LSD, Marihuana, Alkohol, Pilzli

T. C. Boyles neuster Roman «Das Licht» handelt von viel Drogen, Ausbruch und Lebenslügen. Auch Basel und Bottmingen sind Schauplätze.

T. C. Boyle widmet sich in seinem neuen Buch der US-Counterculture, auch deren Vordenker Timothy Leary kommt vor.

T. C. Boyle widmet sich in seinem neuen Buch der US-Counterculture, auch deren Vordenker Timothy Leary kommt vor.

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Vor etwas mehr als einem Jahr verbreitete sich das Gerücht, der amerikanische Bestseller-Autor T. C. Boyle sei zwecks Recherche in Basel. Es gehe dabei um Albert Hofmann, den Erfinder von LSD.

Nun liegt Boyles neuer Roman «Das Licht» vor. Tatsächlich spielen die ersten 28 Seiten in Basel und Bottmingen. Tatsächlich geht es um den Tag, als Albert Hofmann das LSD erstmals an sich ausprobierte. Um die legendäre Velofahrt heim von seinem Labor bei der Sandoz zu seinem Haus in Bottmingen. Eine Fahrt wie ein Trip. Von Hofmann in späteren Jahren oft beschrieben.

Diese Episode ist nur Vorspiel. In den drei Hauptteilen, in die sich «Das Licht» gliedert, wird der Leser nach Cambridge bei Boston entführt, an die Westküste Mexikos, nahe von Acapulco, und schliesslich nach Millbrook im US-Bundesstaat New York, wo Timothy Leary in der ersten Hälfte der 1960er-Jahre ein Anwesen mit 64 Zimmern beziehen konnte, um dort mit seinen Jüngern in einer Art früher Kommune die befreiende Wirkung der bewusstseinserweiternden Drogen auszuprobieren.

Ist «Das Licht» ein Buch, das sich Timothy Leary widmet? Geht es um den amerikanischen Wissenschaftler und «Drogenpapst» (1920–1996)?

Nein. Wie in einigen anderen seiner Bücher wählt Boyle eine historisch verbürgte Person – Alfred Kinsey in «Dr. Sex», John Harvey Kellogg in «Willkommen in Wellville» beispielsweise – in «Das Licht» dreht sich zwar alles um Leary, aber es ist keine Biografie. Er wird nicht eingeführt, man erfährt nichts über Kindheit, Jugend oder Vorleben, er ist einfach da. Auf Seite 51 zum ersten Mal. Und wenn das Buch endet, auf Seite 380, weiss man nichts über das weitere Leben von Leary. Nichts vom Gefängnisaufenthalt, vom Prozess «Leary vs. United States», von der Flucht nach Algerien, Afghanistan, in die Schweiz.

T. C. Boyle: Das Licht. Roman. Aus dem Englischen von Dirk van Gunsteren. Hanser, München 2019. 380 S., ca. 36 Fr.

Dass Boyle es fertigbringt, um Leary zu kreisen und ihn doch erst nach über 50 Seiten auftauchen zu lassen, hängt mit einem simplen erzählerischen Trick zusammen, den er ebenfalls schon wiederholt angewendet hat. Er erfindet eine Person und platziert sie in einer Geschichte, die möglichst faktengetreu ist.

Was will Boyle? Es geht um die Wirkung der Droge, um die Bewusstseinserweiterung. Der Titel verrät es: Es geht um «Das Licht». Die Hauptpersonen im Buch, Fitzhugh Loney und seine Frau Joanie, werden uns zu Beginn als Skeptiker vorgestellt. Fitzhugh – Fitz – ist 1962 Dissertant an der Harvard-Universität bei Boston. Er studiert Psychologie und gerät in das Umfeld von Timothy Leary, der seit 1959 in Harvard doziert. Leary hat eine Studie zur Wirkung von Psilobycin laufen. Psilobycin ist ein Halluzinogen, das in den «Magic Mushrooms» enthalten ist. Leary ist in Mexiko auf diese Pilze gestossen. Und derselbe Albert Hofmann, der 1943 bei Sandoz das LSD entdeckte, hat Ende der 1950er-Jahre auch das Psilobycin künstlich herstellen können.

Leary lädt Fitz und Joanie zu einer Samstagsparty in sein Haus ein. Die beiden wissen, dass dort mit Drogen experimentiert wird, sind zögerlich, skeptisch, gehen aber hin – und lassen sich überreden. Sie haben dort im fremden Haus ausserirdisch guten Sex.

Wenn Fitz nach und nach immer tiefer hereingezogen wird, so erklärt er sich das zuerst mit schierer Notwendigkeit: Er muss, aus akademischen Gründen, mitmachen, um seine Diss nicht zu gefährden. Bis er merkt, was er sich vormacht, dauert es eine Weile. Als er mit Joanie und dem gemeinsamen Sohn Corey im Sommer 1962 nach Zihuatanejo in ein Hotel in Mexiko fährt, um dort ungestört zu konsumieren, experimentieren und zu «ficken», ist er schon im «inneren Zirkel» angekommen.

