Filmkritik

Im Sog der menschlichen Finsternis

Der Autor Jim Thompson (1906–1977) schrieb die Vorlage zu Michael Winterbottoms «The Killer Inside Me». Der Film ist brutal – der Roman ist verstörend.

Mörderischer Deputy Sheriff: Casey Affleck in «The Killer
Inside Me».

Mörderischer Deputy Sheriff: Casey Affleck in «The Killer Inside Me». Bild: PD

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Es ist gefährlich, Romane von Jim Thompson zu lesen. Sie verändern unsere Wahrnehmung, und zwar langsam wie ein schleichendes Gift. Diffuse Schuldgefühle breiten sich aus, wir kommen uns irgendwie schmutzig vor. Nun hat auch Patricia Highsmith Verbrecher ins Zentrum gestellt, aber sie lässt uns durch einen allwissenden Erzähler am Geschehen teilhaben. Thompson geht einen entscheidenden Schritt weiter: In seinen beklemmendsten Romanen wie «The Killer Inside Me» (1952) oder «Pop. 1280» (1964) sind Psychopathen Icherzähler, befinden wir uns in deren Kopf und sehen die Welt mit ihrem verzerrten Blick. Diese Herren begehen eindeutig Untaten – sind uns aber nicht nur unsympathisch.

Er wollte nichts Böses

Nehmen wir Lou Ford, den Erzähler von «The Killer Inside Me» (dt. «Der Mörder in mir»). Er ist Deputy Sheriff im texanischen Central City und scheint die Leutseligkeit in Person zu sein: Er trägt weder Revolver noch Gummiknüppel, mag gern Kaffee und Kuchen und gibt den lieben langen Tag Banalitäten von sich: Er hat sich antrainiert, Leute mit Worten statt mit den Fäusten zu traktieren.

Als er die Prostituierte Joyce aus der Stadt jagen soll, provoziert ihn diese so lang, bis er sie schlägt – woran sie Gefallen findet und er auch. Dadurch kocht der Sadismus, den Lou jahrzehntelang unter dem Deckel halten konnte, in ihm hoch und vergiftet bald auch die Beziehung zur Lehrerin Amy, die Lou liebt und heiraten möchte. Am Schluss des Romans wird Lou zwei Frauen totgeschlagen, einen Mann erschossen, einen gehängt und zwei indirekt umgebracht haben. Dennoch glauben wir ihm, dass er die meisten von ihnen eigentlich gemocht hat, und das ist das wahrhaft Verstörende an Thompsons Roman.

Der Film bleibt äusserlich

In Michael Winterbottoms Film «The Killer Inside Me» sehen wir detailliert, wie Frauen totgeschlagen werden, und das ist nicht verstörend, sondern absolut unerträglich. So gut Casey Affleck den mörderischen Deputy Sheriff spielt: Er kann uns nicht nachvollziehen lassen, was in dessen Innerem vorgeht. Die Kamera kann nur aufzeichnen, was äusserlich sichtbar ist. Wie es im Inneren von Jim Thompson ausgesehen hat, können wir nur aufgrund seiner Bücher ahnen.

Äusserlich war er offenbar einer jener sensiblen Hünen, die sich für ihre Grösse zu schämen scheinen, ein «grosser Schäferhund von einem Mann», heisst es. Nie konnte er den Ansprüchen seines Vaters genügen; die Frau, die er liebte, durfte er nicht heiraten, weil er keinen richtigen Beruf hatte.

Bücher wie Gift

Auch wenn er in den 50ern eine Zeit lang bei Publikum und Kritikern Erfolg hatte und für Stanley Kubrick die Drehbücher zu «The Killing» (1956) und «Paths of Glory» (1957) schrieb: Thompson war so überzeugt, ein Versager zu sein, dass er sich immer wieder selbst sabotierte – durch seinen Alkoholismus oder haarsträubendes Geschäftsgebaren.

In seinen Büchern ist die Welt «ein Scheisspott mit einem Henkel aus Stacheldraht». In dieser Welt weiss keiner, was im anderen vorgeht, jeder nimmt deshalb das Schlimmste an und versucht zu linken, bevor er selbst gelinkt wird. Das zu lesen, ist niederziehend, und dennoch wächst die Zahl der Thompson-Fans. Warum? Weil diese Bücher wie Gifte wirken: Wir wissen, dass sie schädlich sind, doch immer wieder erliegen wir dem Sog ihrer Finsternis.

The Killer Inside Me (USA 2010). Regie: Michael Winterbottom. Mit Casey Affleck, Kate Hudson u. a. In Zürich ab Donnerstag im Kino Riffraff 4. Bücher von Jim Thompson gibt es auf Deutsch bei Diogenes. Am 22. März, 21 Uhr, veranstaltet das Zürcher Schauspielhaus in der Kammer des Pfauen einen Abend zu Jim Thompson.

Erstellt: 09.03.2011, 07:49 Uhr

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