Interview

«Jetzt fehlt er ganz einfach»

Diogenes-Gründer Daniel Keel ist tot. Der Schweizer Bestsellerautor Urs Widmer erinnert sich an seinen Verleger und Freund.

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Herr Widmer, heute ist die Premiere Ihres neuen Erzählbands «Stille Post». Nun ist Ihr Verleger gestorben. Werden Sie trotzdem die Lesung halten?
Ja, ich kann das nicht absagen. In diesem Buch mit kleinen Prosastücken hat es auch lustige Texte drin. Und ich wollte mit einem komischen Heuler aufhören. Das kann ich nun nicht machen, weil ich meiner Erschütterung Ausdruck geben muss.

Was machen Sie nun?
Ich weiss es noch nicht, ich denke darüber nach. Aber ich habe genügend ernstere Texte.

Was war Ihr erstes Gefühl auf die Todesnachricht?
Ich kannte Daniel Keel mehr als 40 Jahre, und in dieser Zeit ist er nicht nur mein Verleger, sondern auch mein Freund geworden. In früheren Jahren, als er das noch konnte, sind wir viel zusammen im Wald gewandert. Dabei haben wir unsere Gedanken ausgetauscht. Jetzt fehlt er ganz einfach.

Wie war Daniel Keel als Mensch?
Er war gescheit, witzig und kenntnisreich.

Wie war Ihre erste Begegnung mit Daniel Keel?
Das muss um 1966 oder 1967 gewesen sein. Damals war ich noch Angestellter des Walter-Verlags. Mir hat damals seine lichte, schlaue Herzlichkeit so gut gefallen, dass ich ihm mein erstes Manuskript zum Lesen gab. Er hat die Erzählung «Alois» dann 1968 veröffentlicht.

Er machte Sie also zum Schriftsteller.
Wenn Sie so wollen, ja. Jedenfalls kam ich dann zu diesem kleinen, literarisch noch nicht allzu ausgewiesenen Diogenes-Verlag, der noch nicht diese prunkvolle Kiste von heute war. Ich hatte also weiss Gott richtig gewählt.

Hat Daniel Keel als Verleger in die Arbeit seiner Autoren eingegriffen?
Das hat er auf eine erfreuliche Weise überhaupt nicht. Aber er hat sich für seine Autoren interessiert. Er hat immer nachgefragt, was man macht. Und er hat unendlich geduldig gewartet, wenn das Buch dann etwas langsamer fertig wurde. Daniel Keel war in diesem Sinn ein ganz wunderbarer Verleger. Wer einmal bei ihm war, der konnte auf seine Treue zählen – man konnte sich immer auf ihn verlassen, dass er auch das nächste Buch druckt.

Gab es nie Differenzen?
Ich kann mich an keinen einzigen Krach mit ihm erinnern. Es gab nicht einmal Spannungen wegen Klappentexten. Selbst das müsste ich erfinden. Er war sehr herzlich, und ich kam bestens mit ihm aus.

Einerseits war er menschlich, andererseits der erfolgreichste Verleger in der Schweiz. Wie schaffte er es, diese scheinbaren Gegensätze zu verbinden?
Bei ihm ging das sehr gut zusammen. Er hatte einfach eine sehr gute Nase für Bücher, die sich auch verkaufen. Er war es, der zum Beispiel Patrick Süskind entdeckte. Auf der anderen Seite hat er sich an vielen Spielchen des Verlagswesens, etwa den Geldbietspielchen, nie beteiligt und blieb mit beiden Füssen auf dem Boden.

Wie geht es beim Verlag weiter?
Ich weiss es nicht. Aber der Verlag hat ja ein sehr fähiges, vierköpfiges Direktorium. Das wird zweifellos die Geschäfte weiterführen. In diesem Sinn sehe ich keine Gefahr für den Diogenes-Verlag.

Sie werden auch weiterhin beim Diogenes-Verlag bleiben?
Aber selbstverständlich.

Wie werden Sie Daniel Keel in Erinnerung behalten?
Vielfältig. Ich werde seine Vitalität von früher in Erinnerung behalten, aber selbstverständlich steht mir auch das Bild seiner späteren Krankheit vor Augen.

Erstellt: 13.09.2011, 16:15 Uhr

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