Mannequin aus Notwehr

Sie war Deutschlands erstes Supermodel: In den 60er-Jahren wurde Vera Gräfin von Lehndorff, genannt «Veruschka», zur Kultfigur. Jetzt blickt sie in einer Autobiografie auf ihr Leben zurück.

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«O Gott! Was ist denn das? Von uns kann das nicht sein!», rief ihr Vater Heinrich Graf von Lehndorff nach ihrer Geburt. Ein hässliches Kind mit merkwürdigen Proportionen war da auf Schloss Steinort in Ostpreussen zur Welt gekommen – und niemand ahnte, dass aus dieser Vera in den 60er-Jahren eines der ersten Supermodels werden sollte, um das sich alle rissen. Mit ausgestrecktem rechten Arm habe sie den Leib ihrer Mutter verlassen. Welch ein Horrorsymbol im Jahr 1939!

In Veruschkas Biografie hat diese Szene anekdotische Qualität, aber sie sollte ihr weiteres Leben bestimmen, das aus vielen Höhen, aber auch aus tiefen Krisen bestand. «Sieh an, schon mein Vater hat mich hässlich empfunden. Also muss ja was dran sein», schreibt sie. Fünf Jahre war sie alt, als ihr Vater von den Nazis hingerichtet wurde, weil er am Attentat auf Hitler beteiligt war. In ein Kinderheim im Harz verschleppt, begann für sie eine Zeit der Angst und psychischen Blessuren, die auch nicht endete, als sie nach dem Krieg wieder mit ihrer Mutter und ihren drei Schwestern vereint war.

Schlechtes Blut in der Dynastie

Die Mutter, vom Tod des Mannes und den vier kleinen Kindern überfordert, war labil, man zog von Ort zu Ort, und Vera wechselte immer wieder die Schule, weil sich nirgendwo eine Heimat auftat. Die alte hatte man in Masuren lassen müssen, und die Adligen im Westen, die ihren Besitz im Osten nicht verloren hatten, waren keine Stütze, zum Beispiel die Bismarcks. «Es wäre ein Leichtes gewesen, uns zu helfen», schreibt Veruschka, «aber meine Mutter wurde gemieden, weil man ihren Mann lange Zeit als Verräter betrachtete.» Auch Marion Gräfin Dönhoff habe ihre Mutter Gottliebe nicht gemocht und über sie gesagt, dass sie «schlechtes Blut» in die Lehndorffsche Dynastie gebracht habe – damit waren offensichtlich die Depressionen gemeint, welche die Mutter immer wieder einholten.

Die Rückblicke auf diese frühen Jahre sind die traurigsten, aber auch die stärksten Passagen im Buch, das über weite Strecken als Interview aufgebaut ist. Eine etwas unglückliche Form, denn die Fragen sind oft viel zu lang und die Dialoge wirken sperrig. Doch die Biografie allein zu schreiben, habe sie sich nicht zugetraut und ihr Leben einem Ghostwriter anvertrauen, das wollte sie nicht. Zu oft war sie Objekt und nicht handelndes Subjekt gewesen.

Die lebenslange Beschäftigung mit dem doppelten Ich begann bereits in der Pubertät, als Vera merkte, dass sie Aufmerksamkeit erregte: «Als Kind wollte ich sein wie alle, aber ich war zu gross und zu dürr. Bis ich mir eines Tages einredete, ich sei schön, und dann war ich es auch.» Ein Model aus Notwehr. Sie liess sich sogar die Zehen kürzen, um von Schuhgrösse 45 auf 43 zu kommen. Im Oktober 1964 war «Veruschka» – das tönte wilder und fremder als Vera – dann das erste Mal auf dem Cover der amerikanischen «Vogue» zu sehen. Sie lebte in New York, in Paris, wurde hunderttausendfach fotografiert und verdiente 10 000 Dollar pro Tag. Alle wollten sich mit ihr schmücken – Peter Fonda, Helmut Newton, Warhol, Dalí. Ihre Rolle in Michelangelo Antonionis Kultfilm «Blow-up» (1966) katapultierte das Mädchen mit den staksigen Beinen, dem grossen Mund und dem abwesenden Blick endgültig in ungeahnte, aber auch unheimliche Sphären.

«Meine Arbeit führte langsam zum Selbstverlust», erinnert sie sich heute. Auf psychische Krisen folgten Klinikaufenthalte, mehrmals versuchte sie, sich das Leben zu nehmen. Kurz vor ihrem 35. Geburtstag stürzte sie sich in Griechenland von einem Felsen. Doch sie fiel wie eine Katze wieder auf die Füsse. Was blieb, war eine Narbe am Kinn: «Sehr interessant», habe Salvador Dalí gesagt, als sie ihm das erste Mal gegenübergesessen habe.

Nur ein paar Joints

Ein wildes Partygirl sei sie nie gewesen, nur ein paar Joints, sonst nichts. «Mich hat die Beschäftigung mit der Kunst gerettet», sagt sie. Sie nahm stärker Einfluss auf ihre Bilder, verfremdete, transformierte und verwandelte sich mit Körperbemalungen, verschwand und tauchte wieder auf. Ein Spiel, das sie nicht zuletzt wegen ihrer traumatischen Kindheit bis ins Letzte beherrschte.

72 Jahre ist sie jetzt, ihr Mund ist immer noch riesig. Bei Auftritten schlingt sie sich ein breites Band um den Kopf, damit man ihre dünnen grauen Haare nicht sieht – schön sein will sie immer noch. Seit sechs Jahren lebt sie nun in Berlin, dort, wo ihr Vater einst hingerichtet wurde. Sie wohnt allein, mit zwei Katzen, in Berlin ist das günstiger als anderswo. Geld hat sie damals nicht zurückgelegt, das hat sie nie interessiert.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 27.10.2011, 07:54 Uhr

Jörn Jacob Rohwer/Vera Lehndorff: «Veruschka – mein Leben». DuMont-Verlag, ISBN: 978-3-832-195533

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