Kinderbücher mit Migrationshintergrund

Schulklassen sind heute stark von unterschiedlichen Kulturen geprägt. Doch sind dies auch die Kinderbücher? Nur ansatzweise, sagt Fachfrau Elisabeth Eggenberger.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Er gilt als teuerster Film der deutschen Filmgeschichte: «Jim Knopf und Lukas der Lokomotivführer» nach dem Kinderbuch von Michael Ende von 1960. Im Frühling kam er in die Kinos, und im Vorfeld sprach der Produzent über die schwierige Financier­suche. «Wieso ist der Junge denn schwarz?», hätten potenzielle chinesische Investoren irritiert gefragt. Selbst in Hollywood habe man vorgeschlagen: «Könnte Jim nicht weiss sein?»

Der Bub mit der schwarzen Haut als aktiver Held war im deutschsprachigen Kinderbuch der Sechzigerjahre die absolute Ausnahme. Und obwohl «Jim Knopf» im Zeichen des Humanismus geschrieben wurde und eine Figur darin gar eine regelrechte Brandrede gegen Rassismus hält, empfinden manche schwarzen Eltern Franz Josef Tripps Illustrationen als derart klischiert und, ja, rassistisch, dass das Buch aus einigen amerikanischen Schulbibliotheken verschwand. Wie müssen Kinderbücher heute aussehen?

Die Schulklassen sind auch in Deutschland und der Schweiz viel heterogener als in den Sechzigern. Laut Zahlen zum Jahr 2017 betrug der Anteil fremdsprachiger Kinder in den Kindergärten des Kantons Basel-Stadt 49 Prozent, der von Kindern mit Schweizer Nationalität 59 Prozent. In der Primarschule waren 51 Prozent der Kinder fremdsprachig, 62 Prozent waren Schweizer. In der Stadt Zürich wurden 2017 rund 74 Prozent Schweizer Kindergärtler registriert, 41 Prozent hatten nicht die Erstsprache Deutsch. In der Zürcher Primarschule machten die Schweizer Kinder etwa 75 Prozent in Stadt und Kanton aus; 59 Prozent hatten Deutsch als Erstsprache. In den Kindergärten wie Primarschulen des Kantons Bern bewegte sich der Anteil schweizerischer Kinder im Schuljahr 2016/17 zwischen 81 und 82 Prozent. Mancherorts hat also circa jedes dritte Kind einen Hintergrund, der von ihm, schon allein sprachlich, hohe Adaptationsleistungen abverlangt.

Der Trailer zu «Jim Knopf». Video: Warner Bros. DE/Youtube

Wird diese Lebenswirklichkeit in den aktuellen Kinderbüchern gespiegelt? Und thematisieren sie das Phänomen der fremden Herkunft, ohne dabei die Kinder mit Migrationshintergrund als hilfsbedürftige Opfer darzustellen? Damit beschäftigt sich die Forschung intensiv; und eine neue britische Studie mit dem Titel «Reflecting Realities» hat, zumindest für Grossbritannien, arge Defizite festgestellt.

Dort sassen in den Klassenzimmern der öffentlichen Primarschulen 2017 rund ein Viertel farbige Kinder sowie 8 Prozent ausländische Weisse. Im gleichen Jahr erschienen über 9000 Kinderbücher. Nur 1 Prozent davon stellte eine schwarze Figur oder ein Kind einer ethnischen Minderheit als Helden oder Heldin ins Zentrum. Selbst als Nebenfigur waren sie nur zu 4 Prozent vertreten. Kamen solche Charaktere überhaupt vor, wurde das Buch oft explizit als problemorientiert angepriesen, so unter dem Stichwort «Soziale Gerechtigkeit». Nur ein einziges dieser Bücher verstand sich als Comedy.

Befindet sich das Kinderbuch in der Schweiz in ähnlicher Schieflage? Und spielt das Kinderbuch heute überhaupt eine grosse Rolle für die Ausbildung eines gefestigten Selbstbilds, wie es die Aufregung um politisch nicht-korrekte Kinderbuchgestalten suggeriert? Das fragten wir Elisabeth Eggenberger, Redaktorin des Fachmagazins «Buch&Maus» vom Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien (SIKJM).

