«Leute, euch fehlt es in der Schweiz an nichts!»

Die mexikanische Starautorin Aura Xilonen ist in der Schweiz. Als Kind litt sie an Hunger. Heute hat sie ein Problem mit Donald Trump.

«Mein Herz zittert»: Aura Xilonen in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

«Mein Herz zittert»: Aura Xilonen in Zürich. Foto: Dominique Meienberg

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Ihre Nachbarn in der Stadt Puebla, wo sie mit Oma, Mutter und Bruder lebt, hatten nichts wissen dürfen von der Einladung in die Schweiz. Zu gross war die Angst der Familie vor Neid – und Entführungsversuchen. Denn sicher lebt man nicht, wo Aura Xilonen herkommt, die literarische Senkrechtstarterin aus Mexiko. Ihr vielfach übersetztes Romandebüt «Gringo Champ» über einen jungen, mittellosen mexikanischen Einwanderer in den USA, das Aura Xilonen 2015 mit 19 Jahren veröffentlichte, warf die Kritiker schlicht um mit seiner trotzigen Feier des Lebens und seiner Sprachmusik, die als grandioser spanisch-englischer Mix namens «Ingleñol» bejubelt wurde. Und man spürt die Kraft der neuen Zürcher Writer-in-Residence auch im Gespräch: Sie versprüht eine Lebensfreude und Unbekümmertheit, als wäre «Angst» kein Wort, das immer wieder aufploppt.

Der weisse Rassist, der Anfang August in der Stadt El Paso 22 Menschen ermordete, wütet gegen die «hispanische Invasion von Texas».
Wie in jedem Verbrechen gegen die Menschlichkeit gibt es einen tatsächlichen und einen mentalen Täter. Trump ist so ein geistiger Vater rassistischer Hassverbrechen in den USA: Mit seinen vergifteten Tiraden verleitet er, auch ungewollt, seine Anhänger zu Massakern gegen Menschen, die sie als nicht gleichwertig betrachten. Was mich völlig erschüttert im ganzen Horror von El Paso ist das Ehepaar, das starb, als es sich schützend über sein Baby warf. Wie wird dieses Kind aufwachsen? Ich bin nicht die, die Opfer darum bitten kann, zu verzeihen. Aber ich hoffe sehr, dass das Kind es schafft, dieser Welt zu vergeben und zu begreifen, dass Fanatismus und Intoleranz nicht zu einer besseren Welt führen. Ich trauere über alle Toten des 3. Augusts. Wir müssen verstehen: Die Hass-Diskurse destabilisieren gerade die Labilsten, lassen sie im schlimmsten Fall zu Massenmördern werden. Mein Herz zittert, und ich erhebe meine Stimme, um ihn aus unserer Welt zu löschen: den tödlichen Hass von Trump und seinen Trumpisten.

Spürt man in Mexiko den Druck von Trumps Politik?
Es stimmt: Viele Südamerikaner, die auf der Flucht in die USA sind, stranden bei uns. Und an unseren Grenzen ist es härter geworden. Aber ist es nicht absurd? Da wird Stimmung gemacht gegen die Migranten – und gleichzeitig wollen wir selbst in den USA akzeptiert sein. In Mexiko und anderswo werden Härte und Empathielosigkeit angeheizt. Aber die Situation der Flüchtlinge ist in ihrer Heimat derart desolat, dass sie auf keinen Fall umkehren; diese Politik geht nicht auf. Auch in unserer weiteren Familie versuchten welche die Emigration in die USA. Viele wagen den Gang über den reissenden Rio Grande und durch die sengende Wüste, weil es in Mexiko schlicht keine Perspektiven gibt, sondern für viele nur ein Leben in bitterer Armut. Die Männer gehen, um ihren Familien etwas Geld schicken zu können.

Ein Trauermarsch nach dem Attentat in El Paso Anfang August. Foto: Keystone

Litten Sie in der Kindheit Hunger?
Jein. Manchmal schon. Zumindest genoss ich oft nicht den Luxus einer vollständigen Mahlzeit. Und Kinobesuche, überhaupt Ausgehen, lagen selten drin. Ich wünschte, dass Kultur, Filme und Bücher in Mexiko nicht ein so grosser Luxus wären, den sich die meisten kaum leisten können. Mich selbst betrachte ich als untere Mittelschicht, nicht als Unterschicht. Meine Mutter verlor, als sie schwanger war, ihre Arbeit als Lateindozentin an der Uni in der Hauptstadt, weil es keine Schutzgesetze gibt. Sie musste als Alleinerziehende zu ihrer Mutter in Puebla zurückkehren, wo wir leben. Die überwältigende Mehrheit der Bevölkerung in Mexiko ist arm. Justiz und Regierung sind total korrupt, Verbrechen werden häufig nicht richtig geahndet, die Drogenbarone ziehen im Hintergrund die Strippen. Es ist ein Elend.

