«Imitiert, aber nie erreicht»

Warum die «Blechtrommel» so wichtig ist und wie gross der politische Einfluss des Nobelpreisträgers war: Germanist Peter von Matt über Günter Grass.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Wie erlebten Sie den Menschen Grass?
Ich habe ihn einmal am Wissenschaftskolleg in Berlin getroffen. Er kannte meine Frau, und das Gespräch war offen und herzlich. Aber man merkte auch, dass er sich seiner öffentlichen Rolle bewusst war.

Welche Bedeutung hatte Grass für die deutschsprachige Literatur?
«Die Blechtrommel» ist ein Leuchtturm der modernen deutschen Literatur; Grass setzte damit neue Massstäbe. Dieser Roman ist von einer innovativen Rhythmik, entwickelt eine eruptive Wucht und wirkte damals sehr provokativ in seinen erotischen Szenen und Anspielungen. Man kann sich das heute nicht mehr vorstellen – aber damals, in den 50ern, erregte das Buch grossen Anstoss, es war ein echter Skandal. Grass wurde rasch auch imitiert, aber in seiner Eigenart nie erreicht.

Wer waren seine Vorbilder?
Grass berief sich häufig auf Alfred Döblin, wurde aber auch stark von den damals sehr präsenten Amerikanern beeinflusst: von William Faulkner vor allem. Gerade in der «Blechtrommel» spürt man Faulkners Einfluss – die ausladende Konzeption, die historischen Implikationen, die Vorliebe fürs Spektakel, die Vielfalt an Figuren…

Grass wird häufig auf «Die Blechtrommel» reduziert. Mit Recht?
Der Roman ist unstrittig sein Opus Magnum. Grass schrieb danach aber weitere ausgezeichnete Bücher: die Erzählungen «Katz und Maus» und «Das Treffen in Telgte» etwa, den Roman «Der Butt». Mit der Zeit bekamen viele seiner Texte einen didaktischen, etwas lehrmeisterhaften Zug, der der literarischen Qualität schadete. Wie viele andere vermisste ich da die chaotisch-anarchische Dimension der «Blechtrommel».

Er war ein politisch sehr stark engagierter Schriftsteller. Viele werden nun sagen: der letzte seiner Art.
Aber nein. Es wird immer Schriftsteller geben, die über ein politisches Bewusstsein verfügen und sich engagieren. Aber natürlich sind nur sehr wenige Autoren willens und fähig, sich derart stark ins politische Tagesgeschäft hineinzubegeben, wie das Grass getan hat. Grass hat das politische Rampenlicht ausserordentlich genossen, keine Frage.

Grass war ein enger Vertrauter von Bundeskanzler Willy Brandt. Wie gross schätzen Sie seinen Einfluss ein?
Konkrete Entscheidungsgewalt hatte Grass nie. Für Brandt war Grass wohl eher ein intellektueller Sparringspartner, wobei sie auf demselben ideologischen Boden standen. Die gemeinsamen privaten Gespräche waren dabei ebenso wichtig wie Grass’ öffentliche Reden. Grass sollte als Verstärker für Brandts Politik wirken und auch neue, in der Politik ungewohnte Blickwinkel und Anregungen einbringen. Ganz ähnlich, wenn auch unauffälliger, arbeiteten in der Schweiz Peter Bichsel und Willi Ritschard zusammen.

Seine politischen Äusserungen wurden gerade in den letzten Jahren stark kritisiert. Erwarten Sie post mortem eine Neubeurteilung?
Das halte ich für gut möglich, aber am grundsätzlichen Rang wird man nicht rütteln. Wie jeder grosse Schriftsteller wird Grass immer wieder neu gelesen und verstanden werden – jede Epoche stellt ja andere Fragen an die Werke der Vergangenheit, aus ihrem neuen Problembewusstsein heraus, und findet vielleicht Antworten, von denen wir heute noch gar nichts wissen.

Ist das Vermächtnis durch die lange verschwiegene Mitgliedschaft in der Waffen-SS nachhaltig getrübt?
Das glaube ich nicht. Grass war ja blutjung, als er Mitglied wurde. Ausserdem verarbeitete er diese Zeit schon 1961 in offensichtlicher Weise in «Katz und Maus». Man hätte es also schon früher wissen können. Ich könnte ihm da keinen Vorwurf machen.

Grass war auch Maler und Bildhauer. Wie beurteilen Sie sein nichtliterarisches Werk?
Er war zweifelsohne ein hervorragender Zeichner. Das erlaubte ihm nicht nur, die Umschläge seiner Bücher selber zu gestalten, sondern er begleitete seine Geschichten fast immer auch mit Bildern. Ein vergleichbares Doppeltalent ist mir in der deutschsprachigen Literatur seit Wilhelm Busch nicht bekannt.

Wie nähert sich der Laie Grass am besten? Über die «Blechtrommel»? Über kleinere Werke?
Ein bestimmtes Werk möchte ich nicht empfehlen. Das wäre nun meinerseits zu didaktisch. Es ist ganz einfach: ein Buch von Grass herausgreifen – und schauen, was passiert.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 13.04.2015, 15:54 Uhr

Peter von Matt (*1937) gehört zu den bekanntesten Schweizer Intellektuellen. Von Matt lehrte von 1976 bis 2002 als Germanistikprofessor an der Uni Zürich. 2012 wurde er für den Essayband «Das Kalb vor der Gotthardpost» mit dem Schweizer Buchpreis ausgezeichnet. (Bild: Keystone )

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Günter Grass im Interview zu seinem Israel-Gedicht

Günter Grass zur Frage «Was bleibt?»

Artikel zum Thema

Grassus maximus

Nachruf auf den verstorbenen deutschen Autor und Literaturnobelpreisträger Günter Grass. Mehr...

Günter Grass ist tot

Der Literaturnobelpreisträger Günter Grass ist gestorben. Grass zählte zu den bedeutendsten deutschen Schriftstellern der Gegenwart. Mehr...

Eine asymmetrische Korrespondenz

Rezension Der Briefwechsel von Willy Brandt und Günter Grass zeigt, welch unterschiedliche Vorstellungen beide von der Liaison von Macht und Geist hatten. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Newsletter

Der ideale Start in den Tag

Sonntags bis freitags ab 7 Uhr die besten Beiträge aus der Redaktion.
Newsletter «Der Morgen» jetzt abonnieren.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Weg damit: Die rund 140 Meter hohen Kühltürme eines geschlossenen Kohlekraftwerks in Jacksonville, Florida, fallen nach der Sprengung in sich zusammen. (16. Juni 2018)
(Bild: Bob Self/The Florida Times) Mehr...