Im totalitären Paradies

In seinem neuen Roman erzählt der Amerikaner Dave Eggers, wie ein riesiger Datenkonzern in naher Zukunft das Leben der Menschen bestimmt. Ein beunruhigendes, literarisch aber unergiebiges Buch.

Ein Kreis als Vermächtnis von Firmengründer und Visionär Steve Jobs: Der Apple Campus 2,<br />der gegenwärtig im kalifornischen Cupertino gebaut wird. Visualisierung: Foster + Partners

Ein Kreis als Vermächtnis von Firmengründer und Visionär Steve Jobs: Der Apple Campus 2,
der gegenwärtig im kalifornischen Cupertino gebaut wird. Visualisierung: Foster + Partners

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Die gefrässige Wahrheit findet am Ende des Buches zu einem drastischen Bild. Ein Hai, den ein Forschungs-U-Boot aus den Tiefen des Marianengrabens geholt hat, verschlingt in einem Schau-Aquarium alles, was ihm vor die spitzen Zähne kommt: fette Thunfische, eine Tiefseekrake und auch die Seepferdchen. In Sekunden sind sie zermalmt, verdaut, ausgeschieden und rieseln als körniger Schnee zu Boden. Der Hai jagt weiter durch das Aquarium, aber es ist keine Beute mehr da.

Es ist die einzige bildhaft verdichtete Szene des Romans (und nebenbei das einzige unrealistische Detail: Die an Tiefseeverhältnisse gewöhnten Fische würden unter diesen Druckverhältnissen sofort kollabieren). Der Hai steht für den «Circle», jene Organisation, die Dave ­Eggers’ neuem Roman den Titel gegeben hat. Der Circle ist so etwas wie Apple, Amazon, Google und Facebook zusammen, und ein Schuss NSA ist auch dabei. Mit einer Software gestartet, die alle ­digitalen Prozesse vereinheitlichte, hat sich das Unternehmen nach und nach alles, was Menschen online tun – und was tun sie nicht online? –, unter den Nagel gerissen. Konkurrenten hat sie gefressen und verdaut, auch der Staat führt nur noch ein Schattendasein neben dem Circle: Der kann einfach alles besser.

Horror in bunten Kleidern

Der Circle ist ein sanfter Tyrann, seine Macht besteht darin, dass ihn die Menschen als Dienstleister wahrnehmen, der das Leben leichter macht. Als Vertreter ihrer Interessen. Letztlich als ihr Unternehmen, denn fragt es sie nicht permanent nach ihrer Meinung, ihren Wünschen? Auf eine perfide Art hat der Circle die Herrschaft des Volkes verwirklicht, die direkte und totale Demokratie. Eine Schreckensvorstellung.

Dieser Roman des 1970 geborenen Verlegers und Romanciers aus San Francisco ist eine negative Utopie, eine Dystopie in der Tradition der Zukunfts­szenarien von Aldous Huxley («Schöne neue Welt») und George Orwell («1984»). Eine direkte Anspielung an Orwell und sein «Neusprech» sind die drei Leitsätze: «Geheimnisse sind Lügen», «Teilen ist heilen» und «Alles Private ist Diebstahl». Und wie bei Huxley erscheint auch diese neue als eine schöne Welt, trägt der Horror bunte Kleider. Anders als bei den grossen Vorgängern stellt Eggers aber keinen Systemgegner in den Mittelpunkt, sondern eine Befürworterin, Nutzniesserin und Aufsteigerin. Sie treibt den Circle gar voran, zur «Vollendung» hin; an jeder Wegscheide, wo sich die Schattenseiten des Systems zeigen, wählt sie den Weg der Radikalisierung.

Dave Eggers’ Heldin heisst Mae Holland. 24 Jahre alt, ein All American Girl, froh, ihrem blöden Bürojob bei den Wasserwerken ihrer Heimatstadt ent­ronnen zu sein und, durch Vermittlung ihrer Studienfreundin Annie, beim Circle anfangen zu können, dem beliebtesten Arbeitgeber in Kalifornien, wenn nicht weltweit.

Wir folgen Mae über den freundlichen, ökologisch nachhaltigen, mit mannigfachen Freizeit- und Sporteinrichtungen versehenen Campus und sehen ihr bei den ersten Arbeitstagen über die Schulter. Kundenanfragen muss sie beantworten, wobei es schnell vor allem auf eines ankommt: auf ihr «Rating». Die Kunden müssen die Antworten bewerten; ein Wert unter 95 gilt schon als bedenklich, mithilfe einer Nachfrage kann er schnell auf 100 getrieben werden. Rating ist alles: die «soziale Aktivität», also Maes Kommentare, Likes, Tweets (hier heissen sie «Zings»), und was sie wiederum an Reaktionen einfängt, wird gemessen und bewertet. Ehrgeiz und sanfte Kontrolle gehen ein Bündnis ein, das Mae fast rund um die Uhr auf Trab hält. Je höher ihre soziale Akzeptanz steigt, desto mehr ihre «real selling power»: also der Wert der aufgrund ihrer Empfehlungen verkauften Waren.

Gigantische Geldmaschine

Nur kurz wird hier der ökonomische Aspekt berührt; dass der Circle eine ­gigantische Geldmaschine ist, der Endpunkt des Monopolkapitalismus, muss sich der Leser selbst sagen. Mae Holland ist zu solchen Gedanken gar nicht fähig, und aus der Käseglocke ihres Bewusstseins tritt der Roman nie heraus.

