Immer einen Maigret dabei

Simenon & mehr: Daniel Kampa steigt mit seinem neuen Verlag zum zweitgrössten Buchunternehmen der Schweiz auf. Begegnung mit einem disziplinierten Enthusiasten.

Spricht schneller, als man zuhören kann: Neu-Verleger Daniel Kampa. Foto: Doris Fanconi

Spricht schneller, als man zuhören kann: Neu-Verleger Daniel Kampa. Foto: Doris Fanconi

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Die Nummer eins bleibt, klar, Diogenes. Das Haus an der Zürcher Sprecherstrasse ist mit seiner Tradition, seiner Backlist, seinem Strauss an grossartigen und erfolgreichen Autoren unerreicht. Daneben: kleine, feine Adressen wie Dörlemann oder Nagel & Kimche. Nun betritt ein Neuling die Schweizer Verlagsszene, startet mit gleich 40 Titeln in diesem Herbst und wird damit aus dem Stand die Nummer zwei.

Und diese Nummer zwei residiert in einem Wohnhaus am Zürichberg. Ein paar Räume voller Bücher (noch nicht die «eigenen»), vor allem aber: eine grosse Terrasse mit Blick auf eine Wiese, dahinter direkt der Wald. «Wir machen unsere Besprechungen, wenn möglich, hier am Terrassentisch», sagt Daniel Kampa, ein hemdsärmeliger Typ, der die Jacke nur für die Fotografin angelegt und jetzt schnell wieder ausgezogen hat. Besprochen und geklärt wird vieles auch ambulant: «Wir haben einen 15-Minuten- und einen 30-Minuten-Spaziergang.» Nur mit Verweis auf seinen Notizblock darf der Reporter sitzen bleiben.

Ein Baby als Auslöser

Ein eigentlicher Neuling in der Branche ist Daniel Kampa natürlich nicht. 20 Jahre hat er bei Diogenes gearbeitet, als Volontär, als Assistent von Verleger Daniel Keel, als Mitglied der Geschäftsleitung. Es folgten vier Jahre als ver­legerischer Geschäftsführer bei Hoffmann & Campe in Hamburg. Kampa hatte dort einen tollen Job, mit Thomas Ganske einen grosszügigen Verlags­eigner, eine richtig gute Zeit. Warum macht sich so jemand selbstständig, in unsicheren Zeiten, wo – die Börsenvereins-Studie hat es jüngst ermittelt – die Leser zu Millionen weglaufen, auch noch in der teuren Schweiz?

«Der Auslöser war das Baby», sagt Kampa, der seit neun Monaten Vater eines kleinen Mädchens ist. Die Mutter als Juristin an die Schweiz gebunden, die Flug-Pendelei nicht mehr zumutbar: also Zürich, also ein eigener Verlag. Als «Fügung» (Kampa) kam dazu, dass John Simenon, Betreuer der Rechte am Werk seines Vaters, den Vertrag mit Diogenes nicht verlängert hatte und dem Noch-nicht-Verleger Kampa sehr günstig verkaufte.

Simenon als Grundstock des neuen Unternehmens: Eine sichere Bank ist das nicht unbedingt. Der Autor ist schliesslich gut eingeführt, sein Kommissar Maigret ein «Brand», der Ruf der «Non-Maigrets» bei den Kennern exzellent, aber ist das nicht alles ein bisschen von gestern? Und viel zu viel, 220 Bände?

Daniel Kampa ist ein hemdsärmeliger Typ. Und er kann alles so erklären, dass selbst der Zufall zur Fügung wird.

Solche Skepsis löst sofort eine En­thusiasmusoffensive aus. Überhaupt braucht Kampa keine sicheren Bänke, sondern eher Tische, auf denen er tanzen kann. Natürlich, sagt er, müssen alle Romane des melancholischen Belgiers bald wieder lieferbar sein. Mit Nach­worten, etwa von Daniel Kehlmann und Julian Barnes. Um sozusagen crossover neues Interesse zu wecken. Und dann all die ungehobenen Schätze! Die frühen Erzählungen mit einem rothaarigen Maigret-Vorläufer. Der «Brief an die Mutter». Ein Fotoband. Die «Dictées». Und so viel mehr. Deshalb gibt es auch einen eigenen Simenon-Verlagsprospekt mit 24 Titeln: Romane (zum Teil in Kooperation mit Hoffmann & Campe), Maigret-Krimis, die «Intimen Memoiren» und der rothaarige Vorläufer.

