«James Bond macht alles richtig»

Leo Martin hat als Geheimagent kriminelle Banden ausspioniert. Heute ist er Bestsellerautor – und verrät seine Tricks.

Treffen an anonymen Orten: Leo Martin, der eigentlich anders heisst, war beim Verfassungsschutz für das Anwerben von Vertrauensmännern zuständig. Foto: Getty Images

Treffen an anonymen Orten: Leo Martin, der eigentlich anders heisst, war beim Verfassungsschutz für das Anwerben von Vertrauensmännern zuständig. Foto: Getty Images

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Leo Martin blinzelt nicht einmal, als es vor ihm im Café kracht. Ein Schuss? Der 42-jährige Ex-Geheimagent sitzt am Flughafen in einer Ladenpassage zwischen den Terminals auf einem Barhocker, Arme auf einem Stehtisch, Umgebung im Blick. Während sich Passanten erschrocken umdrehen, spricht Martin weiter in seiner weichen Erzählerstimme. Der Ort ist einer seiner Treffpunkte, er kennt hier jedes Geräusch.

Und wenn so jemand sagt: «Wenn andere den Kopf verlieren, bleibe ich cool», kann man erwarten, dass er einen Schuss von einem umfallenden Koffer unterscheiden kann. Und davon ausgehen, dass der schlanke Mann mit den kurzen dunklen Haaren und dem betont aufmerksamen Blick alles ist, aber nicht unsicher. Früher hat er Vertrauensmänner, also V-Männer, für den deutschen Verfassungsschutz angeworben, um kriminelle Banden aus Osteuropa zu fassen. Er war ein sogenannter Werber. Und das ist er noch immer, auch wenn Martin 2008 als Agent aufhörte. Heute wirbt er für sich, seine Bücher, seine Dienstleistungen wie etwa die Textanalyse von Drohbriefen. Mit Sprüchen wie: «Menschen für sich gewinnen, ein Ex-Agent verrät die besten Strategien.» Na dann.

20 Minuten vorher an einem grauen Nach-Wintertag. Der Reporter sitzt schon am Stehtisch des Cafés, als Martin um die Ecke biegt. Ein Blick, dann der Move für Pseudo-Agenten: Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand zeigen erst auf Martins Augen, dann auf die des Reporters. Die Augen verengen sich, er schaut grimmig, wie auf dem Coverfoto seines Buches (Titel: «Ich krieg dich!»).

«Wenn ich was richtig kann, dann ist es Krisenmanagement»: Leo Martin über sich selbst. Foto: Stephan Rumpf

Martin kann sehr überzeugend sein. Etwa als es zum Auftakt des Gesprächs darum geht, wer den Kaffee zahlt. Der Satz: «Das muss uns jetzt nicht stressen», klingt, als hätte ihn ein Yedi-Meister aus «Star Wars» beim Passieren einer Imperium-Kontrolle gesprochen.

Nach einer gütlichen Kaffee-Einigung geht es erst einmal um die Frage, warum Martin Geheimagent wurde und was er da so machte – und dass es nichts mit einem Leben wie dem von James Bond zu tun hatte. Und um die Frage: Wie überzeugend und gewinnend wird Martin sein?

Martin stammt aus einer Unternehmerfamilie, wollte aber nicht in ein Büro. «Wenn ich was richtig kann, dann ist es Krisenmanagement.» Martin, «ich bin eher ein Praktiker», brach die Schule nach der zehnten Klasse ab, das war 1994, ging zur Polizei. Er wurde Jahrgangsbester. «Ich habe es ernster genommen als die anderen», sagt er und verschränkt die Arme. Er war der Beste in den Rechtsfächern, in Einsatzlehre, «im Sport gab es bessere». Am Tag nach der Prüfung meldete sich der Verfassungsschutz und bat zum Gespräch, stellte ihn ein und setzte ihn – an einen Schreibtisch in ein Büro. Auswerter und Fallführer nannte sich die Aufgabe. Das war 1998. Er betrachtete die Fälle auf Ungereimtheiten, mit der Klärung der Fragen wurden die bereits rekrutierten V-Männer beauftragt.

Zur aktiven Zeit waren Decknamen wichtig, heute hilft es Martin, die Rolle des Agenten weiter am Leben zu erhalten.

Der Kaffee ist getrunken, Martin muss sich umsetzen, mit dem Rücken zur Passage, das hält er nicht aus. Er braucht den Übersichtsplatz. Verfolgungswahn? «Davon bin ich verschont geblieben.» Nach 20 Minuten duzt Leo Martin den Reporter das erste Mal, ganz beiläufig, wie in Kapitel 25 seines Buches beschrieben, um eine warme Atmosphäre herzustellen. Als kein Du zurückkommt, wird es wieder ein Sie.