Dave Eggers ist da konsequent: Mehr als 500 Seiten haben wir Hochglanz­propagandasprache, holzschnittartige Streitgespräche, platteste PR und ausführliche Motivationsreden zu ertragen, teils im O-Ton, teils in das Bewusstsein der Protagonistin eingesickert. Auch architektonisch ist der Roman von äus­serster Schlichtheit: Es gibt nur ein grosses Innen, nämlich die Circle-Welt, und ein kleines Aussen, bevölkert von einigen noch nicht ganz überzeugten Nachzüglern, etwa Maes Eltern und ihrem Ex-Freund Mercer, ein Kunsthandwerker, der die episch undankbare Rolle des ­Bedenkenträgers und Warners spielen muss. An ihm demonstriert der welt­beglückende Würgegriff des Circle sein mörderisches Potenzial: Mit einer neuen Software wird der abgetauchte Mercer aufgespürt und verfolgt, mit Autos und Drohnen und begleitet von Millionen Zuschauern an ihren Smartgeräten, bis er in den Tod stürzt.

Mae Holland ist eine überaus durchschnittliche Person; gerade das prädestiniert sie zur Identifikationsfigur der neuen Welt, denn die will Masse, Mehrheit, also Durchschnitt. In kurzer Zeit ­erobert die Circle-Technologie immer mehr Lebensbereiche und macht sie sich untertan. Unmerklich und unkontrolliert schlägt das Technologische ins Politische um.

Milliarden von Minikameras nehmen überall auf der Welt die Aktivitäten jedes Menschen auf und machen sie öffentlich. Immer mehr Politiker erklären sich für «transparent»; jederzeit kann jeder Wähler sehen, was sie tun. Wer sich dem verweigert, muss ja etwas zu verbergen haben. Kindern wird ein Chip in den Knöchel eingepflanzt – ursprünglich, um Entführungen unmöglich zu machen. Häuser werden mit einer speziellen Software überwacht, ehemalige Straftäter markiert. Die Vergangenheit von jedermann ist öffentlich und einsehbar. Natürlich sind es auch seine Gesundheitsdaten, Steuern, Bankverhältnisse. «Alles, was passiert, muss bekannt sein», heisst der Leitsatz.

Die Masse entscheidet

Mae, als eine der ersten «transparenten» Personen ein Star der weltweiten ­Circle-Gemeinde (die tendenziell mit der Weltbevölkerung verschmelzen wird), hat Millionen ständiger «Viewer». Sie liebt die permanente Öffentlichkeit: «Wir werden endlich gezwungen, bessere Menschen zu sein.» Hier liegt der interessanteste Punkt des Romans, der als literarisches Werk ein gelungenes Experiment, aber auch eine Zumutung ist. Sein Zukunftsszenario ist weitaus realistischer und näherliegend als das von Huxley und Orwell; es genügt, die gros­sen Datenkonzerne zusammen und ein paar Schritte weiterzudenken.

Vor allem ist der Bewohner dieser ­totalitär-digitalen Paradiesvorstellung, der Homodigitalis transparens, in Ansätzen schon sichtbar. Mae Holland ist keine so fremdartige Erscheinung. Ohne tiefe persönliche Bindungen, ohne ein klar abgegrenztes Selbst, ist sie dazu prädestiniert, in einer Art universalem Ich aufzugehen. Unentwegt wird ihre Meinung abgefragt – welchen Pizzabelag sie vorzieht, welche Urlaubsform, welchen Musikstil. «Eine Matrix aus Vorlieben als Wesenskern», das ist die Persönlichkeit der nahen Zukunft. Diese Vorlieben sind letztlich Kaufempfehlungen. Je mehr ihr folgen, desto besser: Die Masse machts. Die Masse macht alles gleich.

Und diese Masse ist kein liebes Konsumkuscheltier, sondern ein Monster, dessen Killerinstinkte schnell geweckt sind. Elias Canetti hat das alles schon ­gewusst. Einige effektvolle Szenen bei Dave Eggers lesen sich, als wären sie ­eigens geschrieben, um dessen Begriff der «Hetzmeute» zu illustrieren. Einmal wird eine Kindermörderin, die zehn Jahre unter falscher Identität gelebt hat, von der Community mit neuen «Tools» aufgespürt – und beinahe gelyncht. Ein anderes Mal wird die Community gefragt, «ob Mae Holland spitze ist». Und die Paris Hilton des Circle erhält 97 Prozent, ein DDR-Ergebnis, durch schiere Selbsthysterisierung der Masse. Mae aber beschäftigen nur die 3 Prozent Abweichler. Wie kann es sein, dass so viele Menschen sie hassen?

Wir sind Big Brother

Diese Szenen, in denen die Abermil­lionen jubeln, fordern, hetzen, alles in Form von Datenströmen, von ­Viewer-Zahlen auf einem kleinen Bildschirm an Maes Handgelenk, sind die unheimlichsten des Buches. Technologie schafft Politik. Der «direkte Volkswille» erweist sich als der schlimmste Diktator. Er muss nicht einmal manipuliert werden von finsteren Mächten, denn er ist selbst die finstere Macht. Big Brother: Das ist die Menschheit selbst.

So der tiefschwarze anthropologische Schluss aus diesem literarisch nerv­tötenden, als Gedankenexperiment aber faszinierenden und zutiefst beunruhigenden Roman.

Erstellt: 09.08.2014, 07:07 Uhr

Der Circle. Roman. Aus dem Englischen
von Ulrike Wasel und Klaus Timmermann. Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014.
559 S., ca. 33 Fr.

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