Literatur zwischen Fels und heissen Quellen

Ein friedliches Babylon in den Alpen: Beim 16. Literaturfestival wurde Leukerbad zum globalen Dorf.

Literatur unter freiem Himmel: Peter Stamm bei der Lesung am diesjährigen Literaturfestival Leukerbad.

Literatur unter freiem Himmel: Peter Stamm bei der Lesung am diesjährigen Literaturfestival Leukerbad. Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Literaturfestivals sind ohnehin keine Krawatten-Meetings. In Leukerbad kann man auch das Jackett zu Hause lassen. Dafür sind Wanderstiefel angebracht, denn schon der traditionelle Gang durch die Dalaschlucht setzt Flachlandschuhe und ihre Träger unter Stress. Die von Ricco Bilger in seinem Heimatort gegründete, jetzt von Hans Ruprecht und seinem Team geleitete Veranstaltung lebt vom Kontrast der Elemente: schroffe Felswände, heisse Quellen, aufregende Lyrik und Prosa. Das «schönste Literaturfestival der Schweiz» (wie es hier vor einem Jahr hiess, Achtung: Selbstplagiat!) zielt nicht auf Masse, sondern auf Klasse, Begegnung und Atmosphäre.

Die 16. Ausgabe hat schon eine Menge Traditionen, die gepflegt werden wollen. Die genannte Schluchtwanderung gehört dazu, auch die nächtliche Fahrt auf den Gemmipass mit Mitternachtslesung. Oder die Abendveranstaltungen in einem trockengelegten Schwimmbad, diesmal im Reha-Zentrum, dessen Krankenhaus-Assoziationen auch die vitalsten Texte nicht ganz verscheuchen konnten. Oder die Lesung im römischirischen Bad der Alpentherme mit Nina Maria Marewski, der das Publikum im weissen Bademantel auf Stühlen oder im Badekleid im 36 Grad warmen Wasser lauschte.

Das Traditionsbewusstsein bezieht auch die Festival-Vorzeit mit ein. Natürlich: Goethe war mal hier. Und Mark Twain auch – dass er die Herberge «Au chamois» verschmähte, weil er schon genug Gämsen gesehen habe, wird immer wieder gern erzählt. Aber wer weiss schon, dass sich ab 1951 drei Winter lang der schwarze US-Schriftsteller und Bürgerrechtler James Baldwin (1924–1987) in Leukerbad aufhielt? Hier schrieb er seinen ersten Roman fertig sowie einen Essay über seine Erfahrungen mit den Einheimischen. Die einstündige Präsentation «Ein Fremder im Dorf» von Rolf Hermann, Walter Küng und Alexander Tschernek war einer der Höhepunkte des Festivals.

Der Schwarze im Schnee

Man sah Baldwin in wackeligen Filmaufnahmen, mit Norwegerpullover und Wollmütze gegen die Kälte gewappnet, von Dorfkindern umgeben. Man hörte ihn Französisch reden (er lebte seit 1948 in Paris, wo er auch seinen Leukerbader Gastgeber Lucien Happersberger kennen gelernt hatte). Man begriff die ungeheure – und wechselseitige – Fremdheit. Noch nie hatte das Dorf einen «Neger», «e Dunkle», gesehen. Man begegnete ihm erstaunt, aber nicht feindselig. Baldwin registriert die Gutmütigkeit, begreift aber auch, wie stark sie genährt ist von einer im Kern rassistischen Kultur: «Man schien mich nicht für ein menschliches Wesen zu halten» – obwohl er in den Kneipen mit den Einheimischen trank und sogar mit Dörflerinnen tanzte.

Umgekehrt war Leukerbad für Baldwin der «perfekte Ort, sich vollkommen fremd zu fühlen»: Sogar die Berge sind weiss. Und doch, meint Baldwin, haben seine Aufenthalte etwas bewegt. «Vielleicht», beschliesst er seinen Essay, «erweist sich diese Erfahrung eines Nebeneinanders von Schwarz und Weiss eines Tages als unentbehrlicher Wert in der Welt, vor der wir heute stehen. Eine Welt, die nicht mehr weiss ist und es nie wieder sein wird.»