Neues und Kultiges

Nicht unheikel waren die Verhandlungen mit dem Diogenes-Verlag, der zwar – nach 40-jähriger Betreuung! – die Rechte am Werk verloren hatte, nicht aber an den Übersetzungen. Kampa hat einige gekauft, andere Titel neu übersetzen lassen, zum Teil von Stars des Fachs wie Melanie Walz oder Elisabeth Edl, und viele Maigrets in älteren deutschen Ausgaben (vor Diogenes war Kiepenheuer & Witsch) überarbeiten lassen.

Simenon allein: Das wäre natürlich zu wenig. Für einen Verlag sowieso, aber auch für einen Vielleser, Vielkenner und Vielmöger wie Kampa. Er will auch neue Literatur verlegen. Im ersten Programm stehen dafür die Deutsche Astrid Rosenfeld (sie war mit zwei Romanen schon bei Diogenes), die Polin Zanna Sloniowska und Kathleen Collins, eine schwarze US-Amerikanerin, Filmregisseurin und Erzählerin, 1988 gestorben und bei uns noch zu entdecken.

Selbst der Zufall wird zur Fügung

Auch weitere Krimis sind im Angebot (ein kanadischer und ein Engadiner Serienermittler starten, was dem Besucher ein «muss das sein?» entlockt). Dann, unter dem Etikett «Kampa Salon», eine Reihe mit Gesprächen, wiederentdeckten (mit Borges, Lévi-Strauss, Joan Didion) und neu geführten (mit Peter Bichsel). Ein Seitenarm des neuen Verlags heisst «Gatsby»; darin erscheint Fitzgeralds Kultroman in Originalaufmachung und mit einem Essay zur Rezeptionsgeschichte. In der Reihe «Der kleine Gatsby» gibt es kurze Texte von William Boyd, Hansjörg Schertenleib oder Winston Churchill.

Klingt das nicht ein bisschen nach einem Sammelsurium, Simenon und Drumherum? Daniel Kampa, dessen Muttersprache eigentlich Polnisch ist, der seine Matura auf Französisch gemacht hat und jetzt auf Deutsch schneller spricht, als man zuhören kann, der aber auch alles so erklären kann, dass selbst der Zufall zur Fügung wird – Kampa denkt beim Programm durchaus zielgruppengerichtet. Hier etwas für Leute, die wenig Zeit zum Lesen haben, dort etwas für Leser, die in einem Buch mehr sehen als den Text und etwa Hans Falladas Klassiker «Kleiner Mann, was nun» nicht in einer Billigausgabe, sondern als Schmuckstück ins Regal stellen wollen. Viel Gutes ist ja vorhanden auf dem Markt, aber unsichtbar; anderes vergriffen, vernachlässigt, die Rechte frei oder billig zu haben. Man muss es nur wissen – und zugreifen.

«Bin nicht erreichbar, ich lese»

Man kann das Programm als Reaktion auf die Umfrage des Börsenvereins begreifen, nach der die Menschen weniger lesen, sich aber mehr nach Anregungen und Auszeiten sehnen und das «richtige», das «schöne» Buch angeboten bekommen wollen. Eine Reaktion, aber eben nicht kühl-kalkulierend-technokratisch, sondern von der Leidenschaft eines echten Buchmenschen getragen.

Ideen für mögliche Bücher, mögliche neue Verpackungen alter Titel (auch der legendäre Siegfried Unseld galt ja als Verpackungsgenie) hat Kampa über­genug. Er ist aber Realist genug, nicht nur als studierter Ökonom, um sich zu disziplinieren. Das Team soll klein bleiben: insgesamt sieben Personen, davon eine in Berlin. Das Programm so überschaubar, dass der Verleger noch jeden Titel selbst lesen kann. Auch Kampa kämpft natürlich mit den smartphonigen Ablenkungen, wird von Mails überschwemmt. Im Scherz überlegt er, eine automatische Antwort zu installieren: «Bin im Moment nicht erreichbar, ich lese.» Vielleicht ist es ja kein Scherz. Tatsächlich liest er, wann immer möglich. Auch beim Warten auf verspätete Flüge: «Einen Maigret habe ich immer dabei.»

Was ist noch wichtig? Die Finanzierung muss stehen. Kampa weist auf das Haus hinter sich: «Das ist meine Sicherheit.» Der Verlag ist eine AG, 51 Prozent gehören ihm, 49 Prozent einer Teilhaberin; für die Zukunft schweben ihm auch neue Finanzierungsformen vor wie etwa Mäzene für einzelne Titel oder Crowd-funding. Die nähere Zukunft: Das sind die ersten Bücher, die im September erscheinen sollen und mit einem Verlagsfest in die Welt begleitet werden. Vielleicht sogar hier am Zürichberg, auf der Terrasse, auf der Wiese, im Wald.

www.kampaverlag.ch (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.06.2018, 18:57 Uhr

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