Ideologischer Kampfplatz

Der Historiker Georg Kreis gibt eine neue und umfassende «Geschichte der Schweiz» heraus.

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Die Schweiz ist seit einem Jahrhundert eine Insel des Friedens. Anders sieht es auf dem Terrain der Schweizer Geschichtsschreibung aus: Sie ist ein Kampfplatz, auf dem ideologische Gefechte ausgetragen werden. Das wird deutlich, wenn die mythische Frühzeit oder die scheinbar ewige Neutralität in den Abstimmungskämpfen als Argumente genutzt werden. Angesichts dieser Gemengelage ist es sehr erfreulich, dass die Historiker zuletzt äusserst produktiv waren und gleich mehrere gut lesbare Gesamtdarstellungen der Schweizer Geschichte veröffentlichten wie Thomas Maissens Bestseller und Volker Reinhardts Band.

Einen etwas anderen Anspruch verfolgt «Die Geschichte der Schweiz», die unter der Ägide von Georg Kreis entstand. Mit dem Handbuch, das in Sachen Umfang, Ausstattung und Preis die Darstellungen von Maissen und Reinhardt klar übertrifft, soll die dreibändige ­«Geschichte der Schweiz und der Schweizer» abgelöst werden, die seit ihrem Erscheinen in den 1980ern als Standardwerk galt. Zugleich will die neue Schweizer Geschichte eine Art Leistungsschau sein: Mit ihr soll gezeigt werden, was die Geschichtsforschung als «synthetisierende Integrationswissenschaft par excellence» (Georg Kreis) leisten kann.

Um diese Ziele zu erreichen, arbeitet sich ein Autorenkollektiv in Epochen­kapiteln durch die Schweizer Geschichte. Und zwischen diesen Kapiteln gibt es kurze Essays, die Schlaglichter auf einzelne Aspekte werfen, etwa auf die direkte Demokratie, den Tourismus, die Armee oder die Fremden in der Schweiz. Hinzu kommen Aufsätze über methodische Aspekte – vom Archiv­wesen bis zur Umweltgeschichte –, die aufzeigen, wie die Geschichte erzählt wird und wie man sie auch noch erzählen könnte. Damit ist diese «Schweizer Geschichte» primär etwas für Studenten, Lehrer und interessierte Laien, die sich einen Überblick über die aktuelle Forschung verschaffen wollen. Hilfreich sind dabei auch die Grafiken, Karten und Abbildungen, die einzelne Aspekte hervorragend veranschaulichen.

Erstmals weibliche Mitwirkung

Keine Überraschung ist der Umstand, dass sich diese Schweizer Geschichte als Korrektiv eines verbreiteten Geschichtsbildes versteht und alles unter die Lupe nimmt, was von den politischen Rechten vereinnahmt wurde oder sich vereinnahmen liesse. Das betrifft den Mythos des Bundesbriefs von 1291, dessen Echtheit mit Verweis auf die Arbeiten von ­Roger Sablonier infrage gestellt wird, auch wenn «die entsprechende Diskussion noch nicht abgeschlossen» sei. Ein anderes instabiles Konzept ist das der «Neutralität», wie Kreis in einem Kurzbeitrag zeigt. So gab es nach 1920 eine Phase der «differenziellen Neutralität», in der sich die Schweiz an wirtschaftlichen Sanktionen beteiligte. Nach 1938 folgte eine Phase der «integralen Neutralität», in der die Schweiz von allen internationalen Sanktionen Abstand nahm. Von einer «immerwährenden Neutralität» der Schweiz, die 1815 von den Grossmächten anerkannt wurde, kann also nicht die Rede sein.

Die «Geschlechterdimension» ist neben der Dekonstruktion von Geschichtsmythen das zweite wichtige Anliegen des Bandes. Im Vorwort betont Kreis, dass er «die erste schweizerische Gesamtgeschichte mit weiblicher Mitwirkung» herausgibt und dass «die Historikerinnen für etwa die Hälfte der Hauptbeiträge verantwortlich zeichnen».

Am stärksten zum Tragen kommt die «Geschlechterdimension» im Kapitel über die Zeit zwischen 1914 und 1949. Dort kann der Historiker Sacha Zala zeigen, dass, überraschenderweise, «der Einsatz der Männer in der Armee» in der Zeit des Zweiten Weltkriegs «nicht zu einem Anstieg der Frauenerwerbsquote» führte. «Im Gegenteil erreicht die Zahl der erwerbstätigen Frauen während des Zweiten Weltkriegs ihren tiefsten Stand in der gesamten Epoche. Die bessere soziale Absicherung und die Kampagnen gegen die Frauenerwerbsarbeit in der Zwischenkriegszeit zeigten Wirkung.» Diese Kampagnen richteten sich etwa gegen das vermeintlich sozial ungerechte «Doppelverdienertum». Dieses wurde von der faschistoiden Nationalen Front ebenso wie von den Sozialdemokraten bekämpft. Infolgedessen sank die Frauenerwerbsquote zwischen 1910 und 1941 von 47 auf 36 Prozent.

Ist jedes Mittel recht?

Etwas irritierend wirken hingegen Zalas Bemerkungen zur Schweizer Flüchtlingspolitik. Dort heisst es: «Eine Analyse aufgrund von Klasse, Geschlecht und ‹Rasse› zeigt die besondere Diskriminierung von Frauen sowie von Opfern der ‹rassischen› Verfolgung.» Darauf folgen keine weiteren Erklärungen.

Zählen zu den Opfern der «rassischen» Verfolgung an der Schweizer Grenze auch Frauen? Oder war die Diskriminierung aufgrund des biologischen Geschlechts dort ebenso schlimm wie die Diskriminierung aus «rassischen» Gründen? Oder ist hier dem Autor gar jedes Mittel recht, um aus der Perspektive der Geschlechtergeschichte das «bislang ­dominierende Narrativ der Neutralität zu überwinden», wie es zu Beginn des Kapitels heisst? Widmet man sich am Ende gar nur aus instrumentell-poli­tischen Gründen der Geschlechter­forschung – damit man das Neutralitätsthema in der Geschichtsschreibung und der Geschichte «überwinden» kann? Das wäre fatal.

Dass Georg Kreis eine eigene politische Haltung hat, ist nicht anrüchig – und er macht daraus auch keinen Hehl, wenn er in seinem Beitrag zur Neutralität schreibt, diese sei ein «wohlfeiles» Argument, damit die Schweiz nicht an internationalen Institutionen mitwirken müsse. Wenn man die Historiografie aber davor bewahren will, dass sie zum Kampfplatz der Ideologien verkommt, sollte man politische Meinung und geschichtswissenschaftliche Methode so gut wie möglich voneinander trennen.

Buchpräsentation und Podiums­diskussion mit Georg Kreis und Sacha Zala heute Donnerstag (18 Uhr) im Schweizerischen Landesmuseum. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 15.05.2014, 02:33 Uhr

Georg Kreis (Hg.)


Die Geschichte der Schweiz.

Schwabe, Basel 2014. 628 S., bis Ende Juni ca. 98 Fr., dann 128 Fr.

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