Kann auch in der Türkei das Licht der Aufklärung leuchten?

Der türkische Literaturnobelpreisträger Orhan Pamuk war 22 Jahre alt, als er seinen ersten Roman begann. Ein starker Einstieg in die Literatur. Jetzt liegt «Cevdet und seine Söhne» auf Deutsch vor.

Karrierebeginn mit 22: Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk.

Karrierebeginn mit 22: Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk. Bild: Keystone

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Orhan Pamuk, dessen Familie der reichen, europäisierten Oberschicht Istanbuls angehörte, hat als Maler begonnen. Doch die Ergebnisse befriedigten ihn nicht, und so wandte er sich der Schriftstellerei zu, gleich mit den ehrgeizigsten Zielen: Die «Buddenbrooks» und «Anna Karenina» waren seine Vorbilder beim Versuch, ein grosses Familien- und Zeitporträt zu schaffen.

Im Nachwort zur deutschen Ausgabe gesteht Pamuk jetzt, dass er sich wegen seines ersten Romans «im Nachhinein jahrelang ein wenig geschämt» habe: zu traditionell im Erzählduktus, zu sehr der Tradition des 19. Jahrhunderts verbunden, zu wenig experimentell. Inzwischen schaut er nicht ohne Wohlwollen auf sein Debüt, das wie ein prachtvolles Eingangstor vor seinem Werk steht.

In «Cevdet und seine Söhne» beginnt Pamuk seine Auseinandersetzung mit der einen grossen Frage, die ihn bis heute nicht losgelassen hat: Was ist die Türkei, wo steht sie zwischen Orient und Okzident? Gibt es einen Weg in die Moderne? Kann auch in der Türkei das Licht der Aufklärung leuchten?

Drei Generationen einer Istanbuler Familie folgt Pamuk auf ihrem Weg durch das 20. Jahrhundert. Im Jahr 1905 scheint die Zeit stillzustehen. Das Osmanische Reich erstreckt sich vom Balkan bis zur Arabischen Halbinsel und über Nordafrika. Aber es ist ein ausgelaugtes, nur noch mühsam zusammengehaltenes Staatsgebilde, in dem der junge Cevdet sein Glück als Lampenhändler versucht, was ganz und gar ungewöhnlich ist. Wenn er durch die Strassen geht, flüstern die Leute hinter ihm her: «Schau, schau, da haben wir jetzt einen Kaufmann mit Fes auf dem Kopf.» Was heisst: Er ist ein Pionier, der erste muslimische Kaufmann nämlich, der sich mit den Armeniern, Griechen und Juden, die seinerzeit den Handel mit Waren beherrschten, misst.

Aufbruchsstimmung . . .

Der «Lampen-Cevdet», arbeitsam und in Massen fortschrittsgläubig, wird zum Gründer einer Familiendynastie, deren Geschichte Pamuk wie auf einem Flügelaltar darstellt. Die Vorgeschichte im Jahr 1905 und die Nachgeschichte im Jahr 1970 flankieren und kommentieren die ausführlich gestaltete Haupthandlung in den Jahren 1937 bis 1939. In jener Zeit, so vermittelt es Pamuk, gab es wesentliche Impulse für eine Modernisierung (was bei ihm immer heisst: Europäisierung) der Türkei. Der Reformer Atatürk hat die alten Strukturen zerstört, die arabische Schrift abgeschafft und durch die lateinische Schrift ersetzt, das Kopftuchverbot erlassen und den Fes (den Cevdet noch trug) verboten.

Es herrscht Aufbruchsstimmung am Ende der 30er-Jahre: Osman, Cevdets Sohn, führt das Geschäft nüchtern und effizient fort. Um ihn gruppiert Pamuk Personen, die auf ihre je eigene Art den Fortschrittsglauben personifizieren. Osmans Freund, Ömer, hat in Europa studiert und sieht sich selbst als «Eroberer». Als Ingenieur wird er mit unglaublicher Energie eine Eisenbahnlinie in Anatolien bauen, in seinen späten Jahren aber in Apathie versinken. Ein anderer Freund, Muhittin, will die Dichtung revolutionieren und ein grosser Lyriker werden. Er endet als nationalistischer Abgeordneter. Und dann gibt es noch Refik, Osmans Bruder, einen Idealisten und Traumtänzer, der sich als Verleger europäischer Literatur versucht und ein «Dorfprojekt» entwirft, um die Bauern aus Armut und Unwissenheit zu holen.

Dem Träumer Refik hat Pamuk zweifelsohne viel von seinen eigenen Wünschen, Hoffnungen und Zweifeln eingeschrieben. Wie der Arzt in Pamuks Roman «Das stille Haus», der über Jahrzehnte auf eigene Faust eine riesige Enzyklopädie für die Türkei zu erstellen versucht, glaubt auch Refik an die heilende Kraft aufklärerischer Ideen. Und doch verzweifelt er an seinen Türken: «Warum sind wir so, wie wir sind, und so anders als die Europäer?», notiert er in sein Tagebuch.

. . . und Katzenjammer

Ein langer, klagender Grundton der Verzweiflung und der Vergeblichkeit durchzieht den Roman. Er gipfelt in dem Seufzer: «Wenn Rousseau in der Türkei gelebt hätte, dann hätten sie ihn mit Stockschlägen zur Räson gebracht.» Stockschläge gibt es für Refik nicht, nur die schnöde Realität stösst ihn und seine Reformvorhaben gnadenlos zurück.

Der Reformer Refik, ein Bruder im Geiste und später Nachfahre des Lewin in «Anna Karenina», verfällt der Melancholie, was ihn auch zu einer tschechowschen Figur macht. Wie die drei Schwestern Irina, Mascha und Olga «Nach Moskau, nach Moskau!» rufen, so rufen Refik und seine Freunde: «Nach Europa, nach Europa!» Aber auch ihr Ruf wird nicht erhört.

Wie er auch im Jahr 1970 verhallt, als Cevdets Enkel Ahmet, der sich wie der junge Pamuk als Maler versucht, an der gesellschaftlichen Stagnation verzweifelt.

Orhan Pamuks Roman «Cevdet und seine Söhne» ist ein Zeitenpanorama, in dem sich die türkische Geschichte mit all ihren Ungleichzeitigkeiten und Widersprüchen spiegelt. Nicht alle historischen und gesellschaftskritischen Anspielungen wird der westeuropäische Leser entschlüsseln können. Da fehlt der entsprechende Anmerkungsapparat.

Es wäre allerdings falsch, Pamuks Roman nur als zeitgeschichtliches Kompendium zu verstehen. «Cevdet und seine Söhne» ist primär ein Werk der Literatur, das lust- und kunstvoll Farben und Gerüche beschwört, das den Figuren viel Raum gibt, das das Anekdotische liebt, das durch die dialogische Erzählführung viel Tempo und Intensität erreicht – und das auch ein grosses Spiel mit Pamuks eigener Geschichte und der seiner Familie ist. Ein paar untergründige Verbindungen gibt es sogar zu Pamuks letztem Roman «Das Museum der Unschuld». Es ist ein schönes Eingangsportal, das den Weg öffnet in das inzwischen weitverzweigte Werk des Literaturnobelpreisträgers.

Erstellt: 27.06.2011, 15:48 Uhr

Orhan Pamuk: «Cevdet und seine Söhne» Hanser-Verlag,ISBN: 3-44623-639-2

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