Porträt

«Machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst»

Am 26. November wird Harry’s Bar in Paris hundert Jahre alt. Wer will, kann dann dort einen prickelnden Cocktail trinken oder hier ein spritziges Buch lesen, das die Geschichte des legendären Orts erzählt.

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Harry’s Bar – das ist doch das berühmte Lokal in Venedig. Doch 20 Jahre vor dieser Schenke in der Nähe des Markusplatzes eröffnete in Paris das Original, zunächst noch unter dem Namen New York Bar. Und während der Gründer der Kopie ein Italiener namens Giuseppe Arrigo Cipriani war, führte in Paris ein wirklicher Harry die Fäden: der Schotte Harry MacElhone.

Für Schottisch hielten denn auch viele den Wahlspruch im Wappen des Lokals: «Sank Roo Doe Noo.» Was heisst das? Ist das ein Motto wie bei den Universitäten? Des Rätsels Lösung: Die seltsame Zauberformel ist nichts anderes als die Adresse der Bar in französischer Lautschrift: 5 Rue Daunou. Aus dem Gag machte MacElhone eine Werbekampagne und schaltete 1924 folgende Zeitungsanzeige: «Sagen Sie dem Taxifahrer einfach Sank Roo Doe Noo und machen Sie sich auf das Schlimmste gefasst.»

Von Hemingway bis Quentin Tarantino

Wer dort – in der Nähe des touristischen Place de l’Opéra – heute vorfährt, der macht eine Zeitreise: Hinter der schmalen, mit einer Neonschrift gekennzeichneten Strassenfront eröffnet sich ein langes, braun getäfeltes Lokal mit alter Stuckaturdecke. An den Wänden hängen Wappen und Wimpel, die auf die USA verweisen. Und wer sich rumhört, der vernimmt viele englischsprachige Stimmen. Harry’s Bar in Paris ist bis heute der Treffpunkt für alle Heimweh-Amerikaner.

In den frühen Jahren des 20. Jahrhunderts trafen sich dort zahlreiche US-Schriftsteller der sogenannten Lost Generation. Ernest Hemingway, der 1919 zum ersten Mal durch die Schwingtüren trat, war einer der treuesten Stammgäste. Häufig gesehen wurden auch F. Scott Fitzgerald, Thornton Wilder und John Steinbeck. Oftmals erschienen sie in Begleitung von Hollywoodstars wie Gene Kelly oder Buster Keaton. Heute trifft man dort zuweilen auf Morgan Freeman, Sofia Coppola oder Quentin Tarantino.

Harry MacElhone bot all den berühmten und weniger berühmten Amerikanern an der «Sank Roo Doe Noo» eine zweite Heimat. Das beschränkte sich nicht bloss aufs Angebot von Südstaaten-Whiskeys, sondern beinhaltete auch die Teilnahme an den Präsidentenwahlen. 1924 veranstaltete MacElhone die erste Straw Vote, eine Wahl zum Spass: Alle Amerikaner in Paris, die älter als 21 waren (seit 1971 über 18) konnten ihre Stimme für einen der beiden Kandidaten abgeben. 24 Stunden bevor der Name des neuen US-Präsidenten verkündet wurde, hatten die Amerikaner in Paris ihren schon bestimmt.

Blue Lagoon in Harry’s Bar erfunden

MacElhone war ein geschickter Barman, der solche Events nutzte, um einen neuen Drink zu kreieren. So mixte er 1933 zur Amtseinführung von Theodor Roosevelt den Tlevesoor Cocktail – der Name des US-Präsidenten ist einfach rückwärts geschrieben. Der Tlevesoor ist ein starkes Getränk mit Roggenwhiskey, Calvados, Orangensaft und Genever. Berühmtere Kreationen aus Harry’s Bar sind Drinks wie Blue Lagoon oder Sidecar. Und selbst für Bloody Mary reklamiert das Traditionslokal die Urheberschaft.

«Die Vereinigten Staaten haben ihren berühmtesten Botschafter in Paris verloren», stand am 4. Juni 1958 im «Journal du dimanche». Tags zuvor war Harry MacElhone an einem Herzinfarkt gestorben. Harry’s Bar hatte auf seinen Wunsch hin trotzdem nicht geschlossen. Dafür war bei der Konkurrenz das Angebot zeitweilig eingeschränkt, denn alle Barkeeper aus Paris wollten dem «alten Harry» ihre Ehre erweisen.

Harrys Label lebte weiter: Die Familie gründete auf der ganzen Welt Filialen der Bar, in Montreux stiess Harrys Enkel Duncan 1984 auf die Eröffnung an. Und heute hat der Urenkel Franz-Arthur die Fäden des gesamten Imperiums in Händen – genau wie Harry ist er am 16. Juni geboren, nur 98 Jahre später.

Erstellt: 24.11.2011, 15:06 Uhr

Isabelle MacElhone: «Harry's Bar - The Original», Knesebeck-Verlag, ISBN: 978-3-86873-434-8

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