Kindheit am Fluss

Botho Strauss erinnert sich in «feinen Damals-Ekstasen» an seine frühen Jahre in Ems an der Lahn. Sein schmales Buch «Herkunft» ist ein intellektuelles Vergnügen.

Permanente Reflexion: Schriftsteller Botho Strauss, hier auf einem Spaziergang in der Uckermark. Foto: Wolfgang Stahr (Laif)

Permanente Reflexion: Schriftsteller Botho Strauss, hier auf einem Spaziergang in der Uckermark. Foto: Wolfgang Stahr (Laif)

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«Herkunft» – was für ein nüchterner Titel! Erst recht für eine Autobiografie der Kindheit und Jugend. Aber Botho Strauss war noch nie ein Schriftsteller, der Erwartungen zu erfüllen suchte. In diesen sieht der Einzelgänger unter den deutschen Schriftstellern vielmehr Haltungen und Einstellungen, die von der allgemeinen Meinung bereits nivelliert und normiert wurden. Gute Literatur, gute Kunst überhaupt soll diese nicht bedienen, sondern im Gegenteil unterlaufen. Der Schriftsteller, will er originär sein, macht sich nicht gemein mit den öffentlichen und veröffentlichten Erwartungen, sondern sucht radikal den Weg des zutiefst eigenen und eigenständigen Denkens und Fühlens. Botho Strauss weiss, «dass es eigentlich keine erfüllte Erwartung gibt. Es gibt die enttäuschte Erwartung und all das Schöne, das unerwartet geschieht.»

Botho Strauss geht zurück in seine Kindheit, in die «sieben Zimmer am Baum eines dunklen Flurs», und schildert seine Jugendjahre in Ems an der Lahn. Dabei stellt er sich die Frage: Was ist süsser, was romantischer – die frühen Jahre oder die Erinnerung daran? Da Dichten und Denken für ihn eins sind, kommt er bei seinen Suchbewegungen, die bis an die Grenze des bewussten Seins führen, immer wieder ins Grübeln und Zweifeln: «Wie doch das Zerstreute der Erinnerung auf einmal sich sammelt zu geschlossenen Paraden, Festmärschen, Wettläufen und Prozessionen!» Ist die Welt, die sich in der Erinnerung auftut, wirklich die Welt, in der wir damals lebten? Oder ist es eine verklärte Zweitwelt, die erst in der künstlerischen Gestaltung Form annimmt?

Wie auch immer: Botho Strauss, der Konservative, der aus der Zuneigung zum Elitären kreatives Kapital schlägt, sieht die Chancen der Ich-Ausdehnung: «Nur auf dem Feld der Erinnerung kann man noch expandieren, reicher werden, zunehmen. Man erinnert sich an eine Zeit, da man noch den Schutz der Zukunft genoss: Die Dinge, wie man ihnen auch begegnete, sie standen bevor.»

Wuchtig und präzis

Es gibt keine Kindheit ohne nachträgliche Reflexion, Zurechtbiegung oder Beschönigung. Da Botho Strauss um dieses Dilemma weiss, bringt er immer wieder das letztlich Bodenlose und Haltlose eines solchen Unternehmens zur Sprache – um dann nur umso überzeugter den Gang zum vermeintlichen Ursprung anzutreten. Dann, wie ein Wunder, erhebt sich der Künstler über sein gesammeltes und gespeichertes Material und beschreibt die Erlebnisse mit ungemeiner Wucht und ebensolcher Präzision. Ein paar Seiten, ja bloss wenige Sätze reichen, und schon blickt der Leser mit des Dichters Augen auf die Lahn, wo ein Ruderboot laut- und grusslos vorüberzieht. Und abends, auf der gegenüberliegenden Flussseite, tauchen kurz die Lichter des Nachtzuges auf, bevor sie wieder vom Novemberdunkel verschluckt werden. Sie tauchen ab in die Ferne – vielleicht nach Schweden, wo auf den vierzehnjährigen Schüler bereits der Stoff für seinen ersten Roman wartet. Er ist bereit; Schriftsteller wollte er schon immer werden.

