Essay

Lesen ist besser als Ritalin

Mit der Heilkraft der Literatur verhält es sich wie mit dem Glück: Beides erreicht man nicht, wenn man direkt darauf zielt. Auf der Suche nach der therapeutischen Wirkung des Lesens.

Aus Buchstaben Bilder und Geschehnisse im Kopf zu erzeugen, ist eine ungeheure Fähigkeit – man nennt sie die Einbildungskraft: Kundinnen in der Bücherei Wieder in Innsbruck.

Aus Buchstaben Bilder und Geschehnisse im Kopf zu erzeugen, ist eine ungeheure Fähigkeit – man nennt sie die Einbildungskraft: Kundinnen in der Bücherei Wieder in Innsbruck. Bild: Keystone

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Ehe ich mich den subtileren Fragen der «Heilkraft der Literatur» zuwende, will ich an etwas Selbstverständliches erinnern, das vielleicht doch nicht mehr so selbstverständlich ist.

Aus Buchstaben Bilder und Geschehnisse im Kopf zu erzeugen, ist eine ungeheure Fähigkeit – man nennt sie die Einbildungskraft. Sie kann sich zurückbilden, wenn wir sie nicht mehr nutzen und nur noch von den Bildern leben, die von aussen medial auf uns eindringen. Wenn uns etwas fertig vorgestellt wird, brauchen wir es uns nicht mehr selbst vorzustellen. Die entsprechende Kraft in uns verkümmert.

Schule der Einbildungskraft

Die Kulturtechnik des Lesens ist also eine Schule der Einbildungskraft. Der Leser hat es mit Halbfabrikaten zu tun, die er erst noch fertig machen muss. «Der Autor», sagt Sartre, «schreibt die Partitur, der Leser wird dieses Konzertstück aufführen.» Wenn die Fantasie verkümmert, wird man von sich selbst gelangweilt. Man stürzt in das Schwarze Loch, das man selbst ist. Dann hilft nur noch Unterhaltung. Unterhalten werden müssen die Absturzgefährdeten. Die Leser aber sind Selbstunterhalter.

Ein Zweites kommt hinzu: Lesen fördert und fordert die Aufmerksamkeit. Und insofern hilft Lesen gegen eine geistige Krankheit unserer Zeit: das sogenannte Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätssyndrom (ADHS). Das ADHS verhindert das Lesen, also muss man mit Lesen das ADHS verhindern. Das klingt paradox, aber es geht nicht anders. Lesen ist jedenfalls besser als Ritalin. So viel zur elementaren Bedeutung der Kulturtechnik des Lesens und seiner Heilkraft.

Wenn wir nun von der möglichen Heilkraft der Literatur sprechen, sollten wir nicht vergessen, dass sie über lange Zeit fast als das Gegenteil davon galt und das Künstlertum selbst in die Nähe von Krankheit gerückt wurde. Der Schriftsteller, sagte Freud, sei ein notorischer Tagträumer und ziemlich realitätsuntüchtig. Da er sich «mit dem Verzicht auf Triebbefriedigung nicht anfreunden kann», lasse er seinen erotischen und ehrgeizigen Wünschen freien Lauf in der Fantasie. Er lebe sich aus im Fiktiven und scheue, so Freud, den mühsamen «Umweg über die wirkliche Veränderung der Aussenwelt».

«Nie mehr Psychoanalyse!»

Freilich schätzte Freud die grosse Literatur ihrer Menschenkenntnis wegen und zitierte gerne Goethe, Shakespeare, Dante, Dickens usw. Und doch war für ihn der Schriftsteller in der Regel ein behandlungsbedürftiger Neurotiker. Trotzdem hatte die Psychoanalyse über eine gewisse Zeit ein hohes Ansehen unter den Schriftstellern. Sie glaubten an Freuds Diagnose, hielten sich für Neurotiker, aber scheuten zumeist die Behandlung, weil sie befürchteten, dass ihnen der schöpferische Antrieb wegtherapiert werden könnte. Die gesunde Normalität war ihnen gerade nicht erstrebenswert. «Nie mehr Psychoanalyse!» schreibt Kafka in sein Tagebuch, und W. H. Auden empfiehlt den Schriftstellern, ihre Neurosen zu hegen und zu pflegen, sie seien das Beste an ihnen. Brecht war es, der flapsig bemerkte: Man müsse sich bei den Leiden bedanken, denn sie hätten die Künstler gut ausgedrückt.