Leo Martin steht im Pass des 42-Jährigen, allerdings nicht in der Rubrik Name, sondern bei Pseudonym. Zur aktiven Zeit waren Decknamen wichtig, heute hilft es Martin, die Rolle des Agenten weiter am Leben zu erhalten. Er zeigt dem Reporter seinen Ausweis mit dem richtigen Namen und Dokumente, die seine Arbeit beim Verfassungsschutz dokumentieren, aber möchte Martin genannt werden. Nach Dokumenten habe ihn bislang noch kaum jemand von der Presse gefragt, sagt Martin. Er versucht durch dieses Lob zur sorgfältigen Recherche die Verbindung zum Reporter zu festigen. Nähe durch Anerkennung. Im Buch heisst es, man solle den anderen mit Anerkennung belohnen und vorher hohen Selbstwert zeigen (Kapitel 22).

Der Mann mit dem Pseudonym Leo Martin sagt: «Nehmen wir den Fall Rebecca.» Der Schwager der im Februar vermissten jungen Frau aus Berlin wurde zunächst festgenommen. «Aussagen passen manchmal nicht zu den Fakten, das ist einfach.» Deshalb die Festnahme, doch der Schwager wurde wieder freigelassen. Die meisten Situationen seien anders, nicht so einfach, denn Informanten würden Situationen subjektiv bewerten und man selbst als Ermittler auch. Die hatten sich getäuscht.

Martin musste ein Gespür entwickeln, welche Informationen eines V-Manns ergiebig sein könnten, wo er nachhaken musste. Damals vor 20 Jahren, als man noch vom «Russen» sprach und «noch eher die Ethnien im Auge hatte», als Polen mit Polen Geschäfte machten und Italiener mit Italienern. Da gab es Spezialisten für verschiedene Themen, etwa das Waffengeschäft. «Seit 15 Jahren sind das aber internationale Netzwerke, bei denen jeder mit jedem arbeitet, wie es gerade zusammenpasst.» Derzeit seien Migration und Schleusen sehr im Fokus. «Das war schon vor 20 Jahren Thema bei uns, eine ideale Einstiegskriminalität.» Man müsse kaum etwas investieren, ausser Leuten Unterschlupf zu gewähren und sie über Grenzen bringen. «Die Profite daraus werden dann in andere Geschäftsfelder investiert.»

Um einem V-Mann Informationen über kriminelle Vorgänge und Personen in seinem Umfeld zu entlocken, musste Martin ihn zunächst akquirieren und dann bei Laune halten. So, wie er behauptet, Menschen für sich gewinnen zu können, versuchte er das mit den potenziellen Vertrauensmännern, immer Männer. Wie geht das?

Martins erster Schritt: sich ansprechen lassen. Dafür fädelte Martin zum Beispiel einmal ein, auf dem gleichen Flug wie ein potenzieller V-Mann den Sitzplatz neben ihm zu bekommen. Er klickte auf dem Laptop Bilder von Stränden und Yachten durch, weil er wusste, dass der Mann sich dafür interessiert. Im nächsten Schritt baute Martin eine Beziehung auf, suchte Gemeinsamkeiten, ehe er in einem weiteren Schritt den Mann unter Druck zu setzen versuchte. In einem Fall wusste Martin über einen potenziellen V-Mann, der ein Kilo Gras besass und sagte ihm das auch, fügte aber sofort an, dass ihn das nicht interessiere – sondern eine Zusammenarbeit. In diesem Moment offenbare sich der Agent. Man müsse dem potenziellen V-Mann dann etwas geben. Ihn zum Beispiel warnen, dass eine Razzia in einem Lokal stattfinde und er sich dort besser dann nicht aufhalte. Welche Rolle Geld spielt? Keine grosse, sagt Martin. Weil durch Geld kein Abhängigkeitsverhältnis entstehen dürfe.

«Bevor jemand lügt, muss er einmal kurz die Wahrheit denken.»Leo Martin, Ex-Agent

Er legt ungefragt sein Buch auf den Tisch und beginnt Seiten einzuknicken, auf denen er Stellen mit Textmarker angestrichen hat. Zum Nachlesen. Dann signiert er das Buch, der Stift zieht am Ende des Vornamens quer nach rechts durch den Nachnamen, die gezeichnete Flugbahn einer Kugel, die als Punkt auf dem I von Martin die Unterschrift abschliesst.

Wie erfährt man die Wahrheit von einem Informanten? Eine Methode ist, ins Unendliche zu fragen. «Nehmen wir an, jemand liegt blutend im Keller, atmet nicht mehr und der Kriminalist fragt den Hausbewohner, was er am Abend gemacht hat.» Er sei im Kino gewesen, antwortet der, und dann muss der Ermittler sehr schnell viele Fragen stellen: Welchen Weg gegangen? Welches Kino? Wie viele Kinokassen waren offen? Daraus entwickeln sich oft Widersprüche. «Der Nachrichtendienstler prägt sich das normale Verhalten eines V-Manns ein und gleicht bei Gesprächen ab, ob die Reaktion mit dem Normalverhalten zusammenpasst.» Denn «bevor jemand lügt, muss er einmal kurz die Wahrheit denken». So viel wisse man. «Ein Mann ist beim Arzt und wird gefragt, ob er Medikamente genommen hat. Er hat Viagra genommen und antwortet nicht sofort.» Eine halbe Sekunde Zögern würde gute Ärzte zum Nachhaken bringen. Und gute Kriminalisten.

