Hintergrund

«Männer unterdrücken vor allem andere Männer»

Die ETH Zürich widmet dem Thema «Mann» eine Vorlesungsreihe. Warum vor allem Frauen sich für Männerforschung interessieren und was die Männer daraus lernen könnten, weiss Co-Organisatorin Brigitte Liebig.

Neue Rollen, neue Männerbilder: Parfum-Werbung für einen Männerduft von Jean-Paul Gaultier.

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Was muss man sich unter Männerforschung eigentlich vorstellen?
Leitend ist hier das Konzept einer hegemonialen Männlichkeit, wie sie die Männerforscherin Raewyn Connell beschreibt. Das bedeutet, den Blick darauf zu richten, dass nicht nur zwischen Männern und Frauen Ungleichheit und Unterordnungsverhältnisse bestehen, sondern auch zwischen Männern. Zudem gibt es auch nicht einfach nur DEN Mann, sondern eine Vielzahl von Männlichkeiten, gekoppelt an Arbeits- und Macht- Verhältnisse, an sexuelle Orientierung. Es geht uns darum, diese sichtbar zu machen.

Es gibt also viele verschiedene Männer – ist das nicht eine etwas banale Beobachtung?
In den letzten vierzig Jahren haben wir in den Genderdiskussionen vor allem über das Verhältnis von Männern zu Frauen gesprochen. Dabei wurde sowohl in der Forschung wie auch in der Politik zu wenig beachtet, dass erhebliche Spannungsfelder und Interessenkonflikte zwischen Männer bestehen. Viele Männer sind ja Verbündete von Frauenanliegen. Männer wollen engagierte Väter sein, wollen Teilzeit arbeiten, Männer sind Gewaltopfer von anderen Männern etc. Es gibt also verschiedenste Gruppen von Männern, die ähnliche Diskriminierungen erleben wie Frauen, aber noch viel weniger Gehör finden, weil sie keine Lobby haben und wenig Aufmerksamkeit in der Öffentlichkeit finden.

Wäre nicht das genau der Grund, von der Kategorie Geschlecht wegzukommen und zu sagen: Es gibt Strukturen, die Ungleichheiten produzieren – ganz unabhängig vom Geschlecht?
In diese Richtung geht die Geschlechterforschung heute zum Teil tatsächlich. Es geht darum, weitere soziale Trennlinien sichtbar zu machen, zum Beispiel solche, die durch die Verantwortung für eine Familie oder Migrationserfahrung entstehen. Dass man also beispielsweise weniger über die Unterschiede zwischen Männern und Frauen diskutiert, sondern über die Unterschiede zwischen Personen mit Kindern und denen ohne Kinder, da es zwischen diesen Gruppen die grösseren Differenzen gibt.

Am Thema Familie zeigt sich doch, dass viele Ungleichheiten zunächst tatsächlich mit der biologischen Differenz zu tun haben. Wird das in der Genderforschung auch so beschrieben?
Die Soziobiologie hat in den letzten Jahren einen Aufschwung erlebt. Sie besagt im Wesentlichen, dass diese grundlegenden Unterschiede tatsächlich den Ausgangspunkt für viele weitere soziale Differenzierungen und Hierarchien bilden. Die soziologische Geschlechterforschung hält dem entgegen, dass dies nur ein Faktor von vielen ist und dass entscheidend ist, wie diese biologischen Umstände interpretiert und ins alltägliche Handeln umgesetzt werden. Und da spielen natürlich strukturelle und kulturelle Faktoren eine grosse Rolle.

Ihre Ringvorlesung hat eine weibliche Trägerschaft: Warum fragen eigentlich meistens Frauen und selten Männer nach Männlichkeitsbildern?
Die Frauen setzen sich, insbesondere in der Soziologie, seit Jahrzehnten mit Geschlechterfragen auseinander und es liegt in der Natur der Sache, dass sich da auch Fragen zu Männern und Männlichkeiten stellen. Dass die Männer weniger Interesse an dieser Disziplin zeigen, hat verschiedene Gründe. Einerseits machen es ihnen die bis heute dominanten Vorstellungen von Männlichkeit schwer, über sich selbst und traditionelle Männerbilder zu reflektieren. Kommt hinzu, dass wir in der Schweiz in dieser Hinsicht auch noch am Anfang stehen. Es gibt keine institutionalisierte Männerforschung, es gibt keine einheitliche Männerbewegung, es fehlt die kritische Masse von Männern, die sich mit Männerfragen auseinandersetzen.

Ist die Männerforschung nicht überall eher ein Nischengebiet?
Im angelsächsischen Raum ist man da bereits viel weiter. In den USA fanden bereits in den 80er-Jahren erste Konferenzen zu ‚Men & Masculinities‘ statt, seit Beginn der 90er-Jahre gibt es auch akademische Zeitschriften zum Thema.

