Porträt

Lost in Transnation

In Amerika und England ist Taiye Selasi schon ein Star. Nächste Woche kommt sie mit ihrem schönen Roman «Diese Dinge geschehen nicht einfach so» nach Zürich.

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Und plötzlich ist eine Neue da. Mit einem Roman, einer Präsenz, einem Selbstbewusstsein und – man darf es sagen, es ist offensichtlich, und ja, man müsste das auch bei einem Mann feststellen, wenn es denn einmal so sichtbar wäre – einer Schönheit. Die Neue heisst also Taiye Selasi. Ihr englischer Verlag sagt, sie sei «die neue Zadie Smith». Weil sie schwarz ist und schön und einen grossen Migrationsroman geschrieben hat. Weil diese drei Dinge für alle offensichtlich sind.

Geworben wird damit, dass Taiye Selasis Mentorin keine andere als Toni Morrison ist, die afroamerikanische Literaturnobelpreisträgerin. Und dass auch Salman Rushdie begeistert sei von Taiye Selasis Romandebüt «Diese Dinge geschehen nicht einfach so» («Ghana Must Go»).

Salman Rushdie mag nur die Erfindung von Selasis Agent sein, der ihren Roman sofort in 15 Länder verkaufte. Die Sache mit Toni Morrison aber stimmt. Taiye Selasi hat sie 2005 kennen gelernt, Toni Morrison verlangte von ihr einen Text innert Jahresfrist, Selasi lieferte 2006 die Erzählung «The Sex Lives of African Girls» ab, sie wurde sofort publiziert. Und plötzlich war Taiye Selasi, die Summa-cum-laude-Uni-Abschlüsse in American Studies (von Yale) und International Relations (von Oxford) besass, auch eine Literatin. Zuvor war sie nämlich bereits als politische Essayistin bekannt gewesen. Deshalb wollte Toni Morrison sie überhaupt kennen lernen.

Was ist ein Afropolit?

Denn im März 2005, mit 25 Jahren, hatte Selasi im alternativen Politmagazin «LiP» den Essay «Bye-bye Barbar (Or: What Is an Afropolitan?)» geschrieben. Sie prägte damit den Begriff des «Afropolitan», also des Cosmopolitan mit afrikanischen Wurzeln. Der Begriff führt seit ihrem Essay ein erfolgreiches Eigenleben, er wurde hundertfach für Ausstellungen und Diskussionsforen verwendet, er verhalf einem Magazin, einem Theater und einem Blog zu ihren Namen. Ganz genau sind Afropolitans die zweite Generation, die Kinder von rund 150 000 hoch qualifizierten afrikanischen Intellektuellen, Ärzten und Anwälten, die zwischen 1960 und 1987 Afrika verlassen hatten, für eine bessere Ausbildung, für ein besseres Leben. Kinder also, die in den USA, Kanada oder Grossbritannien geboren wurden, deren Ausbildung im Verhältnis zu der ihrer Eltern noch einmal verfeinert wurde, noch ein bisschen exklusiver sein musste, die von Amerika aus zum Studium nach England gingen oder umgekehrt.

Taiye Selasi ist eine von ihnen, ihre Mutter ist eine nigerianische Kinderärztin, ihr Vater ist ein Chirurg aus Ghana und in Ghana selbst ein berühmter Lyriker, dessen Gedichte zum Schulstoff gehören. Geboren wurde Taiye Selasi kurz vor ihrer Zwillingsschwester am 2. November 1979 in London ( jeden Tag um 11.02 oder 23.02 Uhr simsen oder mailen sich die Schwestern «I love you»), aufgewachsen ist sie in der Nähe von Boston, heute lebt sie in Rom.

Ein «Baby-Afropolitan» wie sie selbst, ein junger Mensch, der schwarz ist, sich aber weiss benimmt und kein felsenfestes Bewusstsein für sein afrikanisches Erbe besitzt, so schreibt sie in «Bye-bye Barbar», fühle sich leicht «lost in transnation». Heimatlos. Verloren in einer Blase zwischen den Nationalitäten, Rassen und Kulturen. Das ganze Leben ein einziger Verschiebebahnhof, eine einzige Reise. Entwurzelung als Prinzip. Eine verinnerlichte Migration als anhaltendes Prekariat der Seele.