Frau Eggenberger, wie prägend sind Kinderbuchfiguren für die jungen Leser?
Das lässt sich schwer messen. Grundsätzlich aber beschäftigen sich Kinder dauernd mit Identitätsbildung, wobei nicht nur Bücher einen grossen Einfluss haben – aber eben auch. Wie viel Weltwissen Kleinkinder allein aus Bilderbüchern beziehen! Etwa, wenn ein Kind über ein Wimmelbuch Tiere benennt, die es nie in Wirklichkeit gesehen hat. So kommt Kinderbüchern im Entwicklungsprozess eine enorme Rolle zu. Es gibt Studien, wonach Mädchen im Kindergartenalter, die Bücher mit nicht ­traditionellen Rollenbildern vorgelesen bekommen haben, sich danach in Rollenspielen eher aus den traditionellen Rollen herauswagten. Auf alle Fälle lernen Kinder über Geschichten, sich in andere Figuren hineinzuversetzen, Gefühle mitzuempfinden: Das unterstützt auch beim Zusammenwachsen heterogener Kindergarten- und Schulklassen.

Wo steht das Kinderbuch im Vergleich zu anderen Medien?
Immer noch nehmen Bücher vom Kleinkindalter bis weit in die Primarschulzeit eine führende Rolle ein. Im Gegensatz zu TV und Apps ermöglichen sie dialogische, intime Situationen zwischen Erwachsenen und Kind, die sehr hilfreich sind für die Entwicklung von Sprache, Beziehungsfähigkeit und Empathie. Im Schulalter werden Bücher – nicht von allen Kindern gleich – immer noch häufig konsumiert, denken wir nur an all die Fans von Serienliteratur. Lesemomente sind ein wichtiger Faktor beim Entstehen eigener Fantasien.

Gibt es wirklich nur wenige Kinderbücher mit Helden, die nicht weiss sind? Wie steht es sonst mit Diversität?
Das stimmt für den britischen wie deutschsprachigen Buchmarkt: Kinder aus anderen Kulturkreisen oder mit Migrationshintergrund sind weniger häufig präsent. Dagegen fällt auf, dass vor allem die starken Mädchenfiguren aufgeholt haben. Schwieriger ist es mit differenzierten Jungenfiguren. Auch LGBTI-Themen gibts, freilich primär in der Jugendliteratur; weit weniger oft in Bilder- und Kinderbüchern. Aber es ist im Kommen. Der deutschsprachige Markt ist, bei fast 9000 Neuerscheinungen, hochdifferenziert.

Elisabeth Eggenberger, Expertin für Kinderliteratur. Foto: PD

Wie ist das bei den schweizerischen Verlagen?
Mit Baobab hat die Schweiz einen – kleinen – Verlag, der sich die Repräsentation anderer Kulturkreise in der Kinder- und Jugendliteratur auf die Fahne geschrieben hat, da werden Kinderbücher aus Asien, Lateinamerika, Afrika verlegt. Allerdings sind das nur etwa vier Bücher pro Jahr. Sehr hilfreich ist die Baobab-Broschüre «Kolibri», die neue Kinderbücher aus allen Verlagen empfiehlt, die den Baobab-Kriterien in Bezug auf Werte­vielfalt, Dialog, Respekt und Gleichwertigkeit entsprechen. Und der junge Verlag Dabux, der speziell leseschwächere Jugendliche ansprechen will, hält die Autoren – alle aus der Schweiz – dazu an, das hiesige Umfeld der Jugendlichen zu schildern. So sind in den Büchern auch Teens mit Migrationshintergrund vertreten. Natürlich haben auch die anderen Verlage ab und zu ein Buch zu solchen Fragen im Programm. Aber die meisten Bücher haben weisse Protagonisten – oder gar keine Menschenfiguren.

Auch bei Schweizer Autoren?
Diese legen ein spezielles Augenmerk auf die Repräsentation von Kindern mit Migrationshintergrund, scheint mir. Schon seit der ersten Migrationswelle in den 1960er-Jahren, so in Eveline Haslers «Komm wieder, Pepino!». Oft sind andere Migrationsgruppen repräsentiert als in deutschen Büchern. Dort sind es häufig türkische, russische und neu syrische Kinder, hierzulande heute eher albanische, portugiesische.