In den Massenmedien ist der Mann länger schon Thema – hat das eben damit zu tun, dass die traditionellen Männlichkeitsbilder bröckeln?
Männerbilder haben tatsächlich an Eindeutigkeit verloren. Wir haben auch eine Orientierungslosigkeit unter Männern, junge Männer müssen sich heute stärker mit verschiedenen Rollenangeboten auseinandersetzen. Dadurch ergeben sich einerseits neue Handlungsspielräume, aber es entstehen auch zusätzliche Belastungen und Herausforderungen. Männerforscher machen überdies darauf aufmerksam, dass ihnen überdies Rückzugsmöglichkeiten verloren gehen, also soziale Räume, in denen Männlichkeiten noch unhinterfragt bleiben. Es entstehen neue Verletzlichkeiten.

Sie sagen Verletzlichkeit. Oft hört man ja, der Feminismus habe dazu geführt, dass heute der Mann das benachteiligte Geschlecht sei. Was sagen Sie dazu?
In keiner Weise. Vor allem in machtvollen Bereichen wie Politik und Arbeit haben die Männer immer noch das Sagen, wobei auch hier die traditionellen, hegemonialen Männlichkeiten über neue und alternative Männlichkeiten dominieren.

Eine Grundfrage Ihrer Vorlesungsreihe ist, wie Männlichkeitsbilder die Wissensproduktion beeinflussen. Was lässt sich dazu sagen?
In der Pädagogik, der Ökonomie, der Informatik und vielen weiteren Disziplinen wurde der Untersuchungsgegenstand Mensch immer als männlicher Mensch gedacht. Das führte dazu, dass Fragen nicht gestellt wurden, dass blinde Flecken entstanden. In der Medizin ist man sich schon länger bewusst, dass der Unterschied zwischen Männern und Frauen berücksichtigt werden muss. So haben Männer und Frauen beispielsweise bei Herzinfarkten unterschiedliche Symptome. Auch ihr Gesundheitsverhalten unterscheidet sich. Die Unterschiede der heutigen Lebenserwartung von Männern und Frauen sind nicht genetisch bedingt, sondern lassen sich insbesondere auf soziale Faktoren zurückführen. Hier ist es also wichtig, genau nach den Ursachen für Geschlechtsunterschiede zu fragen, um Fehler zu vermeiden. Und es ist auch wichtig, an diese Fragen interdisziplinär heranzugehen.

Aber wenn der Nutzen so offensichtlich ist, warum finden sich dann nicht viel mehr Männer, die auf diesen Gebieten forschen?
Es war tatsächlich sehr schwierig, Referenten zu finden, insbesondere in männlich geprägten Fachgebieten wie den Ingenieurswissenschaften. Kommt hinzu, dass die Diskussionen meist sofort politisiert werden. Man kann kaum ein Wort sagen, ohne sofort einem Lager zugeordnet zu werden. Der politische Kampf entlang der Geschlechterfrage verhindert oft eine differenzierte Auseinandersetzung. Aber erst wenn auch Männer wahrnehmen, dass es zwischen ihnen Ungeklärtes gibt, Interessenskonflikte und Benachteiligungen, wenn Männer miteinander ins Gespräch kommen und diese Konfliktlinien herausarbeiten, dann erst kommt etwas in Bewegung.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 28.02.2013, 14:55 Uhr

Brigitte Liebig ist Präsidentin der Leitungsgruppe des Nationalen Forschungsprogramms «Gleichstellung der Geschlechter» (NFP 60) des Schweizerischen Nationalfonds und hat die Ringvorlesung «Der Mann – eine interdisziplinäre Herausforderung» mit-organisiert.

Der Mann. Eine interdisziplinäre Herausforderung

Die Veranstaltungsreihe stellt das Männerbild verschiedener Wissenschaftsdisziplinen ins Zentrum. Dabei wird der Frage nachgegangen, welche Konzepte vom Mann bzw. dem Männlichen in den unterschiedlichen Disziplinen wie Biologie, Neuropsychologie, Jurisprudenz, Sport- und Medienwissenschaften, Linguistik, Ökonomie oder Ingenieurwissenschaften zum Tragen kommen und welche wissenschaftlichen Erkenntnisse über den Mann bzw. das Männliche sich in den einzelnen Disziplinen etablieren konnten.


28.2.2013
«Natürlich» gibt es (k)ein Geschlecht – der Mann aus biologischer Perspektive
Referent: Dr. med. Jürg C. Streuli, Universität Zürich
Co-Referent: Dr. med. David Garcia, Universitätsspital Zürich

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