«Ich will niemandem den Hamburger wegnehmen»

Jonathan Safran Foer, Vegetarier und Autor der Streitschrift «Tiere essen», scheitert ständig beim Versuch, ethisch korrekt zu leben.

«Mich bewegt das Essen von Tieren nicht mehr als hungernde Kinder»: Jonathan Safran Foer.

«Mich bewegt das Essen von Tieren nicht mehr als hungernde Kinder»: Jonathan Safran Foer. Bild: Keystone

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Herr Foer, als Vegetarier, was ist Ihr Lieblingsessen?
Popcorn. Meine Frau und ich machen häufig Popcorn, wenn die Kinder im Bett sind. Es ist die beste Zeit des Tages.

Popcorn? So antwortet der Schriftsteller Foer, nicht der militante Vegetarier, der die Welt vom Fleischessen heilen will. Sind Sie nun Romancier oder Politaktivist?
Ich fühle mich immer noch als Romanautor, nicht als Aktivist. Nehmen wir einen grossen Namen, etwa Philip Roth: Als er sein erstes Buch schrieb, nannte man ihn «Wunderkind», beim zweiten war er ein «jüdischer Schriftsteller», nach dem dritten ein «Menschenfeind», dann ein «grosser amerikanischer Schriftsteller». Heute ist er nur noch Philip Roth. Je mehr man schreibt, desto grösser die Chancen, dass man bestimmte Zuschreibungen übersteht.

So einfach ist es nicht: Sie haben jetzt eine politische Botschaft.
Das Schöne an der Literatur ist ja, dass sie keinen Nutzen hat, keine Botschaft. So gesehen, ist mein Buch «Tiere essen» keine Kunst. Doch ich bin stolz drauf.

Wieso sind Sie politisch geworden?
Da gibt es einige Gründe – etwa: Warum ist die Welt so beschissen geworden?

Ist sie das?
Sicher – allein in der Fleischzucht sind in den letzten zehn Jahren die Zustände viel schlimmer geworden. Aber mich bewegt das Essen von Tieren nicht mehr als anderes – wie Genozide, hungernde Kinder oder das Gesundheitswesen in den USA. Ich fühle mich als Bürger verantwortlich, politisch zu sein, nicht als Schriftsteller.

Sie haben den Ehrgeiz, ein ethisch korrektes Leben zu führen. Sie etwa nicht?
Wahrscheinlich nicht so wie Sie. Ausserdem scheitere ich ständig.

Na und? Ich auch. So bin ich zum Beispiel nicht Veganer. Und ich sage nicht immer die Wahrheit.

Wie weit gehen Sie mit dem Versuch, Ihr Leben ethisch einwandfrei zu führen?
Das ändert jeden Tag. Ich bin nicht konsistent. Ich spende zwar für wohltätige Zwecke, aber viel weniger, als ich eigentlich möchte. Ich engagiere mich auch sehr selten ehrenamtlich, obwohl ich das gerne würde. Sie sehen, ich gehe mit meiner ethischen Ambition weniger weit, als ich es gerne hätte. Ich habe den Anspruch, ein besseres Leben zu führen, aber kein perfektes. Würde ich das versuchen, wäre ich bald depressiv.

Nicht jeder ist so privilegiert wie Sie und kann sich den Versuch leisten, ein ethisch korrektes Leben zu führen. Für den Schweisser mit zwei Jobs ist das Barbecue am Weekend der Lichtblick der Woche.
Ich will niemandem den Hamburger wegnehmen. Ich sage: Man soll so wenig Fleisch wie möglich essen. Was möglich ist, hängt davon ab, wo die Leute leben, wie ihr Budget aussieht, aus welcher Kultur sie kommen. Ich bezweifle nur, dass ein Schweisser andere Prioritäten hat wie ich. Auch er empfindet Mitgefühl mit einem Tier, das gequält wird.

Sie scheinen zu glauben, dass der Mensch seine Impulse kontrollieren kann. Unser eigenes Fleisch ist doch schwach.
Wir haben ja auch nicht dauernd gleich Sex, sobald uns jemand gefällt. Sexuelles Verlangen ist mindestens so stark wie die Lust auf bestimmte Nahrungsmittel. Die meisten Leute haben aber nicht besonders Mühe, dieser Versuchung zu widerstehen. Wir gehen davon aus, dass dies zu einer zivilisierten Gesellschaft gehört. Aus irgendeinem Grund haben wir das Essen von der Bereitschaft zum Kompromiss ausgenommen.

Und wieso wird sich das ändern?
Weil es schon passiert. Freilandeier sind der am stärksten wachsende Sektor der amerikanischen Nahrungsmittelindustrie. Wir sollten das nicht unterschätzen, die USA haben immer noch diesen Wunsch: Ich will mich verbessern. Die Menschheit hat sich ja auch immer wieder zum Guten verändert. Das reicht von der Abschaffung der Sklaverei bis zur Gleichstellung der Frauen. Die Geschichte ist auch eine Geschichte des moralischen Fortschritts.

Vorher haben Sie noch gesagt, die Welt gehe den Bach runter.
Die Geschichte bewegt sich nicht gerade wie ein Pfeil. Und es passiert nichts von alleine, sondern nur, wenn viele Leute ihre Zeit und Energie für diesen Kampf aufwenden. Aber langfristig scheint mir diese Entwicklung unaufhaltbar, dass wir auf immer mehr Gruppen und Lebewesen Rücksicht nehmen.