Was ist ihre typische Rolle?
Oft steht immer noch ein Problem im Zentrum: Flucht, die Zerrissenheit zwischen zwei Kulturen, die schwierige Integration. Zunehmend aber ist die Diversität ein selbstverständlicher Teil der Geschichten, etwa dass der beste Freund des Protagonisten Muslim ist oder die Kinder unterschiedlicher kultureller Herkunft sind – ohne dass das gross zum Thema wird. Im neuen Bilderbuch der Schweizer Illustratorin Francesca Sanna, «Geh weg, Herr Berg!» (Atlantis), hat das Kind eine dunkle Hautfarbe, ohne dass darauf Bezug genommen würde. Dass uns das noch überrascht, spricht Bände.

Ist das einheimische, weisse Kind stets der Helfer?
Das ist tatsächlich ein bekanntes Muster. Man muss genau schauen: Wie steht es mit der Handlungskraft des «fremden» Kindes? Entwickelt es selbst Problemlösungen? Wird seine Kultur nur problematisiert oder die «andere» Identität auch als Ressource gezeigt? Gelingt Integration nur durch eine ausser­gewöhnliche Leistung des Kindes, oder ist sie bedingungslos? Dass ein ausländisches Kind vorkommt, reicht nicht. Als Identifikationsangebot darf es auf keinen Fall nur das Schwache sein! Letzthin gab es gerade zum Thema Flucht viele nicht sorgfältig genug gemachte Kinderbücher. So wurde Paul Maars «Neben mir ist noch Platz» neu aufgelegt, in dem ein deutsches Mädchen einem syrischen hilft. Das Cover zeigte, wie das blonde das dunkelhaarige auf eine Mauer zieht. Das ist symbolisch dafür, wie viele solcher Geschichten funktionieren. Inzwischen hat der Verlag reagiert: Die Mädchen sitzen nebeneinander auf der Mauer.

Haben Sie ein Gegenbeispiel?
Etwa das Bilderbuch «Nusret und die Kuh» (Tulipan). Die Eltern eines kosovarischen Jungen wollen ihn nachholen, nach Deutschland oder in die Schweiz. Er findet es schwierig, von den Grosseltern Abschied zu nehmen, und kommt auf die Lösung, deren Kuh mitzunehmen. Sie hilft ihm als Übergangsobjekt so lange in der neuen Heimat, bis sie nicht mehr nötig ist. Die Gefühlswelt des Jungen ist im Zentrum; er löst sein Problem selbst.

Sind Kinderbuchklassiker, in denen etwa das Wort «Neger» vorkommt, ein Problem?
Klassiker werden eher vorgelesen, als dass das Kind damit allein gelassen wird. Da sind solche Reibungen wunderbare Gesprächsanlässe. Es gilt auch zu unterscheiden: «Jim Knopf» etwa hat einen völkerverständigenden Grundgedanken, nur wirkt ab und an klischiert, wie Michael Ende ihn rüberbringt. Das kann man auffangen. Bücher mit klar überholter Ideologie darf man aber weglegen – und zu neuen greifen!

Erstellt: 17.12.2018, 18:13 Uhr

Artikel zum Thema

Acht richtig gute Kinderbücher

Mamablog Viele Kinderbücher sind unoriginell und bedienen Klischees. Diese acht Perlen heben sich vom Einheitsbrei ab. Zum Blog

Warum sind Kinderbücher so grottenschlecht?

Analyse Logik, Physik, Dramaturgie zählen nichts, solange die Bilder bunt sind. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Abo

Abo Digital - 26 CHF im Monat

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt digital lesen, inkl. ePaper. Flexibel und jederzeit kündbar.
Jetzt abonnieren!

Kommentare

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Die Kunst des Überlebens: In der Royal Academy of Arts in London schwimmen 50 Ohrenquallen als Teil einer Kunstinstallation in ihrem Aquarium. Die Meerestiere sind einige der wenigen, die vom Klimawandel profitieren. (20. November 2019)
(Bild: Hollie Adams/Getty Images) Mehr...