Im Herzen der Finsternis

Mario Vargas Llosa, der Literaturnobelpreisträger von 2010, erzählt die Geschichte eines mutigen Kämpfers gegen die Ausbeutung von Kautschukarbeitern am Kongo und am Amazonas.

Für «Der Traum der Kelten» recherchierte der Autor auf drei Kontinenten: Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa.

Für «Der Traum der Kelten» recherchierte der Autor auf drei Kontinenten: Der Literaturnobelpreisträger Mario Vargas Llosa. Bild: Keystone

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Zu den dunkelsten Kapiteln der europäischen Kolonialgeschichte gehört der Kautschuk-Abbau zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den entlegenen Dschungelgebieten Afrikas und Südamerikas. Dirigiert von mächtigen Kautschukbaronen, Börsenspekulanten und Händlern in weissen Kragen, terrorisiert von korrupten Kolonialbeamten und einheimischen Profiteuren, mussten Eingeborene Sklavenarbeit verrichten. Arbeitsverweigerer wurden ausgepeitscht oder erschossen, Minderleistern wurden Nasen, Hände und Geschlechtsteile abgehackt, Frauen und Kinder als Geiseln festgehalten und zur Prostitution gezwungen.

Dass diese Gräuel aufgedeckt und schliesslich abgestellt wurden, war vor allem ein Verdienst von Roger Casement (1864–1916), einem in Irland geborenen Diplomaten in englischen Diensten. Seine Untersuchungsberichte über die Kolonialverbrechen in Belgisch-Kongo und am Amazonas lösten eine Welle der Empörung in Europa und Amerika aus. Schriftsteller wie George Bernhard Shaw und Arthur Conan Doyle, liberale Journalisten, Kirchenmänner, empfindsame Salondamen und selbst US-Präsident Woodrow Wilson unterstützten die Kampagne.

Ein Freund Joseph Conrads

Nicht ohne Erfolg: Die korruptesten Beamten und übelsten Sadisten, wie sie Casements Freund Joseph Conrad in seinem «Herz der Finsternis» beschrieben hatte, wurden aus dem Verkehr gezogen, die Peruvian Amazon Company wurde 1912 liquidiert. Der Preiszerfall auf dem Kautschukmarkt durch die asiatische Konkurrenz liess ehemals glanzvolle Urwaldmetropolen wie Manaus und Iquitos wieder an die Natur zurückfallen.

Als Casement für seine Verdienste 1911 geadelt wurde, gab er bereits nichts mehr auf britische Orden: Seine Erfahrung mit kolonialer Barbarei (und wohl auch seine Hinwendung zum katholischen Glauben) hatten ihn zu einem glühenden irischen Nationalisten gemacht. Im Ersten Weltkrieg warb er in deutschen Gefangenenlagern – mit wenig Erfolg – Rekruten für den Freiheitskampf gegen die Engländer an. 1916 wurde er beim Versuch, auf einem deutschen U-Boot Waffen für den Osteraufstand nach Irland zu schmuggeln, verhaftet und zum Tode verurteilt. Selbst Kampfgefährten und Freunde gingen auf Distanz zum Kollaborateur, vor allem als dann noch «geheime Tagebücher» auftauchten, die Casement in den Verdacht der Homosexualität rückten. Am 3. August 1916 wurde er, körperlich und seelisch bereits zerrüttet, hingerichtet. Spät rehabilitiert, wird er heute in Irland als Nationalheld verehrt.Mario Vargas Llosas Casement-Roman erschien, kurz bevor er mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. «Der Traum des Kelten» – der Titel erinnert an ein Versepos, in dem Casement sich 1906 zu seinen irisch-gälischen Wurzeln bekannt hatte – hätte allerdings die hohe Auszeichnung nicht begründen können.

Vargas Llosa, der in seinem Werk immer wieder grossartige, fiebrigheisse Bilder für das Leiden der Indios unter Ausbeutung, Korruption und dem Terror einer entfesselten Soldateska gefunden hat, erzählt die Tragödie merkwürdig uninspiriert. Der Rechercheaufwand war enorm; auf drei Kontinenten durchkämmten der Autor und seine zahlreichen Helfer Archive und Bibliotheken. Aber die Last der Fakten, der biografisch-dokumentarische Gestus, die umständliche Konstruktion (Casements Geschichte in der Todeszelle von hinten aufgerollt, was zu Längen und Redundanzen führt), die hölzernen Dialoge und ermüdenden Gespräche mit Missionaren und Gefängnisgeistlichen engen die erzählerische Freiheit doch stark ein. Von wegen Magischer Realismus: Streckenweise liest sich dieser «Traum» wie eine leicht verkitschte Heiligenlegende. Nicht umsonst liest Casement in seiner Todeszelle die «Nachfolge Christi».

Der wahre Weltbürger

Casement ist für Vargas Llosa ein makelloser Held. Verhöhnt als «Negerfreund», naiver Schwächling, Vaterlandsverräter und Päderast, gepeinigt von Malaria, Arthritis, Ekel und Depressionen, bleibt er allzeit der aufrechte Idealist, Gentleman und «wahre Weltbürger», der dem Kampf um Wahrheit und Gerechtigkeit, Gesundheit und Glück schliesslich sein Leben opfert.

Manchmal erscheint Roger Casement sogar wie ein verkapptes Selbstporträt des enttäuschten Politikers Vargas Llosa. Heute wie damals, im Kongo wie in Peru, ist es die alte, «immer gleiche Geschichte»: Das Paradies der Eingeborenen wird durch die «Erbsünde» europäischer Habgier und Grausamkeit zerstört.Casements homosexuelle Neigungen werden nur diskret gestreift; schliesslich ist bis heute umstritten, ob die «Black Diaries» nur eine Fälschung des britischen Geheimdiensts waren. Vargas Llosa neigt einer dritten Hypothese zu: Die sexuellen Abenteuer in Casements Tagebüchern entsprangen zu ihrem besten Teil der tropisch überhitzten Fantasie eines verhinderten Schriftstellers, der fern der Zivilisation seine Befreiung erlebt. In seinem eigenen Roman ist von Lust und Leidenschaft allerdings wenig zu spüren.

Erstellt: 28.09.2011, 07:15 Uhr

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Das Buch:

Mario Vargas Llosa: Der Traum des Kelten. Roman. Aus dem Spanischen von Angelica Ammar. Suhrkamp, Berlin 2011. 447 S., ca. 38 Fr.

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