Von Januar bis Juli wurden in Mexiko bereits wieder rund 15'000 Menschen ermordet.
Und die Dunkelziffer ist höher: Wie viele bleiben einfach verschwunden? Auch die Welle der Mädchenmorde ist entsetzlich. Früher geschahen diese in Ciudad Juárez. Später traf es auch Frauen von Puebla. Eines Morgens dann: «Ui, jetzt ist es die Schwester der Cousine meiner Freundin.» Ein paar Wochen darauf: «Jetzt ist es die Cousine selbst!» Dann: «Erinnerst du dich an das Mädchen, das du jüngst bei XY kennen gelernt hast? Sie ist verschwunden.» Es kommt immer näher. Es zerriss mir jeweils das Herz, wenn meine Oma am Morgen sagte: «Zeig mir, was du anhast, bevor du rausgehst!» Damit man allenfalls das Signalement durchgeben kann. Du weisst nie, ob du am Abend zurückkehrst. Und ob sie wenigstens deine Leiche finden oder du dich in Luft auflöst wie die 43 Lehramtsstudenten von Ayotzinapa. Es ist nicht gut, mit solchen Einschränkungen und Ängsten gross zu werden.

Es zerriss mir jeweils das Herz, wenn meine Oma am Morgen sagte: «Zeig mir, was du anhast, bevor du rausgehst!» Damit man allenfalls das Signalement durchgeben kann.Aura Xilonen

Würden Sie auswandern, wenn Sie Kinder hätten?
Eine schwierige Frage. Ich hatte jahrelang nur wenig Freiheit, konnte kaum alleine weg; ich wurde umsorgt und beschützt. Was für eine Befreiung das ist, dass ich hier zum Beispiel problemlos in Shorts auf die Strasse kann! So eine Kleinigkeit, aber was für ein Unterschied im Lebensgefühl. In Mexiko laufen Mädchen Gefahr, entführt und zur Prostitution gezwungen zu werden. Die meisten Fälle bleiben ungelöst. Da ist es schwer, sich zur unabhängigen jungen Frau zu entwickeln. Was würde das für eine Tochter bedeuten? Andererseits: Ich liebe Mexiko ja auch. Die Kultur und die starken Bande innerhalb der Familien sind etwas ganz Besonderes. Gerade durch die Dauerbedrohung und Not, durch die Korruption und die allgegenwärtige Gewalt entwickelt man einen engen Zusammenhalt. Man hört einander zu, knuddelt und stärkt einander. Nicht Geld zählt, sondern Hingabe. Ich bin erstmals 6 Monate lang von meinen Lieben getrennt: Das ist hart! Meine Mama sagte zum Abschied unter Tränen: «Wenigstens haben sie dort keine Entführungen.» So kann ich ein bisschen Luft holen.

Wie Luft holen?
Ein Beispiel: An meinem ersten Abend hier fuhr ich im Tram bis zur Endstation. Ich stieg aus, war im Nirgendwo, mein Handy ging noch nicht, und ich hatte keinen Plan, wo ich bin und wohin ich muss. Die einzige andere Person auf der Strasse war eine junge Frau. Sie hatte sich zum Telefonieren unter einen Eingang zurückgezogen. Ich debattierte mit mir: «Soll ich sie um Hilfe bitten – oder fürchtet sie dann, ich raube ihr das Handy? Nein, ich bin in der Schweiz, ich trau mich.» Und sie war supernett. Wie sich herausstellte, war sie zur Hälfte Mexikanerin! Wir schreiben uns nun über Whatsapp. Vielleicht kann ich mit der Zeit den ganzen Ballast der Gewalt hinter mir lassen. Und dafür anderes nach Hause mitnehmen und teilen.

