«Jetzt wird entschieden, wie wir künftig lesen»

Melanie Picard nennt sich «Predigerin der neuen Medien», am Samstag eröffnet sie an der ETH Lausanne eine Ausstellung über die Zukunft des Buchs. Im Interview sagt sie, dass es kein Zurück mehr gebe.

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Wann überholt das digitale Buch das papierne?
Es wird immer Platz geben für das traditionelle Buch, etwa für Kunstbücher. Aber die digitalen Plattformen werden in den nächsten fünf Jahren die Führungsrolle übernehmen. Daran werden auch die staatlichen Schutzmassnahmen nichts ändern können, die jetzt in Europa getroffen werden, um die traditionellen Verlage am Leben zu erhalten. Diesen werden nur die Nischen zwischen den grossen Playern bleiben.

In den USA tobt momentan ein heftiger Rechtsstreit zwischen Verlagen und Apple darüber, wer den Preis eines Buchs festlegen darf.
Auch diese Auseinandersetzung wird die Verlage nicht retten. Apple hat wie Google und Amazon genügend Geld, um Anwälte und notfalls Bussen zu bezahlen. Und sie haben im Gegensatz zu den konventionellen Verlagen die technologischen Mittel, noch mächtiger zu werden. Viel wichtiger ist der Richtungskampf, den diese Player jetzt untereinander austragen. Sein Ausgang wird entscheiden, wie wir künftig lesen werden.

Richtungskampf?
Zum einen gibt es die Standardisierung, wie sie Google mit Google Books betreibt: Alles wird digitalisiert – und das auf eine sehr simple, serielle Weise. Zum andern gibt es Apple, das mit seinen Apps kleine, klar abgegrenzte, individualisierte Räume schafft, in denen digitale Innovationen und Experimente möglich werden.

Zum Beispiel?
Für Kinderbücher etwa ist dieser digitale Zugewinn an neuen Dimensionen – Audio, Videos, bewegte Schriften – eine echte Bereicherung. Und, nicht zu vergessen: Die strikte Begrenzung von Angeboten auf Plattformen wie dem iPad erinnert die Leser an das traditionelle Buch.

Wirkt sich das auch auf die Zahlungsbereitschaft aus? Sind User tatsächlich bereit, für Apps zu zahlen wie für Bücher?
Auch hier erleben wir eine entscheidende Verschiebung. Die Leute realisieren, dass auch im Web nichts gratis ist. Dass sie auch für Dienste wie Facebook tatsächlich zahlen – nicht mit Geld, aber mit ihren Daten, ihrer Privatsphäre. Die Bereitschaft, für Onlinedienste Geld auszugeben, wird deshalb steigen.

Für die Autoren ist die Digitalisierung zweischneidig. Einerseits haben sie mehr Freiheiten und können publizieren, wann und wie sie wollen. Andererseits bieten ihnen die Verlage nicht mehr die geschützten Räume, in denen sie sich auf ihre Arbeit, ihre Kunst konzentrieren können.
Sicher, für Leute, die nur schreiben wollen, wird es schwierig. Andere dagegen freuen sich darüber, mehr Verantwortung und Kontrolle übernehmen zu können.

Noch wirken multimedial angereicherte Texte häufig wie Stückwerk, es gibt keinen eigentlichen Fluss, der Text, Audio und Video verbindet. Kennen Sie Gegenbeispiele?
Die Erhaltung des gewohnten Leseflusses ist tatsächlich eine der grossen aktuellen Herausforderungen multimedialer Textformen. In unserer Ausstellung hat sich ihrer Antonio Giorgio Pesce Costa mit seinem Projekt «Re-Intertextuality» angenommen. Er versuchte, ein digitales Buch so zu gestalten, dass der Leser Text und Video ohne die üblichen Unterbrüche – wie Link anklicken et cetera – konsumieren kann.

Erstellt: 03.07.2014, 16:39 Uhr

Ausstellung

Am Samstag wird auf dem Campus der ETH Lausanne die Ausstellung «Book Lab» eröffnet. Während sieben Tagen zeigen Web-Künstler und Informatiker, wie Bücher interaktiv gestaltet und erweitert werden können. Das Programm findet sich hier.

Melanie Picard (26) arbeitet für Swissnex, ein in San Francisco stationiertes Unternehmen, das nach neusten Digitaltrends forscht und vom Staatssekretariat für Bildung gefördert wird. Die Genferin, die sich selbst «New Media Evangelist» nennt, hat in Paris und Genf Wissenschaftskommunikation studiert. (Bild: zvg)

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