Genau das ist das Problem der vier Geschwister Olu, Kehinde, Taiwo und Sadie in Selasis Roman. Ihre Mutter Fola ist einst aus Nigeria nach Amerika geflohen, hat dort Kwaku Sai (einen genialen Medizinstudenten aus bitterarmen Verhältnissen) kennen gelernt, Kwaku macht Karriere als Chirurg, vor jeder grossen Operation fühlt er sich wie der Held in einem Western. Fola gibt ihren Traum auf, Anwältin zu werden, gebiert Kinder. Dann wird Kwaku arbeitslos, und die Geschichte wird schlimm. Weil Kwaku die Scham packt, die Scham des überangepassten, strebsamen Immigranten, der sich jahrelang seine Form des amerikanischen Traums zusammengebastelt hat und nun versagt.

Er verlässt die Familie, er verkriecht sich in Ghana, ein verletzter Patriarch, er nimmt sich später eine Frau, die einfacher ist als Fola, die für ihn nichts aufgeben muss. Er liebt sie, aber er liebt Fola mehr, die Jahre bis zu seinem plötzlichen Tod sind ein einziges Sich-Zersehnen. Fola schafft es in Amerika nicht, die Kinder durchzubringen, sie schickt die Zwillinge Kehinde und Taiwo zu ihrem reichen Onkel in die nigerianische Hauptstadt Lagos, doch der Onkel ist ein Drogendealer und Sadist und zwingt Kehinde, seine Schwester vor den Augen der männlichen Angestellten zu missbrauchen. Später wird Kehinde versuchen, sich das Leben zu nehmen. Er wird Künstler in London, und Taiwo wird zur schillernden Bohemienne in New York, die sich in skandalöse Affären mit älteren Männern stürzt. Doch als sie beim Onkel sind, wird Ghana von Nigeria verachtet, die Kinder eines ghanaischen Vaters damit auch. «Ghana Must Go» ist nicht nur der Originaltitel von Taiye Selasis Roman, «Ghana Must Go» hiess 1983 die Vertreibung von zwei Millionen Ghanaern aus Nigeria.

Traurig macht glücklich

Taiye Selasi benennt die realpolitischen Rahmenbedingungen ihrer Romanhandlung selten, und wenn, dann knapp und sachlich. Es hilft, wenn man sie kennt, sie sind die Grundierung, vor der die Dinge eben nicht einfach so geschehen. Unabdingbar für die Lektüre sind sie nicht. Denn Taiye Selasi besitzt diese Gabe, allein durch die Malerei mit der Sprache Stimmungen und Gefühle zu schaffen. «Die Geräusche, die sie macht, sind kleine Lichter entlang der Landebahn», heisst es einmal bei einer Sexszene. Und im Moment seines Todes vergleicht Kwaku sein Leben mit einem Tautropfen, mit einem «Ding, das enden wird, und zwar schon bald, in einem Garten, in Ghana, im üppigen Ghana, im weichen Ghana, im grünen Ghana, wo zerbrechliche Dinge sterben».

In jeder Beziehung, jeder Geschichte, die sich ergibt, steckt ein Kern von grosser Traurigkeit, von Wehmut. Von einer unglücklicheren Familie, so denkt man, haben wir noch nie erfahren, von Sadie, eine unsichere Junglesbe mit Bulimie, von Olu, auch er Arzt, der alles daransetzt, ein möglichst un-schwarzes Leben zu führen, und in einer klinisch weissen Wohnung lebt. Aber es sind ja eben gerade die unglücklichen Familien, die uns als Publikum so richtig glücklich machen. Das war schon so bei «Anna Karenina» und bei den «Royal Tenenbaums» und auch bei den Sais.

Selasis Roman ist nicht in allen Passagen gleich stark, gerade das erste Drittel ist etwas bedächtig und in schillernde Beschreibungen verliebt, doch dann hebt er ab, sehr schnell, und am Ende verlässt man das Buch, geläutert nach einem Rausch aus Trauer, Leben und über allem unfassbar viel und schwer versehrte Liebe.

Plötzlich ist da die Neue. Zugewandert durch ihre Sprache. Und angekommen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.04.2013, 08:19 Uhr

Verloren in einer Blase zwischen den Nationalitäten, Rassen und Kulturen: Taiye Selasi.

Selasi, Taiye, «Diese Dinge geschehen nicht einfach so», S. FISCHER, 397 Seiten, ISBN 978-3-10-072525-7, CHF 35.90.

Diese Dinge geschehen nicht einfach so

Lesung

Taiye Selasi liest am Di, 16. April, 20 Uhr, im Festsaal des Zürcher Kaufleuten.

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