Und wirklich, es gibt eine Art Literatur, die eher ein Ausdruck der Heillosigkeit als der Heilkraft zu sein scheint. Wenn Kleist am Ende seines Lebens schrieb: «Die Wahrheit ist, dass mir auf Erden nicht zu helfen war», dann bezieht er sich auf seine künstlerische Radikalität. Sie hat verhindert, dass er sich in den gewöhnlichen Lebensrahmen einfügen konnte. Ihm war vonseiten der Normalität nicht zu helfen, weil er diese Normalität aus Gründen seines künstlerischen Extremismus zurückwies. Das künstlerische Schreiben war für ihn ein unbedingter Anspruch, dem er genügen wollte, egal, wie es ihm sonst dabei ergehen mochte.

Literatur geht nicht in der Verzweiflung auf

Das Schreiben gehörte bei ihm nicht zur Selbsthilfe, sondern eher zur Selbstzerstörung. Und so musste er auch noch die Vorbereitung zur Selbsttötung bis zum allerletzten Augenblick detailgenau in Briefen beschreiben, fast so, als habe er den Tod gewählt, nur um den Weg bis zur Schwelle beschreiben zu können. Mit Heilkraft hat das nichts zu tun. Vom Standpunkt des Autors jedenfalls. Als Leser aber wird man in die Rolle des Zuschauers beim Schiffbruch gedrängt. Es bietet sich, vom sicheren Boden aus, ein ergreifendes Schauspiel, das sich sogar geniessen lässt, denn Kleists Prosa bereitet in jedem Satz ästhetischen Genuss. Seine Sätze sind wie über einen Abgrund gespannt, deshalb tönen sie so stark. Es gibt also Literatur, die schön und ergreifend ist, aber ziemlich heillos.

Und doch: Gerade beim verzweifelten Kleist kann man die Entdeckung machen, dass Literatur, auch wenn sie Verzweiflung darstellt, nicht in der Verzweiflung aufgeht. Sie ist immer noch mehr. Ihr Mehrwert ist der Spielcharakter. Sie spielt zum Beispiel auch mit der Verzweiflung.

Schwelgen in Metaphern

Es ist in diesem Zusammenhang nötig, ein Missverständnis zu beseitigen. Es stimmt einfach nicht, dass Literatur bloss «Ausdruck» ist, wie der Schrei etwa ein Ausdruck ist. Ein Autor drückt sich nicht aus, er spielt mit Ausdrücken, Worten, Bedeutungen, Geschichten. Literatur ereignet sich genau in diesem Spielraum. So zeigt sich Kleist in den hochliterarischen Sätzen seiner letzten Briefe vor dem Tod immer noch verspielt, er geniesst die Formulierungen, die ihm glücken, er schwelgt in Metaphern, bezeichnet sich als «fröhlichen Luftschiffer», der die Erdenschwere überfliegt, und die Frau, die er in den Tod mitnimmt, nennt er eine Freundin, die ihm die «unerhörte Lust» gewährt, «sich (…) so leicht (…) wie ein Veilchen aus einer Wiese herausheben zu lassen». Das ist, ganz dicht am Ernstfall, eine fast schon frivole literarische Spiellust, die er genüsslich ausstellt, denn die letzten Briefe waren fürs Herumzeigen geschrieben, sie waren existenziell und doch auch literarisch gemeint. Sie zu schreiben, hat ihm die letzten Stunden mit Sinn erfüllt. Wenn das kein Triumph der Literatur ist!

Das ist selbstverständlich ein Extremfall, doch es ist einfacher, von Extremen her zu denken. Noch in der Extremsituation bewährt sich bei Kleist der befreiende, entlastende Spielcharakter der Literatur. Das ist vielleicht ihr Betriebsgeheimnis. Literatur ist neben vielem, was sie sonst noch ist, ein Spiel mit Möglichkeiten. «Mein Name sei Gantenbein ...», so könnte jeder Roman anfangen.