Auf eine andere Art exotisch wirkt in einer nach dem Authentischen, Eigentlichen, Unmittelbaren gierenden Leserwelt jene Gruppe der französischen Schriftsteller, die sich «Oulipo» abkürzt (auf Deutsch: «Werkstatt für potenzielle Literatur») und die der Pariser Romanist Jürgen Ritte einem begeisterten Publikum in einer Hotelbar vorstellte. Die Mitglieder der Gruppe schreiben nach selbst verordneten, teilweise sehr komplizierten Regeln – von denen der Leser möglichst nichts bemerkt. Das Verfahren ist noch nicht die Kunst: Aber es ermöglicht sie, bringt sie im besten Fall gerade durch Beschränkung hervor. Die von Ritte übersetzten Beispiele zeigten wunderbar, wie auch Komik aus purer Mechanik entstehen kann – wenn sie vom Öl des Esprits angetrieben wird.

O-Töne: Das ist ein weiterer Trumpf des Leukerbader Festivals. Die Veranstalter legen Wert darauf, dass viel in Originalsprachen gelesen wird. So konnte man Isländisch (Sjón) und Weissrussisch hören (Valzhyna Mort), ungarische Verse (Istvan Kemeny) und englische Prosa: Die las Martin Walker, Erfinder eines Serienpolizisten aus dem Périgord, auf dem Rasen vor dem Hotel Regina Terme. Eine SommerfrischeAnmutung, die hervorragend passte, denn Walkers Bücher sind ja auch Ferien von anstrengenderer Literatur.

Auch Oksana Sabuschko, die Autorin des fulminanten Ukraine-Epos «Museum der vergessenen Geheimnisse», las ein Stück in ihrer Muttersprache. Auch wenn man nichts verstand, spürte man doch Wut und Kraft, die in diesen Sätzen liegen – und empfand dann recht eigenartig den Kontrast zur samtpfötigen deutschen Lesung durch die grosse deutsche Schauspielerin Angela Winkler.

Heimat auf Rumänisch

Hier das fremde Original – dort die Vermittlung. Auch auf sie wird viel Wert gelegt in Leukerbad. So liess Urs Allemann das Publikum im Alten Bahnhof nicht mit osteuropäischer Wortmusik allein, sondern führte klug in das jeweilige lyrische Werk ein, immer am Beispiel eines einzigen Gedichts. Eine ganze Übersetzerwerkstatt fand unmittelbar vor dem Festival rund um Melinda Nadj Abonjis «Tauben fliegen auf» statt. Was die Übersetzer davon zu berichten hatten, war äusserst spannend. Wie übersetzt man «Heimat» ins Rumänische? Antwort: durch die Substantivierung des Wortes für «zu Hause». Neben solchen klassischen Einzelfragen ging es immer wieder ins Grundsätzliche. Wie tolerant sind die Zielsprachen für «Abweichungen» vom korrekten Sprachgebrauch? Müssen Übersetzer sich «mässigen», näher an den Normen bleiben?

Wem das alles zu spitzfindig war oder schlicht irgendwann zu viel wurde, der war mit ein paar Schritten oder Seilbahnminuten in einer anderen Welt. Zwischen Gletschern und Geröll lüftet sich der Kopf schnell wieder aus. Etwa bei einem Gang zur Lämmerenhütte, 2500 Meter über Meer. Und wer begegnet dem Berichterstatter da – sind das nicht Sergio, Benoît und Beat, die munteren Ausflugswerbefiguren der SBB? Oder sehen sie nur so aus? Es wäre keine Überraschung, ihnen demnächst in Leukerbad in einem Text wiederzubegegnen. So stehen sie schon mal in diesem. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 12.07.2011, 08:21 Uhr

Artikel zum Thema

Von einem berühmten Badekurort zu Tale

Blog Outdoor Ein Kulturfestival in Brig sorgt für geistige Nahrung. Und wenn man schon im Oberwallis ist, bietet der Abstieg von Leukerbad nach Leuk auch noch wanderische Vollwertkost. Zum Blog

Solothurner Literaturtage vermelden Besucherrekord

Die 33. Solothurner Literaturtage sind Geschichte. 12'500 Interessierte – 1500 mehr als im Rekordjahr 2010 – besuchten während drei Tagen die etwa 100 Veranstaltungen. Mehr...

Was guckst du?

Bücher Jedes Jahr nach Auffahrt fahren die Solothurner auf Bücher ab: Die Literaturtage haben sich kaum verändert, sehr wohl aber die Art, wie sie beworben werden. Mehr...

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Blogs

History Reloaded Zeit ist Macht

Von Kopf bis Fuss Biologische Ernährung senkt das Krebsrisiko

Weiterbildung

Banken umwerben Frauen

Weltweit steigt das Privatvermögen von Frauen. Banken zeigen, wie dieses gewinnbringend anzulegen ist.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...