Martin hakte nach, jahrelang, traf sich an Autobahnraststellen, in Schnellrestaurants, im Flughafenterminal, wo er jetzt alles überblickt und sich auf seiner Tasche die Silhouette einer Pistole abzeichnet. Ist natürlich nur eine Spass-Agententasche. Martin macht heute alles dafür, um gesehen zu werden, ein Ungeheim-Agent.

«Kann ich darauf vertrauen, dass du einen wohlwollenden Artikel schreibst?»Leo Martin, Ex-Agent

2008, nach «mehreren Dutzend Kontakten» mit verschiedenen V-Männern, hörte Martin auf, und die Erklärung klingt abenteuerlich: Er sei auf dem Sprung in den höheren Dienst gewesen. Er wurde befördert. Wollte aber lieber Werber sein. «Ich wollte das nicht: Büro, Projekte, Mitarbeiter führen.» Martin sagt das ohne Zögern. Was bei einem so erfahrenen Mann wohl nichts heisst. Es kann auch eine gute Geschichte sein, wie er sie selbst so oft in seinem Leben entwickelt hat, am besten immer nah an der Wahrheit, um sie authentisch zu bringen.

Martin könnte als Pressesprecher der Geheimdienste wirken. Wie er von der Legalitätsprüfung spricht und dem Opportunitätsprinzip in einem ruhigen Ton, dem man anhört, wie sehr er es gewohnt ist, dass jedes Wort entscheidend sein kann. Nach seinem Ausscheiden 2008 hielt er Vorträge für Führungskräfte. Die Leute hätten ihn gefragt, warum er das nicht aufschreiben würde. Tat er dann, das Buch verkaufte sich 150'000 Mal. Es gab mehrere RTL-Sendungen, eine Art Doku-Format mit filmischen Elementen. Mittendrin Martin, der schmale Mann mit der ruhigen Stimme. «Noch ist nichts passiert», bei einer Geiselnahme zum Beispiel.

Also, wie gewinnt er jemanden für sich? «Durch Klarheit, Vertrauen und Anerkennung.» Man dürfe nicht sagen: Du kannst mir vertrauen, sondern: Worauf kannst du vertrauen. «Kann ich darauf vertrauen, dass du einen wohlwollenden Artikel schreibst?» Da ist das Du zurück.

«Er ist sehr zielstrebig, durchsetzungsstark und gibt gerne den Ton an.»Patrick Rottler, Kollege von Leo Martin

Mails von Martin beginnen mit «Lieber Top-Agent Philipp» oder «Lieber 007-Philipp» und enden mit «PPS.: Diese Nachricht zerstört sich in wenigen Augenblicken selbst!» Sein Anrufbeantworter sagt: «Diese Nachrichten werden abgehört.» Gerade arbeitet Martin an seinem nächsten Buch, «Ich stopp dich!», in dem er «Gefühlsterroristen erkennen und ausschalten» will. Martins Hartnäckigkeit, die er früher im Nachbohren und Nachfragen bei seinen V-Männern eingesetzt hat, zeigt er nun auf einem anderen Feld. Allerdings muss er die Leute ganz ohne Hilfe eines kompromittierenden Wissens wie etwa ein Kilo Gras überzeugen. Und dabei aufpassen, ihnen nicht auf die Nerven zu gehen mit der Agenten-Masche. Dass jemand, der so subtil vorgehen musste, nun so laut auftreten kann, das ist auch eine Kunst.

Martin arbeitet auch als Textanalyst, er hat einen Textmarker mitgebracht mit dem Logo «Textermittler». Es geht darum, Sätze zu analysieren, mit denen Menschen bedroht werden. Martin arbeitet mit einem Professor, Begründer der sprachwissenschaftlichen Kriminalistik (Sprachprofiling), und einem jungen Kollegen zusammen, der am Flughafen dabei ist und ein paar Tische weiter sitzt: Patrick Rottler. Als Martin telefoniert, kurz die Frage an Rottler, wie er Martin beschreiben würde? «Er ist sehr – sagen wir – zielstrebig, durchsetzungsstark und gibt gerne den Ton an.»

James Bond, was macht der falsch? «Nichts», sagt Martin nach dem Telefonat, «der macht alles richtig! Ausser, dass er bescheuerte Risiken eingeht.» Er wurde mehr als 4000 Mal angeschossen und hat mehr als 300 Menschen umgebracht. Aber er fasziniert, «die Schattenwelt ist voller Spannung, und dann gilt ein Agent auch noch als Einzelkämpfer, das macht neugierig». Dann signiert Martin sein Buch, macht zwei Einmerker an wichtigen Stellen und überreicht es. Händedruck, Abgang. Vielleicht ist er ja doch noch aktiver Agent und spielt nur die Rolle eines Ex-Agenten, der sich vermarkten will? Ein letztes Umdrehen, Martin zückt sofort seine zwei Finger und zeigt auf seine Augen und dann auf die des Reporters. Oder ist er gar ein Doppelagent? Im Dienste seiner Majestät – oder seiner Buchauflage. (Redaktion Tamedia)

Erstellt: 04.05.2019, 17:17 Uhr

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