Marcel Reich-Ranicki, ein Profi und ein Liebender

Er hat den deutschen Literaturbetrieb als Kritiker während Jahrzehnten geprägt. Morgen wird Marcel Reich-Ranicki 90 Jahre alt – und liest keine Romane mehr.

Auch ein Literaturkritiker ist letztlich nur ein Journalist: Marcel Reich-Ranicki  hat das früh begriffen.

Auch ein Literaturkritiker ist letztlich nur ein Journalist: Marcel Reich-Ranicki hat das früh begriffen. Bild: Keystone

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Geliebt wurde er nie. Gefürchtet wird er nicht mehr. Er ist nun 90 Jahre alt – und liest keine Romane mehr. Und schreibt also keine Kritiken darüber.

Und respektiert? Obwohl überhäuft mit Ehrungen und neun Doktortiteln, hat der mächtigste Kritiker der Literaturgeschichte seine Feinde nicht verloren. Noch immer rümpfen die Leute aus der Literaturbranche die Nase, wenn sein Name fällt.

Ein zweifelhafter Verbündeter

Auch das grosse Publikum, das er immer unterhielt, ist ein zweifelhafter Verbündeter. Als er bei seinem letzten grossen Auftritt wegen «der abscheulichen Gala» und des dort gesagten «Blödsinns» den Fernsehpreis für sein Lebenswerk ablehnte, lachten die Leute: Sie hielten seine Abscheu zunächst für einen Witz.

Längst ist die öffentliche Figur dieses Kritikers noch berühmter als sein Werk: die Glatze, das rollende Rrrr, der dozierbereite Zeigefinger, die Qual in seinem Gesicht, wenn andere reden.

Auch ein Literaturkritiker ist letztlich nur ein Journalist. Und das Alter trifft grausam alle, die für den Tag schreiben. Marcel Reich-Ranicki beschrieb das einmal mit einem Wort nach Schiller: «Die Nachwelt flicht dem Kritiker keine Kränze.» Und brutaler noch mit einem Zitat von Rilke: «Wir ordnen’s. Es zerfällt. Wir ordnen’s wieder und zerfallen selbst.»

Seine Show

Woher das Misstrauen, die Lacher, der Hass gegen ihn? In den Interviews heute gleicht Marcel Reich-Ranicki einem Bildungsbürger aus dem Bilderbuch: Ein wacher, eitler, aber wegen seiner Bücherwand eher harmloser Herr voller Monologe und Zitate.

Dieses Bild täuscht: Reich-Ranicki und die Literatur – daran ist nichts Harmloses. Das ist zum einen die Geschichte einer Liebe – buchstäblich auf Leben und Tod. Aber auch jene eines entschlossenen Profis: eines der frechsten und erfindungsreichsten Journalisten deutscher Zunge. Wie gelungen seine Kühnheiten waren, bemerkt man daran, dass man sie kaum mehr bemerkt. Sie haben sich weitgehend durchgesetzt.

Klarheit für die Leser

Reich-Ranicki hat, so systematisch wie keiner vor ihm, per Kritik Literatur auf den Markt gebracht. In den Nachkriegs-Feuilletons, die traditionell gerne mit dem Rücken zum Publikum geschrieben wurden (oft schwerfällig, kompliziert, abgewogen), brachte er einen neuen Stil: den der Klarheit für die Leser. Seine Kritiken lieferten skrupellos Sensationen, Witze, klare Formeln, direkte Urteile. Zeitgenössische Autoren mussten auf alles gefasst sein: auf vernichtende Verrisse oder verliebtes Lob – und die Klassiker brachte er dem Publikum mit einem bewährten Mittel nah: mit Anekdoten aus ihren Liebesgeschichten, ihrem Alltag und ihren Eitelkeiten. «Das Ziel der Kritik ist Deutlichkeit», schrieb Reich-Ranicki und berief sich auf Fontane: «Man soll sagen, was Gold ist – und was Blech.»

Um das Publikum in Spannung zu versetzen, war ihm jede Inszenierung recht: Er erfand eine Arena, in der vor den TV-Kameras die Autoren einzeln einer Kritikerrunde vorgeworfen wurden wie ein Christ den Löwen – der Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb.

Das «Literarische Quartett»

Er erfand eine neue Talkshow, in der die Löwen gar keinen Christen mehr brauchten, um sich gegenseitig zu balgen: das «Literarische Quartett».

Der Star dabei war immer auch Reich-Ranicki selbst. Als Scharfrichter oder Schwärmer auf dem Papier. Als dramatischer Kritiker beim Bachmann-Wettbewerb. (Wenn jemand ihm das Drama stahl, wie etwa, als sich der Schriftsteller Reinald Goetz mitten in der Lesung mit einer Rasierklinge die Stirn aufschnitt, sagte Reich-Ranicki knapp: «Der Mann ist Mediziner – er weiss, was er tut.») Und im «Literarischen Quartett» erfand er etwas in der Talkshow-Geschichte völlig Neues: die Doppelrolle als Moderator und Hauptredner.

