Inspiration Schweiz (58) Friedrich Nietzsche in Basel:

Lieber Professor in Basel...

Die Grundlagen für seine berühmte Philosophie des Übermenschen legte ­Nietzsche in der Schweiz.

Friedrich Nietzsche in seiner Basler Zeit um 1869. Foto: Wikimedia.org

Friedrich Nietzsche in seiner Basler Zeit um 1869. Foto: Wikimedia.org

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Nietzsches berühmter Wahnsinnsbrief an Jacob Burckhardt gipfelte in dem stolzen Satz «Zuletzt wäre ich viel lieber Basler Professor als Gott; aber ich habe es nicht gewagt, meinen Privat-Egoismus so weit zu treiben, um seinetwegen die Schaffung einer Welt zu unterlassen.»

Das war gotteslästerlicher Grössenwahn, aber nicht gänzlich verrückt. In Basel hatte es der ruhelose Wanderer zehn Jahre ausgehalten, länger als in jeder anderen Stadt: Als Professor für griechische Sprache und Literatur lebte er tatsächlich wie Gott in Basel. Der 24-jährige Deutsche, noch nicht einmal promoviert, von dem sein Lehrer Ritschl Wunderdinge an die Berufungskommission berichtete («Er wird alles können, was er will»), war 1869 von seinen Kollegen mit offenen Armen empfangen und mannhaft verteidigt worden, als sein erstes Buch «Die Geburt der Tragödie aus dem Geist der Musik» von der Berliner Philologenmafia verrissen wurde.

Die akademische Jugend schätzte Nietzsche auch als Erzieher. Zwar verloren sich manchmal nur zwei oder drei Hörer in seinen Vorlesungen, aber um 1870 hatte die Basler Universität gerade mal 116 Studenten, in der Mehrzahl fromme Theologen. Selbst der Basler Daig sah den redegewandten, musikalisch begabten Extraordinarius aus Sachsen gern bei seinen Mittagessen, Soireen und Salons. Und dann war ja da noch Richard Wagner im nahen Tribschen: Fast jedes Wochenende pilgerte Nietzsche auf die «Insel der Seligen», bis der verehrte Meister nach Bayreuth zog und das Verhältnis langsam erkaltete.

Reisepass für den Staatenlosen

Nietzsche war schon damals gesundheitlich angeschlagen und das Basler Pensum anstrengend: Neben den Verpflichtungen an der Universität musste er auch am Pädagogium, der höheren Lehranstalt am Münsterplatz, Philosophie unterrichten. Über mangelnde Unterstützung und fehlenden Komfort konnte er indes nicht klagen: Seine Wohnungen (am längsten, von 1869 bis 1876, logierte er im Schützengraben 45) lagen günstig, die Behörden stellten dem Staatenlosen – der preussische Untertan Nietzsche hatte sich, auch um dem Militär zu entgehen, expatriieren lassen – ohne Umstände einen Reisepass aus; und als der Drückeberger 1870 plötzlich seinen «Pflichten gegen das Vaterland genügen» wollte, sogar einen Dispens für den Sanitätsdienst im Deutsch-Französischen Krieg.

Der ewig kränkelnde Nietzsche wurde immer wieder für Kuren und Freisemester von seinen Dienstpflichten beurlaubt, und als er 1879 sein Joch nicht mehr länger tragen konnte, entliess man ihn mit einer stattlichen Rente von 3000 Franken in die Freiheit des Privatgelehrten. In Basel hat Nietzsche nicht nur, in Werken wie «Unzeitgemässe Betrachtungen», die Grundlagen seiner Übermenschenphilosophie gelegt, sondern auch die wohl glücklichsten Tage seines kurzen Lebens verbracht. Das hat er der Stadt nie vergessen.

Der Basler Geist humanistischer Toleranz und Aufgeklärtheit hat seine Entwicklung zum radikalen Freidenker wie auch sein Selbstbewusstsein positiv beeinflusst. «Ich halte es nicht aus ohne das Gefühl nützlich zu sein», schrieb Nietzsche einmal, «und die Basler sind die einzigen Menschen, welches es mich merken lassen, dass ich es bin.»

«grässlicher, unvergesslicher Moment» für beide

In Basel fand er treue Gefährten wie seine ehemaligen Schüler Peter Gast und Paul Rée. Sein bester, vielleicht sogar einziger Freund war sein WG-Genosse, der atheistische Theologe Franz Overbeck. Der bestärkte Nietzsche in seinem Ringen mit Gott und den «Bildungsphilistern» und liess alles stehen und liegen, um seinen Seelenbruder nach dessen Zusammenbruch in Turin zum letzten Mal nach Basel zu holen; der Abschied am 17. Januar 1889 war für beide ein «grässlicher, unvergesslicher Moment».

Mütterliche Freundinnen und Gönnerinnen wie Louise Bachofen oder Malwida von Meysenbug haben für Nietzsche vermutlich mehr und Besseres getan als alle Frauen seiner eigenen Familie. Die Mutter versorgte ihren Fritz mit Naumburger Schinken, Diätplänen und wohlfeilen Ratschlägen; Schwester Eli­zabeth zog sogar zweimal nach Basel, um ihren Bruder besser bemuttern, pflegen und wohl auch überwachen zu können. Nur die Frau fürs Leben fand Nietzsche auch in Basel nicht. Wagner empfahl seinem Paladin wiederholt, entweder zu heiraten oder eine Oper zu schreiben – für beides war er zu ungeschickt.

Dass er schon bald aus Basel weg­strebte («Basileam esse dereliquendum», Basel muss verlassen werden), hatte andere Gründe. Der malade Freigeist empfand seinen Brotberuf als geradezu lebensgefährliche Einschränkung seiner eigentlichen Berufung. «Man muss noch Chaos in sich haben, um einen tanzenden Stern gebären zu können», heisst eine seiner populärsten Sentenzen aus dem «Zarathustra» – als ordentlicher Basler Professor aber konnte Nietzsche nicht einmal Götterfunken gebären.

In Italien und im Bündner Hochgebirge hatte er freiere Luft geschnuppert, und als sich sein Ruhm in Deutschland zu mehren begann, hielt Nietzsche nichts mehr in dem «schändlichen, schädlichen Basel, wo ich meine Gesundheit verloren habe». Wäre er geblieben, wäre ihm der Wahnsinn vielleicht erspart geblieben. Aber dann wäre er vermutlich auch nicht der Philosoph mit dem Hammer geworden, der Gott und die alte Welt zertrümmerte.

Erstellt: 20.07.2014, 23:27 Uhr

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Wir stellen Schauplätze in unserem Land vor – Landschaften oder Städte –, die Schriftsteller, Künstler, Filmemacher und Musiker zu Werken angeregt haben. Zuletzt erschienen: Erasmus von Rotterdam in Basel (14. 2.), Giuseppe Rensi im Tessin (27. 12. 2013), Tamara de Lempicka in St. Moritz (23. 11.). (TA)

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