Lolita am Stufenbarren

Als erste Turnerin erreichte die 14-jährige Rumänin Nadia Comaneci an den Olympischen Spielen 1976 die Maximalnote. Ein Roman setzt sich nun mit dem Mythos der «Karpatenfee» auseinander.

Nadia Comaneci an den Olympischen Spielen 1976 in Montreal.

Nadia Comaneci an den Olympischen Spielen 1976 in Montreal.

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1,00 zeigte die Anzeigetafel. Das konnte nicht sein. Das Publikum stampfte und klatschte frenetisch an diesem Sommertag in Montreal. Die Darbietung auf dem Schwebebalken war atemberaubend gewesen, ein akrobatischer Tanz, der die Schwerkraft zu verspotten schien, schier jenseits der Grenzen des biomechanisch Möglichen. Die Vertreter der Schweizer Zeitmessfirma waren konsterniert. Dieses schmächtige Mädchen im jungfräulichen weissen Turnanzug und mit der roten Schleife im Haar – kaum 1,50 Meter gross und 40 Kilogramm leicht – hatte den Computer zum Absturz gebracht.

Die 14-jährige Nadia Comaneci aus der ostrumänischen Kleinstadt Onesti hatte als erste Turnerin überhaupt die Maximalnoten erhalten. Mit einem stahlharten Willen ausgestattet, war sie als Siebenjährige freiwillig ins einige Hundert Meter vom Elternhaus gelegene Internat gezogen, um so wenig Energie wie möglich zu verpuffen – ein geradezu beklemmend vernünftiges Wesen, «ein Kostüm von Kindheit über einer seltenen Maschinerie». Nadia Comaneci war es auch, die eine Mannschaft von blutjungen rumänischen Kinderturnerinnen zum Sieg über das sowjetische Team führte: Ein hochbegabter, allerliebster und dabei leistungsstarker Nachwuchs, der zwar immer sehr bleich aussah – erst Anfang der 1990er-Jahre durften sich Turnerinnen für den Wettkampf dezent schminken –, dafür aber mit engelhafter Inbrunst zu Werke ging.

Das Jahr der Lolitas

Diktator Nicolae Ceausescu kam so zu ­einer «nationalen Waffe», um im Kampf der Systeme nicht nur die Überlegenheit des Sozialismus zu demonstrieren, sondern auch der verhassten Sowjetunion mit geschwellter Brust ­gegenüberzutreten. Rumänien war plötzlich auf der Weltkarte – und dies dank eines gymnastischen Wunderkindes, das die Herzen der Menschen im Sturm eroberte. Noch 1979 stellte ein Leitartikler in der «Los Angeles Times» zerknirscht fest, die Supermacht USA sei in der Lage einen Menschen auf den Mond zu schiessen, «aber wir sind unfähig, ein kleines Mädchen auf dem Schwebebalken tanzen zu lassen». Nadia Comaneci hatte sich wie ein Fleisch gewordener Sputnik in den Himmel geschraubt. Ihre Bodenübung zum Charleston «Yes, Sir, that’s my baby» liess die Menschen alles vergessen: den Boykott der Spiele durch afrikanische Mannschaften und vor allem den Schatten des Massakers von München vier Jahre zuvor.

Es war die Zeit, als neben Nadia Comaneci – eine denkwürdige Koinzidenz – noch zwei andere Lolitas auf dem popkulturellen Parkett für Furore sorgten und so etwas wie eine im Kunstgenuss sublimierte kollektive Pädophilie auslösten. Jodie Foster als minderjährige Prostituierte in Martin Scorseses Milieu­studie «Taxi Driver» und Brooke Shields in Louis Malles Film «Pretty Baby» als Jungfrau, die in einem Bordell in New Orleans dem Meistbietenden verkauft wird: Beide sehen sich männlichen Figuren gegenüber, die sie mit unterschiedlichen Methoden zu retten versuchen. Im Rahmen eines Wettkampfes in New York sieht Nadia einmal ein riesiges Werbe­plakat am Broadway, auf dem ein etwa achtjähriges, stark geschminktes Mädchen in einem Rüschenkleid Werbung macht für ein Parfum. Der Slogan dazu lautet: «Because innocence is ­sexier than you imagine.»

Funkelnde fiktive Gespräche

Die Geschichte von Nadia Comaneci, die heute in den USA lebt, ist oft erzählt worden: Die Lebensbeschreibungen reichen vom kitschigen Film aus dem Jahr 1984 bis hin zu Comanecis eigenen Memoiren. Nun aber nähert sich die französisch-rumänische Schriftstellerin, Musikerin und – nicht unwichtig für dieses Unternehmen – ehemalige Tänzerin Lola Lafon in ihrem vierten Roman diesem sporthistorischen Mythos auf eine ganz eigene Weise. Ihr Roman kommt daher wie eine fulminante Kreuzung aus historischer Reportage und emotionaler Spurensuche in der alten Heimat. Lafon lebte bis zu ihrem 12. Lebensjahr in Bukarest und wuchs mit der Ikone Nadia sozusagen auf; diese war omnipräsent in Rumänien, ein Vorbild für sie wie für Millionen von Mädchen auch im Westen, die plötzlich in eng anliegenden Turnkleidchen und zum Kummer der Eltern im Wohnzimmer waghalsige Kunststückchen mit ihren Körpern anzustellen versuchten.