«Er war von Anfang an ein Mann des Showbusiness», ärgerte sich der Dichter Peter Handke. Doch was Handke am meisten ärgerte: Nichts verkaufte zuverlässiger Bücher als eine Kritik oder eine Show von Reich-Ranicki.

Sein Stil

Reich-Ranickis ungeheurer Aufstieg beruht darauf, dass er ein Profi ist. Von Anfang an begriff er, wie man im Journalismus schreiben muss. Er hat einen perfekten Zeitungsstil, der konsequent zwei Dinge verbindet: Klarheit mit Überraschung. Und Didaktik mit Bonbons. Die Klarheit schafft Reich-Ranicki dadurch, dass er praktisch alles zweimal sagt. So gut wie alles in seinen Texten hält Händchen: Es wird überall «gerühmt und gefeiert», «verkannt und verleumdet», es fallen «Bekenntnisse und Geständnisse», und es geht um «Erniedrigte und Beleidigte».

Diese erstaunlich elegante Händchenhalterei – Reich-Ranickis Lieblingsmanie – gibt seinem Stil eine schnelle Lesbarkeit. Während der direkte, scharfe Kontrast das Gewürz abgibt: «Was er zu sagen hatte, war immer klar», schrieb er etwa über Erich Kästner. «Also vermisste man die Tiefe. Er war witzig. Also nahm man ihn nicht ganz ernst.» Nach diesem Rezept bastelt Reich-Ranicki auch effektvolle Markenzeichen für einen Autor: So ist Kästner etwa «der hoffnungsvollste Pessimist» und der «amüsanteste Schulmeister der deutschen Literatur».

Opfer seines Weltruhms

Es sind dieselben Kontraste, aus denen Reich-Ranicki auch den Plot seiner Porträts mischt: Der Erfolgsautor Feuchtwanger ist ein Opfer seines Weltruhms, der über «Seelenspeise» redende Dichter Hesse ein skrupelloser Geschäftsmann, der steife Thomas Mann auch der effizienteste Saboteur seines Denkmals.

Bei Verrissen gerade seiner Lieblingsautoren hingegen schreibt Reich-Ranicki oft wie ein Chirurg – direkt, ohne Narkose: «Ein belangloser, ein schlechter, ein miserabler Roman. Es lohnt sich nicht, auch nur eine einzige Seite dieses Buches zu lesen. Lohnt es sich, darüber zu schreiben? Ja, aber bloss deshalb, weil es von Martin Walser stammt.»

Guten Zitaten, guten Pointen, teuren wie billigen, wird dabei nie aus dem Weg gegangen. Typisch etwa das Ende eines Horváth-Poträts. Zuvor wird gewarnt, den leichtlebigen Dramatiker Horváth als allzu verbissenen Dichter oder gar Gottsucher zu sehen. Horváths Stärke seien eher seine Figuren gewesen – vor allem die Frauenfiguren. Der Artikel endet dann wie folgt: «Und so mag ein Faktum im Zusammenhang mit seinem Tod gleichnishaft erscheinen. Nein, ich meine nicht jenen im Gewitter hinabfallenden Ast, der ihn am 1. Juni 1938 in Paris getötet hat. Ein anderer, ein geringfügiger Umstand kommt mir hier symbolisch vor: In der Manteltasche Horváths (…) fand man weder die Bibel noch einen Gedichtband. Man fand dort ein Päckchen Aktfotos.»

Seine Liebe

Das klingt nach einem Formel-Stil – und zum Teil ist es das auch. Aber das trifft die Sache nur zur Hälfte. Die andere Hälfte ist die Dringlichkeit seiner Texte. Hier bestreitet jemand nicht nur seinen Lebensunterhalt, hier kämpft jemand um sein Leben.

Nie hat Reich-Ranicki sein Verhältnis zur Literatur anders beschrieben als mit dem Wort Liebe. Tatsächlich ist es eine Liebe auf Leben und Tod.

Als er kurz nach dem Abitur im Herbst 1938 von Deutschland nach Polen ausgewiesen wurde, hatte er nur ein Buch in der Tasche – «Madame Bovary» –, aber schon halbe Bibliotheken gelesen. Der wichtigste Entschluss seines Lebens war schon gefasst. Als Sohn einer weichen, weltfremden Mutter, die er liebte, und eines weichen, weltfremden Vaters, von dem die Mutter sagte: «Wenn er einmal Särge verkauft, werden die Leute aufhören zu sterben», hatte er einen Entschluss gefasst: «sich durchzusetzen». Und im Berlin der Dreissigerjahre fasste er einen zweiten Entschluss: Dass er deutsche Literatur, deutsche Musik, deutsches Theater liebte, egal was die Nazis taten.