«Die Leser dürfen und sollen mitvibrieren»: Aura Xilonen. Foto: Dominique Meienberg

Was würden Sie mitnehmen?
Die Mülltrennung! Dass hier sogar Speiseöl und Mineralöl neben Metall, Glas usw. getrennt werden: Das würde ich auch mal bei uns vorschlagen. Oder dass im ÖV alles so sauber ist! Und die Stadt so grün! Aber mal im Ernst: Es geht um Öffnung und Brückenschlag. Verständnis. Auch Kunst, Bücher, Filme sind ein Weg dahin, sich dem Fremden mit allen Sinnen öffnen, und reissen Mauern à la Trump ein.

Diese Erfahrung macht Ihr Held in «Gringo Champ», der als illegaler Buchhandelsgehilfe vom Nichtleser zum Vielleser und leidenschaftlich Liebenden wird.
Literatur kann neue Perspektiven aufzeigen – und den Menschen ein klitzekleines Fünkchen Licht und Trost bringen. Die Leser dürfen und sollen mitvibrieren, sich von Figuren mit anderen Hintergründen berühren lassen in diesem Leben voller Dunkelheiten. Literatur soll Hoffnung machen. Es ist mir egal, wenn man sagt, mein Roman sei moralisch und romantisch. Ich bin keine Politikwissenschaftlerin, schreibe auch keine Traktate oder Pamphlete.

Wieso haben Sie einen Mann als Protagonisten gewählt?
Ein Tipp meines Onkels, der selbst schreibt und mein Mentor ist: Es sei eine gute Methode, künstlerische Einfühlung ins Andere zu üben. Er hatte recht. Zudem machen junge Männer den grössten Anteil unter den Migranten aus. Die Sprache wiederum, auch die vielen alten Vokabeln und Sprichwörter, wurde teils von meiner Grossmutter inspiriert und trug dazu bei, die Transformation des Helden nachzuzeichnen.

Filmemachen bleibt trotz literarischem Erfolg Ihr Traum.
Oh ja! Der Roman war sozusagen nur eine bezahlbare, wenn auch sehr reizvolle Vor-Form davon und eine Beschäftigungstherapie, weil ich mich in der Schule – damals war ich 17 – sooo gelangweilt habe (lacht). Schön, dass die Filmrechte meines Buches schon reserviert sind. Am liebsten würde ich Filme machen, die auch die einfachen Menschen mitreissen und dabei gesellschaftsrelevante Themen behandeln wie den Rassismus.

Ist der Rassismus in Mexiko sehr ausgeprägt?
Irrerweise ja. Studien belegen, dass selbst mexikanische Kindergartenkinder schon sehr früh verinnerlicht haben: Das Baby mit der dunklen Haut wird mal ein Loser und Krimineller, das weisshäutige, blonde dagegen wird Erfolg und Geld haben. Sichtbare indigene Wurzeln sind wie ein Mühlstein am Hals. Das ist grässlich. Und das, wo wir doch fast alle irgendwie braun sind in Mexiko!

Auch hier begegnen manche Leuten mit dunklerer Haut und schwarzen Haaren mit Skepsis.
Gerne würde ich allen in der Schweiz sagen: «Leute, euch fehlt es hierzulande an nichts, wirklich gar nichts! Klar, jeder hat persönliche Probleme. Aber es ist die beste aller Welten. Darum wäre es wunderschön, wenn man Menschen, die nicht das Glück hatten, hier geboren zu werden, und aus schlimmen Verhältnissen fliehen mussten, mit offenen Armen empfangen würde. Wovor sich fürchten? Redet miteinander, lernt einzelne kennen, baut stereotype Vorstellungen ab.» Das versuche ich selbst auch mit meinem Roman.

Aura Xilonen liest aus «Gringo Champ» (Hanser) im Literaturhaus Zürich: Lesung am 7.9. ausverkauft, Zusatztermin: 4.12. Buchhandlung im Volkshaus Zürich: 26.10. (19.30 Uhr).

Erstellt: 21.08.2019, 11:25 Uhr

Artikel zum Thema

Die Ängste der Latinos in den USA wachsen

Der Attentäter von El Paso ging offenbar gezielt gegen «Hispanics» vor. Sie fürchten, dass es erst der Anfang gewesen sein könnte. Mehr...

Diese 19-Jährige schreibt einen visionären Integrationsroman

Die junge Mexikanerin Aura Xilonen erzählt in ihrem Debüt eine Einwanderergeschichte, wie es sie noch nie gab. Mehr...

«Jeder Venezolaner ist zwei- oder dreimal gekidnappt worden»

Die Journalistin Karina Sainz Borgo hat einen Roman über die anhaltende Krise in ihrem Heimatland Venezuela geschrieben. Ein Gespräch. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...