Im Ring des Konzentrationslagers

Der Jude Hertzko Haft boxte im KZ um sein Leben. In einer düsteren Graphic Novel erzählt Reinhard Kleist seine Geschichte.

Reinhard Kleist hat die Tragödie in bedrängende Schwarzweissbilder übersetzt.

Reinhard Kleist hat die Tragödie in bedrängende Schwarzweissbilder übersetzt. Bild: Carlsen Verlag

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Er war kein sanfter Vater, eher ein wildes Tier, stumm und jähzornig, unbegreiflich und angsteinflössend. Und an einem Septembertag im Jahr 1963 hatte er seinen Sohn Alan einfach ins Auto gepackt und war mit grimmigem Gesicht losgefahren. «Keine Musik jetzt», zischte er, als sein Sohn die Hand nach dem Radio ausstreckte; danach Schweigen. Später sank sein Kopf aufs Steuerrad, und das Unglaubliche geschah: Vater weinte. «Eines Tages werde ich dir alles erzählen», erklärte er knapp.

«Eines Tages», das war vierzig Jahre später. Und 2003 schrieb Alan Scott Haft, Jahrgang 1950, die Geschichte seines Vaters auf. Die «Überlebensgeschichte des jüdischen Boxers Hertzko Haft» erschien vor drei Jahren auf Deutsch. Jetzt hat der zweifache Max-und-Moritz-Preisträger und Kult-Künstler Reinhard Kleist («Cash», «Castro», «Elvis») daraus eine Serie und nun auch eine Graphic Novel gemacht. Sie fährt ein wie ein Faustschlag. «Der Boxer – Die wahre Geschichte des Hertzko Haft» ist ein Holocaust-Comic, der den Horror nicht instrumentalisiert und seine Leser nie in die Knie zu zwingen versucht. Er behauptet keine Nähe, die der 1970 geborene, deutsche Kleist gar nicht haben kann. Aber er lässt auch keine Abkehr zu, keine Gnade der späten Geburt.

Naturgemäss ist «Der Boxer» weit weg von Art Spiegelmans «Maus». Doch die Konstellation der Rahmenhandlung gleicht sich: der Sohn, der das traumatisierte Verhalten seiner Eltern lange nicht versteht, bis er schliesslich von ihrer Vergangenheit erfährt. Alan Haft als Erzähler hinter dem Band gibt der Geschichte jene Schwere des Wirklichen, nach der Erzählungen über den Holocaust zu verlangen scheinen. Es ist problematisch, Fantasiewelten aus den Gräueln des KZs zu bauen, auch wenn das künstlerische Schaffen dafür sorgt, dass Historisches nicht vergessen geht.

Ohne Hoffnung, ohne Gott

Kleist hält denn auch Abstand, arbeitet sich mit einer strengen, kastenförmigen Panel-Architektur in Schwarzweiss durch die Tragödie. Und er zeigt, warum Comic als Reportage- und Erzählformat, das in der Wirklichkeit wurzelt, ohne seine Fiktionalität zu verleugnen, so grandios funktioniert. So sind wir mitgenommen von diesen Schrecken aus dritter Hand, aus einem anderen Jahrhundert.

Hertzko ist 14, als die Deutschen 1939 in seiner Heimat, im polnischen Belchatow, einmarschieren. Die Mitglieder seiner Familie werden, wie alle Juden, in ein Ghetto gepfercht, sie kämpfen als Schmuggler ums Überleben und ein Stück Alltagsleben mitten in Chaos und Armut – und der Teenager verliebt sich unsterblich in die schöne Leah. Als sein älterer Bruder sich 1941 zur Registrierung bei den deutschen Behörden meldet und nicht wiederkommt, geht Hertzko zur Amtsstelle; dort verhilft er seinem Bruder zur Flucht, wird aber an seiner statt ins Lager bei Posen verfrachtet. Dass er sich im Lager mit einem Vorarbeiter anfreundet, gibt ihm die Möglichkeit, Leah zu schreiben und, ein einziges Mal, Belchatow zu besuchen. Just an diesem Tag aber wird seine Familie abgeholt, und er muss mit ansehen, wie sein Neffe, ein Baby noch, von den Nazis in den Matsch geworfen und erschossen wird. Danach ist die Welt für ihn eine andere. Ohne Hoffnung, ohne Gott. Voller Raubtiere.

