so spektakulär Kauer seinem Gegenüber vieles ausgemalt hatte, seine geheimdienstliche Informationsausbeute war gering. Die Studentenlinie Berlin–Bern war schon seit ­Monaten stillgelegt worden.

Die Schweizer Botschaft zahlte Kauer den Flug nach Hannover und die Bahnfahrt nach Bern. Bei der Schweizer Bundespolizei gab der Rückkehrer erneut die «Blick»-Version zum Besten, nun erweitert um die Androhung einer dreijährigen Haft, mit der man ihn zur Mitarbeit hatte zwingen wollen – wogegen er sich selbstredend vehement verwahrt habe. Und dann ging Kauer noch mal in die Vollen: Der Osten, gab er vor, sei über ­alles informiert, bis hin zu den Schutzvorkehrungen des Berner Bundesplatzes. Ihm seien die Schweizer Generalstabskarte mit Einheiten, Befestigungsanlagen und Brennstofflager vorgelegt worden.

Die Bundespolizei befand, Kauer habe sich «landesverräterischer Beziehungen schuldig gemacht», sei aber dazu gezwungen worden. Seine Auskünfte hielt man für nichtssagend, seine Schuld für gering. In Ost-Berlin aber beförderte man den Stasi-Mann Diepold zum Leutnant wegen «einer perspektivvollen Werbung eines IM zum Einsatz im Operationsgebiet».

Dass Walther Kauer sich Jahre später erneut für Wochen in Ost-Berlin aufhielt, entging dem Geheimdienstler Diepold und seinen Kollegen. Inzwischen war der immer noch angehende Autor der moskautreuen Schweizerischen Partei der Arbeit beigetreten. Über Genossenkontakte gelangte sein erstes, wild ­wucherndes Buchmanuskript zum DDR-Verlag Volk und Welt. Monatelang feilten die enervierten Lektoren, bis der «Schachteltraum» in einer Start­auflage von 10 000 Exemplaren Kauers literarischen Durchbruch begründete.

Immerhin: 1976, immer noch Parteiaktivist, unterschrieb er zusammen mit Friedrich Dürrenmatt, Franz Hohler und Max Frisch ein Protesttelegramm gegen die DDR-Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann. «Ich mache nicht in wildem Antikommunismus», erklärte Kauer dazu in einem Interview. «Aber wir müssen, wie z. B. in der DDR, gegen die wild gewordenen Kleinbürger kämpfen. Dies sind nämlich die potenziellen Träger des Faschismus.»

Erstellt: 19.06.2014, 07:38 Uhr

Walther Kauer 1963 als DDR-Asylbewerber...

...und 14 Jahre später. Fotos: DDR-Archiv, Keystone

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