Literatur ist dem Leben in mancher Hinsicht überlegen

Literatur ist dem Leben in mancher Hinsicht überlegen. Erfundene Geschichten haben immer einen Sinn, alles hat eine Bedeutung, und mag sie noch so platt, noch so konstruiert sein. Literatur ist per se eine sinngesättigte Zone. Was man vom Leben nicht sagen kann. In der Literatur fällt kein Blatt ohne Absicht vom Baum. Deshalb kam man ja auch auf die Idee, sich Gott wie einen Romanautor vorzustellen, der allem einen Sinn gibt und die Schicksalsfäden in der Hand hält. So von Bedeutung und Sinn durchtränkt wie in einem Roman möchte man es im Leben auch haben. In der Literatur gibt es also einen Sinnzusammenhang, der im Leben oft fehlt.

Und dann gibt es in der Literatur Geschichten mit Anfang und Ende, über die ein Autor frei verfügen kann. Nicht so im Leben. Wir stecken, banalerweise, immer in einer Lebensgeschichte, die wir nur sehr beschränkt selbst bestimmen können. Vor allem über ihren Anfang haben wir gar keine Macht. Jeder ist angefangen worden, noch ehe er etwas mit sich anfangen kann. Das sind die üblichen Festlegungen durch Geburt, familiäre Situation, Milieu, Begabungen usw. Mit der Literatur aber springen wir in neue Anfänge, wir lassen uns ein auf Abenteuer um die Ecke.

Literatur ist also Ausprobieren von Lebensgeschichten und Lebensmöglichkeiten. Das hilft dem Autor und dem Leser gegen die Platzangst, wenn es einem im eigenen Leben zu eng wird und man sich allzu festgelegt vorkommt. Wenn man in diesem Sinne zu viel Wirklichkeit hat, weckt die Literatur den Sinn für die Möglichkeiten. Das können dann allerdings auch sehr unangenehme Möglichkeiten sein. Kafka, der sich manchmal wie ein nutzloses Ungeziefer vorkam, stellte sich einmal vor, wie es wäre, wenn er eines Morgens aufwachen würde, in einen grossen Käfer verwandelt, der sich aber weiter müht, die alten familiären und sonstigen Bindungen aufrechtzuerhalten. Das liest man mit einiger Beklemmung. Kafka allerdings schreibt darüber: «Ich las mich an meiner Geschichte in Raserei. Wir haben es uns dann wohl sein lassen und viel gelacht.»

Das ist das schier Unbegreifliche an der Literatur, dass sie Freiheit zum Lachen gibt, wo es eigentlich nichts zu lachen gibt.

Heilkraft auf Umwegen

Ich gebe zu: «Heilkraft der Literatur» klingt betulich, ungefähr so, wie wenn man von Lebenshilfe spricht oder wenn man das Positive in der Literatur anmahnt. Mit der Heilkraft der Literatur verhält es sich so wie mit dem Glück; man erreicht es nicht, wenn man direkt darauf zielt. Beide Male handelt es sich um eine Begleiterscheinung. Die Heilkraft der Literatur kann sich erst entfalten, wenn man an der Literatur das Literarische liebt und nicht ihre vermeintliche Heilkraft. Wenn mir jemand ein Buch in die Hand drückt mit der Bemerkung «Das ist gut für dich», ist bei mir schon eine Abwehr da. Ich möchte nicht ein Buch lesen, das gut für mich ist, sondern ich möchte ein gutes Buch lesen.

Das gilt für den Leser, doch auch für den Autor. Bei einer Literatur, die einem gut zureden will, merkt man die Absicht und ist verstimmt. Das ist auch bei grossen Autoren so. Beispielsweise beim alten Tolstoi und bei Goethes Altersroman «Wilhelm Meisters Wanderjahre». Dort sind, für meinen Geschmack jedenfalls, der Weisheiten und Ratschläge zu viele. Der Roman, dem sie aufgebürdet sind, droht unter dieser Last zusammenzubrechen. Ebenso wie der Leser die Heilkraft in der Literatur nicht direkt suchen sollte, sollte der Autor sie ihm auch nicht direkt verabreichen.