«Es gab keinen Gott mehr», das wird der Refrain bleiben, wenn Hertzko im dunklen Viehwaggon ins Lager nach Strzelin geschafft wird: «Zuletzt hörte man nur noch das Seufzen der Sterbenden unter unseren Füssen.» Schwarz quillt aus den Comicbildern und verschluckt alle Worte. Auch als die Fahrt weitergeht ins SS-Lager in Jaworzno, einer Filiale von Auschwitz.

Durch K. o. zum Tod verurteilt

Ausgehöhlte Gesichter, ausgemergelte Körper und Gemeinheit, wo man hinschaut: der Nachbar aus Belchatow, der den Buben für eine Brotkante zusammenschlägt; Diebstähle und verzweifeltes Ranschmeissen an die, die das Sagen haben. Wenn der Mensch unter unmenschlichen Bedingungen lebt, wird er zum Unmenschen. Auch Hertzko. Man zwingt ihn in Jaworzno, als KZ-Gladiator in den Ring zu steigen und seine Gegner, ausgehungerte Gefangene wie er selbst, durch K. o. zum Tod zu verurteilen. «Ich dachte nicht daran, dass die Männer getötet wurden, nur daran, dass ich weiterleben durfte.» Sein Spitzname lautet «Das jüdische Biest» – und ist sein Ticket für mehr Essen, mehr Protektion.

Doch als sich die Kriegslage ändert, verfrachtet man die Häftlinge ins KZ Flossenbürg («Vernichtung durch Arbeit»). Die Situation wird so elend, dass Gefangene nachts Mithäftlinge umbringen und deren Innereien verschlingen. Die Schwärze auf den Seiten wird noch schärfer, noch kälter, die Silhouetten werden noch verzogener. Die Sinnlosigkeit des Mordens hat Kleist in seine kleinen schwarzen Kästen gepackt, die uns einschliessen wie Särge.

Auf dem letzten Todesmarsch, ins KZ Dachau, gelingt dem «Biest» die Flucht. Er frisst Gras, schlägt sich durch, ermordet ein altes Ehepaar und wird schliesslich von Amerikanern aufgegriffen. Er hilft ihnen beim Betrieb eines Bordells und schafft es in die USA, wo er erfolglos versucht, sich als Boxer durchzusetzen. Einmal tritt er sogar gegen den späteren Schwergewichtsweltmeister Rocky Marciano an – und sein Ringen um ein würdevolles Leben in den USA wird so intensiv geschildert wie die Not davor.

Aber eigentlich träumt Hertzko nur von einem Wiedersehen mit Leah; von seiner Familie hat nur ein Bruder überlebt. Erst nach Jahrzehnten wird er Leah finden, eine mittlerweile todkranke Frau mit Mann und Tochter, die Hertzko genauso wenig vergessen hat wie er sie. Auf der Heimfahrt wird er über dem Steuer zusammensinken und weinen, und sein Sohn Alan wird nichts verstehen.

Wie Reinhard Kleist diese Geschichte in einen bedrängenden Schwarzweissfilm übersetzt, mit expressionistischem Furor, aber ohne verkünstelte Selbstverliebtheiten; erschütternd, aber ohne Sentimentalität; wie er Historie in Fleisch und Blut verwandelt und Personen in zerrissene Menschen: Das ist beeindruckend. Zu erwähnen ist auch der hervorragende historische Anhang des Buches zum Boxen im KZ. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 04.01.2013, 08:25 Uhr

Kleist, Reinhard, «Der Boxer», Carlsen, 191 Seiten, ISBN 978-3-551-78697-5, CHF 27.90.

Der Boxer

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