Im Nebel des Vergessens

«Der begrabene Riese», der neue Roman von Kazuo Ishiguro, führt ins finstere Frühmittelalter. Es geht um historische Gewalt, die unter einem Drachennebel verborgen liegt.

In Kazuo Ishiguros Roman sondert ein Drache eine Substanz ab, die sich als Dunst des Schweigens über begangenes Unrecht legt. Foto: Rachel Sussman (Gallery Stock)

In Kazuo Ishiguros Roman sondert ein Drache eine Substanz ab, die sich als Dunst des Schweigens über begangenes Unrecht legt. Foto: Rachel Sussman (Gallery Stock)

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Ritter Gawein hat eine bemerkenswerte literarische Karriere gemacht. Aus den Tiefen walisischen Sagenguts kommend, sass er mit dem legendären König Artus an dessen Tafelrunde, Verkörperung aller höfischen Tugenden, von dessen Heldentaten zahllose Epen berichten. In späteren Dichtungen trübt sich das Bild ein, wird differenzierter, menschlicher; Gawein zeigt einen für Ritter bedenklichen Hang zum Amourösen. Das Kino unserer Zeit fügt der Gestalt nochmals neue Facetten zu bis hin zur Farce: In «Monty Python and the Holy Grail» macht ihm ein Killerkaninchen den Garaus.

Ein Kaninchen, wenngleich harmlos, taucht auch in Kazuo Ishiguros neuem Roman auf. Es gehört einem Fährmann, könnte aber auch bloss ein Zitat sein – wie so vieles in diesem merkwürdigen Buch. Es spielt im 6. Jahrhundert in einem England, über das man wenig weiss. Die Römer sind abgezogen, ihre Infrastruktur ist zerfallen; über das Land verstreut wohnen keltische Britannier neben und mit germanischen (Angel-)Sachsen. Auch König Artus soll damals gelebt haben, ausserdem Drachen und Kobolde, Menschenfresser und Untiere.

«Der begrabene Riese» knüpft nicht an moderne, sich in irgendein Mittelalter zurückträumende Fantasy an, sondern an jene «historische» Literatur, für die das Fantastische Teil des Alltags war – ein Kind konnte von feindlichen Soldaten oder einer bösen Fee geraubt werden. Auch Gawein ist eine durch und durch literarische Figur: der alte Mann, hager und grauhaarig, mit rostigem Harnisch und einer Schindmähre, ist das nicht ... genau! Wie Don Quijote, der erst Jahrhunderte später in Spanien das Licht der Welt erblickt, führt dieser Gawein hochtrabende, ja wirre Reden, hält schwarze Vögel für Witwen mit wehenden Gewändern und renommiert mit vergangenen Grosstaten.

Damals, als er noch für Artus kämpfte, ist er auch Axl begegnet, der mit seiner Frau Beatrice das zentrale Paar des Romans bildet, einander innig zugetan, Aussenseiter in ihrer Gemeinschaft. Sie machen sich zu einer Reise auf, die zur letzten Etappe ihrer Lebensreise wird. Sich nie trennen müssen: Das ist der Herzenswunsch dieser Wiedergänger von Philemon und Baucis. Sie hören von einer Insel, auf der die Toten leben, ohne einander wahrnehmen zu können. Nur ausgewählten Paaren sei es vergönnt, zusammenzubleiben.

Kampf gegen allerlei Gefahren

Die Auswahl trifft ein Fährmann mit Fragen nach gemeinsamen Erinnerungen. Eben die aber sind Axl und Beatrice verloren gegangen, sodass man sich als Leser für kurze Zeit in einem Demenzroman glaubt – bis sich herausstellt, dass das Vergessen wie ein Fluch über dem ganzen Land liegt. Konkret manifestiert es sich in einer Art Nebel und geht auf die Ausdünstungen eines Drachen namens Querig zurück. Querig zu erlegen: Das ist das neue Ziel der «Queste», der Abenteuerfahrt, die zu jedem Ritterroman gehört wie der Mord zum Krimi. An der Queste nehmen Axl und Beatrice teil, Gawein, ausserdem der sächsische Krieger Wistan sowie dessen junger Begleiter. Es gibt allerlei Proben zu bestehen, Gefahren zu überwinden – Zweikämpfe, böse Soldaten, verräterische Mönche und manches mehr.