«Herkunft» ist auch eine Vaterbiografie (die Mutter hingegen bleibt blass). Es handelt sich um einen störrischen, eigenbrötlerischen Ibsencharakter, der am Schluss isoliert und alleine dasteht mit seinen Prinzipien, die er ein Leben lang gepflegt hat. Der einst reichhaltige Bezug des Vaters zur Welt (als Apotheker lebte er in Zürich, Leipzig und München) schnurrt auf die Gegend um die Römerstrasse 18 in Ems zusammen. Der «Volksverächter» mit einem Hang zur Misanthropie schreibt zu Hause Gutachten für die pharmazeutische Industrie; auch wenn er nicht aus dem Haus muss, gehören das Anziehen eines Anzugs und das Binden einer Krawatte zur rituellen Morgentoilette – die innere Haltung macht den Stil und nicht die Aussenwelt. «Es ging darum, Figur zu machen, sich abzuheben von den gewöhnlichen Zeitgenossen, die sich vernachlässigten.»

Eine ganz normale Jugend

Für die meisten Jugendlichen, die in den 50er-, 60er-Jahren in Deutschland oder der Schweiz aufwuchsen, gehört das, was Klein Botho umgab, zum festen Teil der Sozialisation: Heftchen wie «Tarzan» und «Sigurd», Quartettspiele mit den neuesten Autos und Motorrädern, Poster mit den Schlager- und Popstars; aber auch ein Südstaaten-Fort, das von Plastikindianern umzingelt ist. Oder ein Luftgewehr, mit dem zwitschernde Vögel von den Bäumen geholt wurden – mit Bleikugeln oder «spitzen Bolzen, die kleine bunte Büschel tragen». Als Belohnung gab es glimmende Lianen, die man rauchte, bis einem übel wurde und man sich übergeben musste. Botho Strauss schildert eine ganz normale Jugend, wie auch wir sie kennen. Nur der gestrenge Vater, wegen einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg einäugig, brachte die Unordnung in eine Form, die sich von den gewöhnlichen Biografien unterscheiden sollte.

Erschöpfte sich der Formwille des Vaters in einer repetitiven Äusserlichkeit, so war für Botho Strauss schon früh klar, dass die Formung seiner Identität in und durch Sprache erfolgen sollte. So erhielt etwa die Schönheit der Natur, für die das Kind wenig empfänglich war, eine zweite, sprachliche Hülle: «Schnee und Eis. Verschneite Büsserpfade vor der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche. Die Sonne stand frostklar und breit zwischen den knöchernen Bäumen. Im See hinterm Schilf erschien ein kleiner Himmel, dunkel und privat.»

Schöne Desillusionierung

Reflexion spielt auch in der Liebe eine wichtige Rolle. Auch wenn er sich in Ilka oder Roswitha verliebt, macht sich Strauss nichts vor: «Nie werde ich, wie der wahrhaft Liebende, durch die Vielen hindurch die Eine suchen. Mich erinnert jede Eine immer nur an die Vielen.» Das ist die totale Desillusionierung, doch der gelehrte Poet dreht die Reflexionsschraube noch weiter: «Die Sprache der vollkommenen Desillusion bleibt doch die schönste Illusion.» Strauss ist auch ein Sprachphilosoph in eigener Sache, wie sein ebenfalls neuer Essayband «Allein mit allen» zeigt.

So ist es auch kein Zufall, dass die letzten beiden Sätze dieses wunderbaren Buches fast wortgleich am Ende des ersten Teils auftauchen. «Morgen wird die Wohnung entrümpelt. Morgen wird mein Zuhause aufgelöst.» Und vierzig Seiten zuvor: «Morgen wird die Wohnung der Eltern aufgelöst. Morgen wird meine Kindheit entrümpelt.» Die Wohnung ist die Kindheit – beide werden nun entrümpelt. Bevor jedoch der Tod den Mantel des Schweigens und Vergessens ausbreitet, unternimmt die Sprache noch einen letzten Versuch, das Leben, das die Wohnung erfüllte, in Erinnerung zu rufen.

Danach wird Stille herrschen und all das, was so wichtig schien, bedeutungslos sein: Die Toten, diese «gebändigten Menschen», wissen, dass die Interessen, «die sie zu Lebzeiten verfolgten, nichts bedeutet haben, und deren Stirn jetzt überhaupt von höherer Bedeutungs­losigkeit zufrieden glänzt».

Botho Strauss: Herkunft. Carl-Hanser-Verlag, München 2014. 96 S., ca. 23 Fr.

Erstellt: 13.11.2014, 18:16 Uhr

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