In den Erdbebenzonen des Lebens

Romeo und Julia aus der Steinzeit: Ralph Dutlis neuer Roman «Die Liebenden von Mantua» zeigt den Autor als subtilen Sprachkünstler und Wortschöpfer.

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Als 2007 Archäologen in Valdaro bei Mantua zwei eng umschlungene Skelette aus der Jungsteinzeit entdeckten, waren die «Liebenden von Mantua» geboren. Ein Mann und eine Frau, jung verstorben und noch im Tod einander zärtlich zugewandt, ganz in der Nähe der Romeo-und-Julia-Stadt Verona: Das liess die Spekulationen ins Kraut schiessen. War es ein gemeinsamer Liebesselbstmord? Ein Opferritual? Oder waren einfach nur zwei Ötzi-Mumien zufällig ineinandergerutscht? Immerhin ist Mantua Erdbebenregion.

Jetzt hat der in Heidelberg lebende Schweizer Ralph Dutli, sprachgewaltiger Mandelstam-Übersetzer, Essayist und Dichter, den Mythos der Liebenden von Mantua in einem Buch «über die Erdbebenzonen des Lebens» verarbeitet. Es ist kein Roman im klassischen Sinne, sondern ein poetischer Essay. Dutli, der Sprachschamane, lässt sich vom «magischen Rausch des dröhnenden Wortes» weit forttragen. Er erfindet kostbare Wörter wie Hautlichkeit oder «lichtgeschüttelt warmzart», er schreibt Sätze wie «Wenn das Leben ein Roman aus Eiscreme ist, spielt er in Mantua» oder «Schamrasur ist keine Lösung für das All».

Das Ohrenschmalz der Wale

Tablets und Smartphones sind für Dutli «Zupfplättchen» und «Streichelbrettchen» bedauernswerter Selbstoptimierer. Sprache ist für ihn Droge und Universal-Kamasutra, Erzählen «der beste Mundvorrat: Du musst nur die Schleusen öffnen, das Zungige . . . das Zerrige . . . zimtsinnige Sprache . . . zarte Asche . . . lass uns Renaissance sein.»

Der Romantitel klingt nach einem kitschigen Historienschinken, aber «Die Liebenden von Mantua» ist natürlich Höheres und mehr: ein Mantua-Führer für Bildungsreisende, denen der Baedeker zu trocken ist, eine Sammlung von Fakten und Mythen um die «Amati», eine Kulturgeschichte berühmter Liebespaare von Psyche und Amor bis Tristan und Isolde, eine Sammlung kluger Gedanken zu Liebe und Tod, Zeit und Vergänglichkeit, ein Kompendium kabbalistischer und alchemistischer Mysterien und zugänglicherer Themen wie die Erotik der Pasta oder das Ohrenschmalz der Wale.

Das Potpourri von Ideen, Impressionen und Reflexionen sprengt jede Romanform; aber für Dutli gehört genau das zur Poetik des Genres. Roman ist Risiko, ein «verrücktes Sammelsurium» wie der Mageninhalt eines Pottwals. Seine «hypnotischen Sätze» machen vergessen, wovon sie eigentlich erzählen. Ein Roman schreibt sich quasi von selbst und gehorcht nur seinen eigenen Gesetzen: «Du glaubst ihn in der Hand zu haben, aber er hat dich in der Hand.»

So schafft er «seine eigene Magie, seine rätselhafte Euphorie, die keiner versteht und jeden beschenkt, der sich ihr aussetzen will». Man liest diesen seltsamen Roman nicht ungern und bis zum Ende mit einigem Gewinn. Dutli ist eben kein steifer Stubengelehrter, sondern ein universal gebildeter Renaissancemensch, ein sympathisch heiterer Schwärmer, originell und witzig, fröhlich halluzinierend und delirierend; nicht einmal die Längen und allzu selbstverliebt gedrechselten Sprachräusche fallen störend auf.

Eine neue Religion der Liebe

Leider aber hat der Roman auch noch einen Plot, und das war keine so gute Idee. Bei seinem viel gelobten Roman­debüt «Soutines letzte Fahrt» fand Dutli in der Reibung von Fakten und Fiktionen, biografischen Dokumenten und Fieberträumen, Kindheitserinnerungen und expressionistischen Bildern die adäquate Form, eines grossen Malers zu gedenken. Diesmal hat er keine spekulative Biografie, sondern nur Mantua, die Liebenden und eine darum herum gestrickte Räuberpistole.

Zwei alte Studienfreunde treffen sich zufällig in der italienischen Renaissancestadt wieder: Manu, der schwärmerisch-romantische Schriftsteller, der einen Roman über die Liebenden schreiben will, und Raffa, ein skeptisch-nüchterner Journalist, der eine Reportage über die Folgen des Erdbebens von 2012 schreiben soll.

Bevor sie ihre Erinnerungen an ihre Studienjahre in Paris auffrischen können, wird Manu auf offener Strasse entführt. Der Kidnapper ist Conte Ignoto, ein reicher Graf, Nietzsche-Leser und Blaubart, der besessen ist von der fixen Idee, eine neue «Religion der Liebe» auf das Steinzeitpaar zu gründen: Zwei Skelette in inniger Umarmung sind ästhetischer und humaner als das grausame Kreuz des Christentums.

Der Conte hat die Knochen der Liebenden schon illegal in seinen Besitz gebracht; jetzt soll Manu der Evangelist seiner Liebesreligion werden. Während der Graf seinen Gefangenen mit gutem Essen und gepflegten Tischgesprächen weichzukochen versucht, lässt Raffa sich zur selben Zeit von der schönen Archäologin Lorena den Palast der Gonzaga und andere Sehenswürdigkeiten zeigen.

Am Ende gibt es Morde, Befreiungen und Verhaftungen, aber das ist dann doch zu viel «Realismus des Unwahrscheinlichen». Niemand kann so geistreich und elegant über Mantua und Mantegna, Giulio Romano, den Pornografen des Vatikans, und den «permanent patenten» Vergil plaudern: Dutli ist ein wunderbarer Cicerone und grossartiger Essayist, aber definitiv nicht der Dan Brown der italienischen Renaissance.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 09.08.2015, 18:30 Uhr

Ralph Dutli


Die Liebenden von Mantua Roman.

Wallstein, Göttingen 2015, 276 S., ca. 32 Fr.

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