Ist Ihr Engagement das Engagement einer neuen Generation, welche die Moral wieder betont?
Schön wärs. Die Leute sind apathischer denn je, kümmern sich nur um sich selber. Das Internet gibt uns die Illusion, dass wir alle miteinander verbunden sind, aber in Realität kommt es nicht zur Mobilisierung. Mit dem Internet beschäftigen wir uns weniger und nicht mehr mit der Welt.

Das Engagement war aber spürbar, als die amerikanische Jugend Barack Obama zum Präsidenten machte. Ist die Euphorie weg?
Das Problem ist nicht nur amerikanisch. Die Leute überall auf der Welt glauben, sie hätten das Recht zu bekommen, was sie wollen – alles, sofort und für möglichst wenig Geld. Das erklärt nicht nur die Gier nach Fleisch, sondern auch die Enttäuschung über Obama. Die Leute sind frustriert, dass er ihnen nicht gleich alles gegeben hat, was sie wollten, auch die Demokraten. Wir haben diese Krankheit, dieses Verlangen nach «muchness», nach dem ständigen Mehr. Obama hat Sie nicht enttäuscht?
Überhaupt nicht. Der Mann ist nicht Moses, der das Meer teilte. Er hat in zwei Jahren mehr erreicht als jeder Präsident seit Franklin D. Roosevelt, was bahnbrechende Gesetze wie die Gesundheitsreform betrifft. Stellen Sie sich vor, was er nach acht Jahren erreicht haben könnte.

Er wird wiedergewählt?
Davon bin ich überzeugt. Er ist klar der gescheiteste, fähigste Mann, der infrage kommt. Und er hat einen Draht zu den Leuten. Darauf würde ich viel wetten.

Das sieht aus der Ferne anders aus. Die Wut der Tea Party, der Erdrutschsieg der Republikaner, das Attentat in Arizona: Der Präsident ist doch extrem unter Druck.
Die Tea-Party-Bewegung ist eine reflexartige Reaktion, weil Obama so viel erreicht. In nicht allzu ferner Zukunft wird man sich nicht mehr an sie erinnern. Und die Korrektur in den Zwischenwahlen ist nur deutlicher ausgefallen als sonst wegen der scharfen Rhetorik der Rechten. Sie schüren die Emotionen, denn wütende Leute gehen wählen. Im Prinzip hat sich nichts geändert: Das Land ist in zwei ähnlich grosse Lager gespalten. Je nachdem, ob die Republikaner oder die Demokraten den charismatischen Politiker stellen, schwingt die eine oder andere Seite obenaus.

Sie nehmen überhaupt nicht ernst, was passiert. Kennen Sie, ein New Yorker Intellektueller, überhaupt einen Anhänger der Tea Party oder von Sarah Palin?
Nein. Aber ich verstehe, dass diese Leute wütend sind. Nur zweifle ich daran, dass diese Wut gegen eine bestimmte Politik gerichtet ist. Die Leute sind wütend, weil der Graben zu den Reichen wächst, weil Amerika für sie nicht mehr so verheissungsvoll ist, wie es einst war. Ich glaube auch nicht, dass Sarah Palin im Ernstfall auf viel Unterstützung hoffen kann. Es ist wie bei einem Autowrack: Man schaut gerne hin, wenn man vorbeifährt. Und das Hinschauen kann allerlei Verkehrsprobleme verursachen, aber dennoch will man nicht drinsitzen.

Die Wut ist harmlos?
Für das Land? O nein! Ich denke, wir werden immer mehr Gewalt sehen, mehr Selbstmorde von jungen Menschen. Waffen, egal, ob richtige oder intellektuelle wie Facebook, die das Cybermobbing ermöglichen, waren noch nie so leicht zugänglich wie heute. Wie gesagt, sind wir besessen von der Idee des Mehr. Doch unser Leben wäre besser, wenn wir gewisse Sachen nicht hätten. Dazu gehören Waffen. Sowie Facebook.

Facebook ist doch keine Waffe. Was haben Sie gegen Facebook?
Auch neue Technologien wie Facebook und Twitter machen uns wütend. Wir verbringen Stunden damit, und dann wissen wir nicht, wie wir unsere Zeit vergeudet haben. Wir glauben dem Versprechen, mit allen möglichen Menschen verbunden zu sein und viele Freunde zu haben. Und doch fühlen wir eine wachsende Einsamkeit. Das Leben verliert an Reichtum.

Technologie ist doch nur ein Instrument, das Möglichkeiten eröffnet. Was ist falsch daran, auf Facebook neue Freunde zu finden?
Für Mark Twain war man der glücklichste Mensch der Welt, wenn man starb und einen Menschen seinen Freund nennen konnte. Hatte man zwei Freunde, empfahl er sogar eine entsprechende Inschrift auf dem Grabstein. So schwierig sei es, ein guter Freund zu sein. Das Problem mit neuen Technologien wie Facebook und Twitter ist nun, dass sie uns dazu animieren, solche Werte neu zu definieren. Eine Definition von Freundschaft, die es einem erlaubt, 300 Freunde zu haben, ist armselig. Wir werden dazu ermuntert, bei so unschätzbaren Dingen wie Freundschaft oder Liebe unsere Erwartungen zu senken.

Erstellt: 24.01.2011, 08:28 Uhr

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