Nach und nach hebt sich der Nebel des Vergessens, und offenbar wird mehr und mehr von der Vergangenheit, aber auch der philosophische Hintergrund des Romans. Ishiguro, britischer Autor japanischer Herkunft und Booker-Preisträger («Was vom Tage übrigblieb») interessiert die zwiespältige Bedeutung von Erinnerung für den Einzelnen wie für die Gemeinschaft. Im grossartigen Klon-Roman «Alles, was wir geben mussten» hatte er das Schreckensbild einer Conditio humana ohne Zukunft gezeichnet. Im «Begrabenen Riesen» schrumpft der Mensch, wenn ihm die Vergangenheit fehlt, auf zwei flache Dimensionen zusammen. Das alte Paar kämpft um die Wiedergewinnung seiner Erinnerungen, fürchtet diese aber zugleich: Käme dabei nicht auch Unschönes zutage, Streit, Entfremdung, Rache? Genauso wird es sein, genauso verhält es sich auch im grossen Rahmen.

Axl hatte einst den Auftrag, eine von König Artus erlassene Schutzkonvention für die Zivilbevölkerung in sächsischen Dörfern zu verbreiten: Niemand dürfe Frauen und Kinder des Feindes antasten. Gegen diese Konvention hatte Artus dann selbst verstossen und ein Blutbad unter den Sachsen angerichtet. Über das Massaker liess Artus den Mantel des Schweigens breiten – eben den Nebel des Drachens. Tötet man ihn, bricht das Trauma der Unterlegenen wieder auf, kommt es zur Revanche.

Ein Komplex, den man mühelos auf die jüngere Zeitgeschichte übertragen kann. Die Wahrheitskommissionen in Südafrika, die völlig unzulängliche Aufarbeitung in Kambodscha: Das sind die Pole der sogenannten Vergangenheitsbewältigung. Tatsächlich gibt es auch ernst zu nehmende Historiker, die eine – zeitweilige – Verdrängung begangener Verbrechen für unumgänglich halten, wenn verfeindete Volksgruppen weiter zusammenleben müssen. Ishiguro hat den Roman ursprünglich auch im befreiten Frankreich oder im heutigen Bosnien ansiedeln wollen, davon aber Abstand genommen: Weil er sich bei der grundsätzlichen Überlegung, wie man mit Gräueln, Massakern und Genoziden umgeht, nicht von den spezifischen Details eines historischen Einzelfalls «ablenken» lassen wollte.

Keine gute Entscheidung: Im Nebel der «dunklen Jahrhunderte» wird auch die Problematik vage. Sein Bemühen, sich dem Geist der Zeit, wie er ihn sich vorstellte, anzugleichen, führt überdies zu einem langsamen, fast prozessionsartigen Voranschreiten der Handlung (nur die Zweikämpfe sind sekundenschnell entschieden) und langen, gravitätischen Streitgesprächen. Ohnehin sind die Dialoge nicht die Stärke des Buches. Diese liegt vielmehr in der Beschwörung einer Atmosphäre des Unheils, das sich nach und nach ins Bewusstsein des alten Paares und der Leser einschleicht: die Ahnung, dass die Zeit des Vergessensfriedens vorbeigeht und sich eine neue Ära der Gewalt ankündigt. Bald werden die Sachsen «wie ein Feuerball» über die Britannier kommen und sie, soweit sie überleben, in den äussersten Westen treiben.

Wie im Horror unserer Tage

Die wachsenden Animositäten zwischen den Ethnien; aus Angst geborene Aggression; die Beschwörung alter Bluttaten zur Rechtfertigung neuer: Das ist meisterhaft evoziert und lässt an den Horror denken, den der Zerfall gemischter Bevölkerungen in unseren Tagen auslöst. Es hat etwas Unausweichliches, Deprimierendes: Hebt sich der Nebel, fällt das Licht auf ein künftiges Schlachtfeld.

Trost bietet Ishiguro – vielleicht – nur auf der individuellen Ebene. Zwar schlummert auch im Herzen jedes einzelnen Menschen der Wunsch nach Rache für erlittenes Leid – neben der Sehnsucht nach Frieden: Das begreift auch unser altes Paar. Beide sind aneinander schuldig geworden. Aber weil sie die Schuld akzeptieren, die eigene wie die des anderen, hätten sie ein gemeinsames Leben auf der Toteninsel wohl verdient.

Kazuo Ishiguro: Der begrabene Riese. Roman. Aus dem Englischen von Barbara Schaden. Blessing, München 2015. 414 S., ca. 34 Fr.

Erstellt: 13.09.2015, 18:09 Uhr

Kazuo Ishiguro
Schriftsteller

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