Chefübersetzer des Judenrats

1939 überfiel Deutschland Polen – und riegelte in Warschau einen Stadtteil für das jüdische Ghetto ab. Reich-Ranicki schaffte es mit knapp 20, Chefübersetzer des Judenrats zu werden. Seine spätere Frau Tosia lernte er 1940 an dem Abend kennen, als ihr Vater, der Fabrikant Langnas, sich mit einem Gürtel aufgehängt hatte. Er heiratete sie an dem Tag, als die Deutschen im Juli 1942 die Räumung des Ghettos befahlen und sich Reich-Ranickis Chef, der Vorsitzende des Judenrats, mit Zyankali vergiftete. Er hinterliess eine knappe Notiz an seine Frau: «Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen die Kinder meines Volkes umzubringen. Mir blieb nichts anderes übrig, als zu sterben.»

Die Deutschen fingen an, mit Güterzügen das Ghetto zu leeren: Über eine Million Menschen wurden ins nahe Treblinka gefahren, wo drei Gaskammern standen. Darunter waren Reich-Ranickis Vater, Mutter und Bruder.

Er floh mit seiner Frau 1943 ohne Geld, Pass, Ziel vor dem sicheren Tod. Ein Pole, der sie ausraubte, gab sie an seinen Bruder weiter. Der sagte: «Es wäre doch schön, wenn Sie bei uns diesen schlimmen Krieg überleben würden.» Zwei Jahre lebte das Ehepaar in einem Erdloch und arbeitete nachts für die beiden Polen. Irgendwann entdeckte Reich-Ranicki, dass er seine Gastgeber grosszügig stimmen konnte, wenn er Geschichten erzählte. So erzählte er die Weltliteratur, die Russen, die Franzosen, Deutschen, auf Spannung zugeschnitten für eine oder zwei Mohrrüben.

Sein Aufstieg

Reich-Ranicki ist ein eitler Mann, sicher. Aber sein Leben hat ihn zu einem Profi der Demütigungen gemacht. Der Bankrott des Vaters. Die Schikanen und die Todesangst im Ghetto. Das Ausgeliefertsein im Erdloch.

Er fand sofort Arbeit und wurde schnell Starkritiker der «Zeit». Er zog nach Hamburg – aber in der Redaktion wollte ihn niemand sehen (so erinnert er sich). Als er ein dringendes Manuskript persönlich vorbeibrachte, sagte man ihm: «Das nächste Mal schicken wir einen Fahrer, der es abholt.»

Fünfzehn Jahre sah er wenig mehr als seine Frau, das Telefon und den Schreibtisch. (Er arbeitete dort stets nur in Anzug und Krawatte – aus Respekt vor der Literatur.)

Stil ist eine Waffe. In seinem vielleicht grössten Wagnis, der Autobiografie «Mein Leben», findet sich nicht mehr der rhetorisch auftrumpfende Stil seiner Kritiken. Er ist nüchtern, unheroisch und untriumphal. Das letzte Kapitel ist eine Liebeserklärung an seine Frau. Bezeichnenderweise macht er diese durch ein Zitat: mit zwei Zeilen von Hofmannsthal.

Seine Macht

Die vorletzten Kapitel widmet er zwei geplatzten Freundschaften: dem Literaten Walter Jens, dessen Sohn einen Film mit der unbewiesenen These drehte, Reich-Ranicki habe 1947 als polnischer Konsul in London Exilpolen zurückgelockt, direkt in den Tod. Die andere seinem Förderer, dem FAZ-Herausgeber und Hitler-Biografen Joachim Fest, der in der FAZ die Theorie veröffentlichen liess, der deutsche Mord an den Juden sei nur eine Reaktion auf den Terror Stalins gewesen.

Zu den Autoren, die das produzieren, was er liebt, die Literatur, fällt ihm eigentlich nur immer dieselbe Anekdote ein: Sie schätzen ihn, wenn er ihr letztes Buch lobt. Und schneiden ihn, wenn er es verreisst. Die einzige Ausnahme erfährt man von Heinrich Böll. Dieser raunte ihm nach einem Verriss «Arschloch!» ins Ohr und umarmte ihn.

Reich-Ranicki hingegen beruft sich auf Heinrich Heine, der sagte, für die Juden sei die Bibel das «portative Vaterland». Für ihn, der nie an die Bibel glaubte, ist es die deutsche Literatur.

Erstellt: 31.05.2010, 20:42 Uhr

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