Der Auftritt auf der sportlichen Weltbühne und seine Folgen: «Ihnen verdanken die kleinen Mädchen vom Sommer 1976 ihren Traum», schreibt Lola Lafon einmal an Nadia Comaneci gewendet, «sich ins Nichts zu werfen, mit angespannten Bauchmuskeln und nackter Haut.» Kernstück des Buchs sind denn auch die eingestreuten Telefongespräche und der Mailverkehr mit Nadia Comaneci, der sie einzelne Kapitel zur Lektüre schickt, der sie kritische Fragen stellt und mit der sie immer wieder streitet über unterschiedliche Versionen von Ereignissen: über das Klischee einer dem sportlichen Erfolg geopferten Kindheit, das Comaneci nicht gelten lassen will («Das ist ein Vertrag, den man mit sich selber abschliesst»). Über die propagandistische Instrumentalisierung durch das Ceausescu-Regime und ihre Nähe als «Hure der Macht» zum Diktatorensohn Nicu, der sie nach ihrem Rücktritt 1981 wie eine persönliche Trophäe vorzuführen pflegte. Über den Grad der Freiwilligkeit dieser Beziehung ist immer wieder spekuliert worden ist.

Schliesslich ist auch ihre abenteuerliche Flucht via Ungarn in den Westen zwei Wochen vor Ceausescus Sturz umstritten: Die einen attestieren ihr gar, sie hätte mit ihrer Flucht als Katalysator der Revolution gedient, während andere bis heute glauben, die ganze Aktion sei von der Geheimpolizei Securitate inszeniert worden. Der Clou dieser Gespräche voller Reibungen, Kollisionen und Widersprüche: Sie wirken in ihrem Bemühen, auch die Grautöne etwa im rumänischen Alltag oder beim Drill durch den ebenso leutseligen wie unbarmherzigen Coach zu zeigen, überaus authentisch und sind gleichwohl allesamt fiktiv.

«Die hat Fett angesetzt»

Dieser kleine Körper befeuerte als ­Symbol von kindlicher Reinheit und Perfektion – und als Projektionsfläche für die Sehnsüchte nach ewiger Jugend – die Fantasie in Ost und West. Die Verfügungsgewalt über den weiblichen Körper im Dienste einer expansiven Bevölkerungspolitik hatte in Rumänien unter Ceausescu perverse Ausmasse angenommen: Frauen mussten sich monatlich gynäkologisch untersuchen lassen, Abtreibungen waren mit drakonischen Strafen belegt. Lola ­Lafon zeigt vor diesem Hintergrund auf faszinierende Weise, wie die Funktionäre und die Medien auf die biologische Unausweichlichkeit, dass sich Nadia Comaneci 1980 bei den Olympischen Spielen in Moskau nämlich zu einer jungen Frau entwickelt hatte, wie enttäuschte Liebhaber reagierten. In Rumänien wurde Nadia ­Comanecis erwachende Weiblichkeit ­euphemistisch nur als die «Krankheit» bezeichnet. Stellvertretend zitiert die Autorin eine französische Zeitung, die kurzum titelte: «Das kleine Mädchen hat sich zur Frau verwandelt. Der Zauber ist dahin.» Wobei sich dieses Schauspiel der Vergänglichkeit im Zeitraffer wiederholte: 1972 begeisterte die verspielt-sinnliche Olga Korbut das Publikum und liess die Dominatorin der vergangenen Jahre wie eine verblühte Dame aussehen, 1976 erging es dann Olga Korbut nicht anders, als Nadia Comaneci die Bühne betrat.

Ein Höhepunkt dieses an akrobatischer Sprachkraft und dialektischen Volten reichen Buches markiert die Szene, wo die kleine Nadia nach den olympischen Triumphen in Bukarest dem Conducator und seiner Frau Elena vorgeführt wird. Die Diktatorengattin staucht sie zunächst zusammen, weil sie sich auf den falschen Stuhl gesetzt hat und meint nachher abschätzig zu Ceausescu: «Die hat ja verdammt Fett angesetzt, oder?» Nadia Comaneci lebt heute mit ihrem amerikanischen Ehemann in Oklahoma, auch er ein ehemaliger Turner. Spät wurde sie noch Mutter, sie ist eine erfolgreiche Geschäftsfrau und als Sport-Botschafterin weltweit gefragt. Längst gehört dem einstigen Engel von Montreal der eigene Körper. Dieses Kapital bewirtschaftet die mittlerweile 52-Jährige, wie man aus aktuellen Bildern schliessen darf, im kapitalistischen Kontext mit unverminderter Willensstärke.

Lola Lafon: Die kleine Kommunistin, die niemals lächelte. Roman, Piper-Verlag, 2014, 288 Seiten, 29.90 Fr. (Der Bund)

Erstellt: 03.11.2014, 14:31 Uhr

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