In 100 Jahren sechs Milliarden mehr

Wenn die Menschheit weiterhin so wächst wie bisher, werden alle Anstrengungen, die Erderwärmung zu stoppen, wenig fruchten.

Die Menschendichte stresst den Planeten: Erholungssuchende an einem Strand in China. Foto: Visual China Group, Getty Images

Die Menschendichte stresst den Planeten: Erholungssuchende an einem Strand in China. Foto: Visual China Group, Getty Images

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Schon auf Seite 8 findet sich ein Satz, dessen Konsequenzen man nicht zu Ende denken darf, wenn man weiterhin gut schlafen will: «Die Menschheit wächst der ­achten Milliarde entgegen; zwei Milliarden waren es, als ich zur Schule ging.» Wolf Schneider wurde 1925 geboren und hat als Journalist der «Süddeutschen Zeitung» bereits in den 1950er-Jahren auf die fatalen Folgen der Überbevölkerung aufmerksam gemacht. Seine «letzte Warnung, bevor alles zu spät ist», so der Untertitel seines neuen Essays, widmet er seinen zehn Enkeln und vier Urenkeln. Was ihn umtreibt, ist seine Sorge um deren Zukunft – und damit die Sorge um unseren Planeten, auf dem immer mehr Menschen leben.

Das beschleunigte Wachstum der Weltbevölkerung lässt sich beziffern: Betrug sie um 1800 eine Milliarde, so zählte sie 1960 bereits drei und 1999 sechs Milliarden. Nächstes Jahr wird die achte Milliarde voll sein. Für einzelne Länder, vor allem in armen Regionen, sind das keine guten Aussichten: So wird Nigeria, das von 32 Millionen 1958 auf heute 200 Millionen anwuchs, 2100 eine Milliarde Einwohner zählen – also so viele wie die ganze Erde im Jahr 1800.

Nur eine Erde

Es ist nicht schwer, sich auszumalen, was dies – nicht nur für Europa – bedeutet: Der Andrang auch von Klimaflüchtlingen wird zunehmen, ebenso bewaffnete Konflikte wegen Wassermangels. «In Wahrheit ist das süsse Wasser der meistbedrohte Rohstoff auf Erden», schreibt Schneider. Die Situation verschlechtert sich zusätzlich durch die Tatsache, dass sich der Fleischverzehr der Menschheit pro Kopf von 1961 bis 2007 verdoppelt hat. Während für ein Kilo Brot im Durchschnitt 1000 Liter Wasser benötigt werden, sind es für ein Kilo Fleisch fünfmal so viel.

Dem Plädoyer «Denkt endlich an die Enkel!» ist anzumerken, dass es Wolf Schneider langsam leid ist, immer wieder dasselbe sagen zu müssen: So kann es nicht weitergehen! Auch spürt man den im Stakkato verfassten Sätzen an, dass dem 94-Jährigen nicht mehr viel Zeit bleibt, um auf die in seinen Augen grösste Gefahr für unseren Planeten hinzuweisen.

«Wir vermüllen, zertrampeln, vergiften die Erde, als hätten wir eine zweite in Reserve.» Noch schneller als die Erdbevölkerung ist zu Schneiders Lebzeiten der Energieverbrauch gewachsen – nämlich um das Zwanzigfache. Und dieser ist eine wesentliche Ursache der Klimaerwärmung.

Energie für sinnlosen Luxus

Da die Wirtschaft nach wie vor unaufhaltsames Wachstum als Garant für Wohlstand und Prosperität predigt, sind von ihr keine Impulse zur Mässigung des Konsums zu erwarten. Skeptisch kommentiert Schneider auch die Hoffnungen, welche die junge Generation in die erneuerbaren Energien setzt, um die globale Krise zu lösen. In den meisten Fällen würden diese zusätzlich angezapft – neben allen anderen heute zur Verfügung stehenden fossilen Energiequellen.

Ein grosser Teil der sogenannt nachhaltigen Energie werde, so der Autor, dafür eingesetzt, luxuriöse, oft sinnfreie Tätigkeiten zu ermöglichen. Diesen Missstand kritisierten selbst die ­deutschen Grünen nicht – genauso wenig wie die unbeschränkten Tempolimiten auf ­einigen Autobahnen.

Verschwendung sei doch die unausgesprochene Leitkultur der linken und rechten Parteien, pauschalisiert Wolf Schneider. Dabei werde nicht bedacht, was geschehe, wenn die sogenannte Dritte Welt nachziehe. Denn an der Tatsache, dass sich ohne eine massive Reduktion des weltweiten Verbrauchs kein ökologischer Fortschritt erzielen lasse, führe kein Weg vorbei.

«Denkt endlich an die Enkel!» ist eine Art kompromissloser Weckruf. Auch wenn Schneider die Klimabewegung begrüsst, so lässt er es sich nicht nehmen, auf die Fallstricke aufmerksam zu machen, die dem wohlstandsverwöhnten Denken innewohnen: Moralisch kann man sich auch erheben, wenn man kaum oder gar nicht handelt. Dafür braucht es bloss ein paar Sündenböcke. Radikaler, nicht nur rhetorischer Verzicht auf Luxus und Konsum ist nicht jedermanns Sache.

Vom Zwang freikaufen

Zum Reiz einer Polemik gehören Zuspitzung, Übertreibung und Auslassung: So erwähnt Wolf Schneider mit keinem Wort die neue Prognose der UNO, wonach sich die Weltbevölkerung Ende 2100 stabilisieren werde. Seiner These, die bewusst auf Angst und Schrecken setzt, bekäme eine solch entwarnende Botschaft nicht gut.

Umso mehr hätte man gern erfahren, welche Massnahmen denn der Autor zur Eindämmung der Bevölkerungsexplosion in Betracht zieht. Eine Ein-Kind-Politik wie einst in China? Kampagnen zur Verhütung von Nachwuchs – wenn ja, wer bestimmt wo, wann und wie? Befreiung einzelner Länder vom Zwang zur Bevölkerungskontrolle durch die Finanzierung solcher Vorhaben anderswo?

Etwas wohlfeil ist es ja schon, im Brustton der Entrüstung die Überbevölkerung anzuprangern, ohne konkrete Vorschläge zur Entspannung vorzutragen. Denn es gibt wohl kaum Lösungen, die nicht problematisch sind.

Trotz dieser Mängel lohnt sich die Lektüre des Essays. Er zeigt auf, wie prekär die Situation auf der Erde ist. Bevor die globale Klimaerwärmung kriegerische Konflikte zur Folge hat, muss sich die Politik mit dem Thema einer wachsenden Bevölkerung – die zudem immer älter wird – beschäftigen. Letzte Warnungen, wie nun die von Wolf Schneider, zeugen zumindest von Hoffnung.

Erstellt: 24.08.2019, 11:34 Uhr

Wolf Schneider

Denkt endlich an die Enkel!

Eine letzte Warnung, bevor alles zu spät ist. Rowohlt-Verlag, Hamburg 2019. 80 S., ca. 14 Fr.

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