Goethe hat einer späteren Ausgabe seines Selbstmörderromans «Die Leiden des jungen Werthers» die Verse vorangestellt: «Du beweinst, du liebst ihn, liebe Seele, / rettest sein Gedächtnis von der Schmach; / Sieh, dir winkt sein Geist aus seiner Höhle; / Sei ein Mann und folge mir nicht nach.»

Es hält sich zwar das hartnäckige Gerücht, es wäre nach dem «Werther» in Deutschland zu einer Art Selbstmordepidemie gekommen. Das ist natürlich Unsinn. Wahrscheinlich hat sich noch keiner bloss wegen eines Buches, das er gelesen hat, umgebracht. Dafür muss es schon stärkere Gründe geben.

Goethe spielt in diesen Versen auf eine andere Funktion der Literatur an. Der Leser soll den «Werther» nicht als nachahmenswerte Figur nehmen, sondern als einen Stuntman für gefährliche Aufgaben. Er wagt sich aufs Seil, was nicht jedem anzuraten ist. «Werther» ist eine Art Double für empfindsame, melancholische Seelen. Er geht den Weg bis zum Ende, bis zur Selbstauslöschung. Der Leser geht in seinen Vorstellungen mit ihm, innig verbunden, und braucht gerade deshalb den Weg mit eigenem Leib und Leben nicht bis zum Ende zu gehen. Der Roman also als eine Art Versuchsanordnung, wo hochriskante seelische Materialien getestet werden.

Rat des Rabbiners

Hören wir zum Schluss noch einen Augenblick auf dieses «Heil» im Ausdruck «Heilkraft». Wenn etwas «heil» wird, dann wird es wieder ganz, es wird in seinen ursprünglichen guten Zustand versetzt. Eine Wiederherstellung im Ganzen. Seitdem über Kunst und Literatur nachgedacht wird, spielt diese Vorstellung von Wiederherstellung von Ganzheit, Beseitigung der Aufsplitterung der menschlichen Grundkräfte, Sinn und Verstand, Herz und Kopf eine grosse Rolle; Auflösung ideologischer Verkrampfung und Verengung, Überwindung von Parteigeist und anderen Beschränkungen. Diesen Traum von der Wiederherstellung des ganzen Menschen in der Kunst, den Schiller besonders schön geträumt hat, brauchen wir nicht ganz preiszugeben. Etwas davon spüren wir in jedem Buch, Musikstück oder Gemälde, das uns anrührt. In der gelungenen Kunst und Literatur merkt man für einen Augenblick, dass man eigentlich etwas Besseres verdient hat als das, womit man sich sonst so umgibt.

Ich kehre zur Bescheidenheit zurück: Ein Rabbi wird nach einem Verhütungsmittel gefragt. Er sagt: Limonade. Frage: Vorher oder nachher? Antwort: Anstatt!

Die bescheidenste Antwort, die sich auf unsere Frage nach der «Heilkraft der Literatur» geben lässt, lautet deshalb auch: Während man ein gutes Buch liest, kann man keinen anderen Unsinn anstellen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.10.2012, 12:57 Uhr

1945 in Rottweil DE geboren, lebt Rüdiger Safranski heute in Badenweiler DE. Der Verfasser zahlreicher Biografien ist Mitglied des «Literaturclubs» im Schweizer Fernsehen. (Bild: SF)

Badenweiler Literaturtage

Gestern gingen die ersten Badenweiler Literaturtage zu Ende. Unter dem Motto «Heilkraft der Literatur?» haben sich Autoren wie Hanns-Josef Ortheil, Martin Mosebach, Sibylle Lewitscharoff und Adolf Muschg sowie Philosophen wie Peter Sloterdijk und Wilhelm Schmid im Hotel Römerbad versammelt, um aus ihren neuen Büchern vorzutragen und sich mit Rüdiger Safranski, dem Initianten und Leiter der Literaturtage, über das Thema zu unterhalten. Safranski, vielfach preisgekrönter Autor verschiedener wegweisender Biografien über deutsche Dichter und Denker von Schiller bis Heidegger, wird die viertägige Veranstaltung mit dem hier abgedruckten Vortrag beenden. Da die Lesungen meist ausverkauft waren, wird der Anlass 2013 wieder durchgeführt. (kal)

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