Liebe, Tod und Altherrenfantasien

Artur K. Vogel, Chefredaktor des «Bund», hat seinen ersten Roman geschrieben.

Schuf ein kurios verwinkeltes Buch: Artur K. Vogel, Chefredaktor des «Bund». Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

Schuf ein kurios verwinkeltes Buch: Artur K. Vogel, Chefredaktor des «Bund». Foto: Gaëtan Bally (Keystone)

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Der Rechtsanwalt Cornelius Kanter hat sich mit einer Armeepistole durch den Kopf geschossen in seinem Weinkeller nach dem Genuss einer letzten Flasche Château Cheval Blanc. Und wahrscheinlich, nachdem er begriffen hatte, dass die Erfindung einer Wirklichkeit die Wirklichkeit nicht ändert. Oder dass die Erfindung erst wirklich vollendet war durch ein Ausrufungszeichen von endgültiger Wahrheit.

So oder so scheint es sich in «Der Keller in der Kirchgasse», dem belletristischen Debüt des Journalisten («Der Bund», der wie der «Tages-Anzeiger» zu Tamedia gehört) und Sachbuchautors Artur K. Vogel, um einen jener seltenen Fälle von Bilanzselbstmord zu handeln. Der Suizid wurde erwogen und recht eigentlich literarisch vorbereitet in einem widersprüchlichen Manuskript, das der Anwalt neben seinem Computer zurückgelassen hat. Alma, die achtzehnjährige Tochter, hat das Konvolut gefunden, halb war es autobiografische Beichte und halb Lebensroman aus wechselnden Perspektiven. Halb auch ein Zu-sich-Finden und halb der Bericht eines Sichabhandenkommens.

Viele Ichs, fünf weibliche und ein ­unglücklich männliches, treten auf in diesem kurios verwinkelten Buch und wollen zu Wort kommen. Und sagen wir es so, um der literarischen Lösung nicht ihr Geheimnis zu nehmen (es steckt nicht im Tod; der ist eben nur das letzte Satzzeichen): Das einzige Ich, auf dessen ­authentisches Sosein man sich verlassen kann, ist Alma, die kommentiert und ­Kapitelüberschriften schreibt und überhaupt für die Klammern aus solider Realität sorgt. Sagen wir auch: Alles sonst in Vogels Erzählung – so nennt er es, nicht etwa «Roman» – riecht geradezu nach dem Wunsch, schreibend auf der Höhe der Zeit zu sein und es sich nicht einfach zu machen mit der Identität und ihren Wahrnehmungen. Mit der Unschärfe­relation ist immer zu rechnen, man kennt das, es wird uns mitgeteilt und scheint in letzter Zeit geradezu ein Konstruktionsprinzip von Schweizer Belle­tristik geworden zu sein oder sogar die demonstrative Grundmelodie.

Erschossen hat er sich trotzdem

Hier nun rankt sich ums Prinzip die mehrstimmige Liebesgeschichte eines älteren Mannes (nun ja, er ist 53, aber auch das Alter ist eine Frage der Wahrnehmung). Er stellte sich vor, wie er geliebt hätte werden können oder müssen von einer Frau, die ihn jedoch nicht so recht lieben mochte, und als sie dann mochte, war es zu spät, und er liebte schon eine andere und liess sich von ihr lieben. Aber erschossen hat er sich trotzdem, man weiss warum, aber mehr ­verraten wir wirklich nicht.

Nur noch dies: Mehrstimmigkeit, das muss ein Autor erst mal können. Artur K. Vogel kann es so halb. Sehr fein und manchmal sehr sarkastisch trifft er den Ton einer männlichen Entflammtheitsbereitschaft und Jammerseligkeit, weniger gut trifft er den Ton der weiblichen Konsternation darüber und nur grobschlächtig den einer beidgeschlechtlichen Erotisiertheit, wie man es nennen könnte. In sexuellen Angelegenheiten nimmt er öfter Zuflucht in der Altherrenfantasie (ein reines Geschmacksurteil, zugegeben: Persönlich mag ich es halt nicht, wenn sich in Romanen ältere Herrschaften über junge Prostituierte romantisch hermachen, und ich nehme es Männerfiguren übel, wenn sie ihrem Penis Vornamen geben). Wobei sowohl das Feine als auch das Grobschlächtige natürlich Teil des Rollenprosakonstrukts sind in diesem zwar nicht grossen, aber doch lesbaren Buch, dessen schöne Qualität es ist, dass man wissen will, worin das alles am Schluss mündet.

Aber das könnte einem Autor andererseits so passen: dass er alle literarische Verantwortung seinen Erfindungen aufbürden könnte. Ein wenig sind die Peinlichkeit ihrer Lüsternheiten und das Pathos ihrer aufdringlichen Reflektiertheit doch auch die seinen.

Buchvernissage 4. Juni, 18.30 Uhr im Botanischen Garten Bern. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 31.05.2014, 08:16 Uhr

Artur K. Vogel

Der Keller in der Kirchgasse
Offizin-Verlag. 325 S, ca. 25 Fr.

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