Kaleidoskop menschlicher Schicksale und Hoffnungen

Die Porträt-Sammlung von Yann Arthus-Bertrand stillt kleine voyeuristische Gelüste und öffnet Fenster in andere Realitäten.

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Am Anfang war die Panne. Der Fotograf Yann Arthus-Bertrand, bekannt durch seine Arbeit «Die Erde von oben», die Luftaufnahmen von unserem Planeten zeigt, befand sich in Mali, wollte Landschaften fotografieren und musste warten. Der Helikopter hatte eine Panne – und ein Dorfbewohner Zeit, dem Fremden von seinem Alltag, seinen Sorgen und Wünschen zu erzählen. Das liess den Fotografen nicht mehr los und brachte ihn auf die Idee, Menschenporträts aus aller Welt – in Wort und Bild – zusammenzutragen, um aufzuzeigen, was uns verbindet oder unterscheidet, bewegt und träumen lässt.

Er und sein Team befragten während fünf Jahren insgesamt 5000 Personen in 75 Ländern, was für sie Freiheit, Glück, Liebe und Glaube bedeutet und wovor sie Angst haben. In «Einer unter 6 Milliarden» veröffentlicht er nun mehr als 500 Porträts und kurze Selbstbeschreibungen von Menschen jeglicher Herkunft und Kultur. Ein Kaleidoskop menschlicher Erfahrungen und Wünsche – das zuweilen unterhaltsam, oft aber bizarr wirkt in der Spannbreite der Aussagen. Auf die Frage: «Was ist Ihre grösste Angst?», antwortet etwa ein junger Serbe: «Die Angst vor Frauen, vor schönen Frauen und davor, kein Geld zu haben»; eine ältere Dame aus Papua-Neuguinea fürchtet sich «vor dem Vulkan»; die Schwedin hat «Angst vor der Angst» und ein Südafrikaner, dass er seine Frau mit dem HIV anstecken könnte.

Gesagtes wird relativiert

Das Aneinanderreihen solcher Statements relativiert das einzeln Gesagte. Man surft sich durch Gesichtsporträts und auf wenige Zeilen verknappte Lebensgeschichten, lernt Ernestine kennen, die in Ruanda als Einzige all ihrer Bekannten überlebt hat, und liest von der 37-jährigen Schauspielerin Christina aus Los Angeles, die lernen möchte, mit dem zufrieden zu sein, was sie hat.

Das Buch ist ein Projekt der von Yann Arthus-Bertrand initiierten gemeinnützigen Stiftung Good Planet, die ein besseres Bewusstsein für unsere Umwelt schaffen will. Was nach Gutmenschenaktion tönt, ist in diesem Fall zu einem unterhaltsamen Lexikon der Lebensentwürfe im 21. Jahrhundert geworden. Es stillt kleine voyeuristische Gelüste und öffnet Fenster in andere Realitäten. Eindrücklich sind auch die gefilmten Interviews, die kostenlos im Internet betrachtet werden können.

Erstellt: 13.04.2010, 20:26 Uhr

Eine andere Perspektive einnehmen: Ein Lexikon der Lebensentwürfe im 21. Jahrhundert. (Yann Arthus-Bertrand)

Das Buch

Yann Arthus-Bertrand: Einer unter 6 Milliarden. Was Menschen erleben, träumen und hoffen. Knesebeck, München. 2010. 319 S., ca. 44 Fr.

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