Koranlesen will gelernt sein

Was Satiriker Andreas Thiel in der «Weltwoche» frei von der Leber weg über Mohammed und den Koran schreibt, ist nicht durchgehend falsch. Noch viel weniger ist es richtig.

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Die «20 Minuten»-Titelseite vom Freitag zeigt Andreas Thiel, den Kabarettisten mit dem Irokesenkamm. Sein Leben könnte in Gefahr sein, steht da. Thiel hatte in der «Weltwoche» seine persönliche Koranlektüre ausgebreitet, garniert mit Zitaten, die belegen sollen: Das heilige Buch der Muslime und sein Verkünder Mohammed sind böse.

Hoffentlich bleibt Thiel gesund und munter. Denn nur so kann er sein Thema bald einmal ausgiebiger studieren und etwa die Mohammed-Bücher des grossen Orientalisten William Montgomery Watt lesen; es sind faktenreiche, dabei beileibe nicht schönfärberische Porträts. Was Thiel sozusagen frei von der Leber weg über Mohammed und den Koran schreibt, ist nicht durchgehend falsch. Noch viel weniger ist es richtig. Die Ungenauigkeiten und Schiefheiten reihen sich.

Es war weitgehend Stammespolitik

Thiel betreibt ja auch die «Demaskierung» Mohammeds. Er bezeichnet den Islam-Stifter zum Beispiel als «Kinderschänder», eine Anspielung auf dessen Ehe mit einem Mädchen. Nun gab es im alten Mekka Feminismus ebenso wenig wie die Idee der Pädophilie. Mohammed, 570 bis 632, war grundsätzlich ein Frauenfreund. Das hatte mit seiner ersten Gattin zu tun, der reichen, viel älteren Witwe Khadija. Sie stützte den Sohn aus armer Familie durch alle Anfeindungen, und er blieb ihr treu bis zu ihrem Tod. Man darf von liebevollem gegenseitigem Respekt reden. Später legte sich Mohammed andere Gattinnen zu – es war weitgehend Stammespolitik.

Er war nun ein Machtfaktor in Arabien, ein Mann mit Gefolgschaft und mit Feinden. Belege dafür, dass er seinen mehrköpfigen Harem von der Jüdin Safiya bis zur Christin Maria in Ehren hielt, gibt es viele. Tatsächlich nahm er sich auch eine Siebenjährige zur Frau: Aischa, genannt al-Humayyira, «die kleine Rote». Als sie neun oder elf war, entjungferte er sie. Das mag uns schockieren, war damals aber normal. Nicht normal hingegen war damals, dass Mohammed Reformen zugunsten der Frauen vorantrieb. Er verbot die Tötung weiblicher Säuglinge gleich nach der Geburt, die gang und gäbe war. Und er schuf den Frauen bessere Konditionen im Erbrecht.

Das Massaker fand nicht statt

Thiel redet von «blutigen Angriffskriegen» Mohammeds, was klingt, als rede er von der deutschen Wehrmacht. Ja, Mohammed kämpfte zehn Jahre um sein Leben und war gnadenlos mit seinen Feinden, darunter den Juden der Stadt Medina. Er war kein gewaltloser Jesus, sondern ein Kriegsherr. Nachdem er gesiegt hatte und triumphal wieder in seine Heimatstadt Mekka eingezogen war, erwies er sich freilich als grosszügiger Sieger. Als Realpolitiker, als Pragmatiker. Das Massaker fand nicht statt.

Befremdlich ist Thiels Darstellung von Mohammed als Heuchler oder Zyniker, der den Koran nur zur Mehrung eigener Macht verkündete. Mohammed war ein Getriebener, ein Underdog, ein Aussenseiter. Die Stimme in der Wüste, die ihm seine Verse eingab und bisweilen Engelsgestalt annahm, hat er vielleicht wirklich gehört. In seiner Epoche glaubte man an Geister, betete zu Felsen, frequentierte Wahrsager. Der Koran ist nicht von ungefähr im «Saj» gehalten, in der Reimprosa der damaligen Orakelsprüche. Eine Kostprobe in der antiquierten Übersetzung Friedrich Rückerts: «Beim Stern, der flirrt/ nicht euer Genosse tört noch irrt/ Spricht nicht aus eigner Begierd’/ Es ist, was offenbar ihm wird.»

Doch, es gibt im Koran poetische Stellen. Lichte Passagen. Und eine Sinnlichkeit, die Thiel überliest. Man nehme die Verliebtheit des magisch begabten Salomo in die Königin von Saba. Er möchte gern ihre Beine sehen, zaubert daher einen Glasboden herbei, der ihr vorkommt wie eine Wasserfläche. Sie rafft ihren Rock, Ziel erreicht. Süffig und frivol auch die koranische Josephsgeschichte, die aus der Bibel übernommen und verfeinert wurde. Die reichen Ägypterinnen schälen Obst, können den Blick nicht vom schönen Joseph wenden, schneiden sich in die Hände. Sie rufen: «Gott bewahre! Das ist kein Mensch. Das ist nichts als ein edler Engel.»

Der Koran ist eine Obsession

Bei alledem hat der Koran seine unangenehmen Seiten, durchaus. Es sind sogar viele. Im Vergleich mit der Bibel, die über etliche Jahrhunderte entstand, die Poesie, Gesetzestexte, historische Abrisse, wilde Prophetie und vieles mehr enthält, ist der Koran ein geschlossenes Werk. Eine Obsession. Das hat mit der kurzen Entstehung des Buches in gut zwei Jahrzehnten zu tun und mit der Lage des Verkünders. Mohammed war unter Druck, man verlachte ihn, man wollte ihn töten. Und so kreist der Koran tatsächlich besessen um Motive wie: Ermahnung der Gläubigen, Ankündigung des Gerichts, Aufzählung der Strafen für die Leugner. Brutal auch die Details: In der Hölle wird Durstigen Eiterflüssigkeit oder kochendes Wasser serviert. Zu essen gibt es Früchte von einem teufelsköpfigen Baum, die im Bauch wie geschmolzenes Metall brennen.

Ist das nun ein Skandal? Der Koran kommt aus einer dunklen Zeit, deren Menschen übrigens grossteils Analphabeten waren. Sie glaubten, es gebe sieben Himmel, wobei an dem untersten Himmel die Sterne wie Lampen hingen. Der Skandal liegt darin, dass es heutzutage Gläubige gibt, die die historische Umwelt des Buches nicht sehen wollen und es als Wort Gottes nehmen. Genauso ärgerlich ist es, wenn in unserer westlichen Welt Leute meinen, die Bibel sei Satz für Satz wahr. Mit dem heiligen Buch der Christenheit wurde über Jahrhunderte genauso Schindluder getrieben, indem die Frohbotschaft Jesu ausgeblendet wurde zugunsten aller blutigen Dinge. Die Bibel war im Spiel, als die Glaubensbewegung der Katharer in Südfrankreich mit einem guten Teil des dortigen Adels ausgerottet wurden. Als Ketzer der Inquisition zugeführt wurden. Als der Reformtheologe Jan Hus auf dem Scheiterhaufen zu Konstanz endete.

Distanz zu den heiligen Büchern aus der Wüste ist also angeraten. Vor allem aber, man muss sie richtig zu lesen wissen. Mit Bedacht, mit Bemühung um ihre Herkunft und mit jenem Humor, der dem Satiriker Thiel für einmal abgeht. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.11.2014, 14:50 Uhr

«Bibel der Gewalt»: Cover der gestrigen Weltwoche.

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