Zurück in Neu-England geht vorerst alles schief. Die Loneys finden keine passende Wohnung, haben kaum Geld. Die Fakultät wirft Leary zudem 1963 raus. Erst als diesem von Bewunderern das riesige Anwesen in Millbrook angeboten wird, scheints bergauf zu gehen. 39 Menschen, Erwachsene und Kinder, fahren mit mehreren Autos in einer Art Konvoi von Massachusetts in ein Kaff zwei Stunden nördlich von New York City, und dort leben sie künftig in ständigem Rausch: LSD, Marihuana, Alkohol, Pilzli.

Dort werden aber auch die menschlichen Experimente innerhalb der Gruppe erweitert: Partnertausch, Auflösen der festgefügten, gesellschaftlichen Strukturen, süsses Nichtstun.

T. C. Boyle liest während seines Redaktionsbesuchs bei der Tamedia im Jahr 2012.

Leary wird zum Mittelpunkt. Er entscheidet, wann LSD, das «Sakrament», verteilt wird. Er ist der Anführer, gottgleich. Sein Credo lautet: Alle Religionen gehen auf Visionen zurück. Und diese Visionen stammen von bewusstseinserweiternden Substanzen. Tim erklärt Fitz einmal das Wort «entheogen»: «Es kommt aus dem Griechischen und bedeutet ‹den inneren Gott hervorrufend›.» Diese Pillen, die er verabreicht, stellen also aus seiner Sicht «den wahren Weg der Erleuchtung» dar.

T. C. Boyle beschreibt in «Das Licht» mehrere dieser Trips. Doch wie schon ganz zu Beginn in Basel sind sie eine zweischneidige Sache. Hofmann schildert seiner Laborassistentin einerseits ein Gefühl «reiner Glückseligkeit», andererseits spricht er davon, «den Teufel gesehen» zu haben.

«Das Licht» ist ein Buch um den Wahn und die Macht der Drogen. Und Boyle legt es so an, dass es eine Allgemeingültigkeit erhält. Schon beim Basel-Kapitel fällt auf, wie ungenau, wie aus der Zeit gefallen, der Autor beschreibt. Kein Wort der Erklärung, wo Basel liegt, was es im Jahr 1943 auszeichnet: Eine neutrale Stadt an Grenzlage mitten im Krieg. Uninteressant? Ähnlich nachher bei Harvard, Zihuatanejo oder Millbrook. Auch das Zeitgeschehen ist Boyle egal. Ein einziges Mal, beim Tod von JFK, spielt es kurz eine Rolle. Die Gruppe um Leary nimmt diese Welt als eine voll «Hass, Schmerz und Entsetzen» war.

Boyle erklärt also den Wahn, in den sich diese Menschen stürzen, nicht aus der Zeit heraus. Die spielt für ihn keine Rolle. Er schildert bloss, was die Drogen aus den Menschen machen. Aus einer anfänglichen Befreiung wird eine Abkapselung, eine verhängnisvolle Reduktion auf einen inneren Kreis Gleichgesinnter. Als Fitz es einmal nicht mehr aushält und in Millbrook in eine Bar geht, wirft man ihm das nachher vor: «Du hast den Kopf in den Sand gesteckt.» Genau das Gegenteil ist der Fall: Er wagte sich wieder in die reale Welt.

Fitz erkennt am Ende, dass er sich verirrt hat. Boyle lässt ihn in einem Ruderboot auf einem See in den frühen Morgenstunden ein Naturerlebnis à la Thoreau haben, ganz ohne Drogen, das zu einem Moment der Klarsicht wird. Seine akademischen Weihen stehen in weiter Ferne, seine Familie ist in Gefahr. Er ist «weit abgekommen von den Fixpunkten des Lebens.»

«Boyle of Boyles»

T. C. Boyle holt diesen Fitz – der Präfix leitet sich von «filius» ab, der Sohn – auf den Boden der Realität zurück. Somit hat er keinen LSD-Roman geschrieben, sondern einen Anti-LSD-Roman. Und, wenn man die Nähe zur Religion, zu Sakramenten – «das Reich und die Herrlichkeit» wird einmal zitiert –, zu Dogmen beachtet, gleichzeitig auch einen Anti-Glauben-Roman. Die Bewusstseinserweiterung ist Schall und Rauch. Was zählt, ist das Hier und Jetzt.

«Das Licht» ist ein starker Boyle. Zügig erzählt, gekonnt aufgebaut, mit Witz und Ironie durchsetzt. Es ist 32 Jahre nach seinem (unterschätzten) Meisterwerk «World’s End» der erste Roman, den er wieder in seiner alten Heimat an der amerikanischen Ostküste spielen lässt. Und er fühlt sich dabei spürbar wohl in seinem Element. «Das Licht» behandelt ein schwieriges Thema in einer zugleich ganz nahen und sehr distanzierten Art. Es denunziert nicht und kommt doch zu einem Urteil. Und dabei greift Boyle spielerisch Themen seiner anderen Bücher auf oder deutet sie zumindest an: Der Sexforscher Doktor Kinsey und sein «innerer Zirkel», «die Terranauten» und das Leben in einer Art Raumschiff, das Zusammentreffen von Dorfgemeinschaft und Kommune in «Drop City». Es ist sozusagen der «Boyle of Boyles».

T. C. Boyle liest am 11. Februar um 19 Uhr im Kunstmuseum Basel.

Erstellt: 28.01.2019, 19:23 Uhr

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