Martin Walser schreibt und schreibt und schreibt

In seinem neuen Buch erfindet der 92-jährige Schriftsteller eine Heiligenlegende. Auf der Grundlage eines alten Tagebuchs.

Im neuen Buch frönt Martin Walser seiner Aphorismen-Leidenschaft wie noch nie.  Foto: Maurice Haas (13 Photo)

Im neuen Buch frönt Martin Walser seiner Aphorismen-Leidenschaft wie noch nie. Foto: Maurice Haas (13 Photo)

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Sirte heisst eigentlich Gerlinde, auch ihre ältere Schwester Karla hat sich umgetauft, in Zeralda. Auf Besonderheit haben es beide Mädchen abgesehen, allerdings auf unterschiedliche Weise. Karla-Zeralda malt und fährt ihrer Schwester gern mit harschen Worten über den Mund. Sirte-Gerlinde liest und schreibt, und immer wieder verschwindet sie für etliche Zeit aus dem Elternhaus. Ihr Vater Ludwig Zürn aber, der mit Immobilien zu tun hat und insgeheim dichtet, arbeitet an der Heraushebung Sirtes nicht nur aus der Familie, sondern aus der Masse aller gewöhnlichen Menschen: Er betreibt ihre Heiligsprechung.

Dabei soll ihm der in der Einliegerwohnung des Zürn’schen Hauses einquartierte Anton Schweiger, Lehrer für Deutsch und Erdkunde, behilflich sein: Er soll die Angelegenheit bei den entsprechenden kirchlichen Gremien vorbringen und befördern, und er ist dafür auch genau der Richtige, denn Anton ist Sirte, der Schönheit ihrer dunklen Augen wie ihres Halses wegen, rettungslos verfallen.

Wo Seltsames ist, soll Heiligkeit werden

Was Martin Walser hier nach Tagebuchaufzeichnungen aus dem Jahr 1961 auf nur gut 90 Seiten zusammenbringt und der Gattung «Legende» zuordnet, kommt altgedienten Walser-Lesern in vieler Hinsicht bekannt vor: «Mädchenleben oder Die Heiligsprechung» ist ein weiteres Buch aus dem Zürn-Komplex. 1979 stand im Roman «Seelenarbeit» zunächst der Chauffeur Xaver Zürn im Zentrum, danach, von seinem ersten Erscheinen in «Das Schwanenhaus» (1980) über «Die Jagd» (1988) bis hin zu «Der Augenblick der Liebe» (2004), spielte der wenig erfolgreiche Immobilienmakler Gottlieb Zürn die Hauptrolle. Eine Ehefrau, zwei Töchter und ein Lehrer als Untermieter waren jeweils mit von der Partie.

Jetzt allerdings werden die Vorkommnisse aufs Übersinnliche hin zugespitzt: Wo Seltsames ist, soll Heiligkeit werden. Und da Anton Schweiger, glühend vor Verehrung für Sirte, als Ich-Erzähler fungiert, deutet alles auf deren göttliche Inspiration hin. Auch das Mädchen selbst arbeitet schliesslich aktiv am Heiligsprechungsprojekt mit. Für dessen Erfolg muss sie ja Wunder wirken. Dass sie dem Raben Chlodrian das Sprechen beibringt, ist schon mal ein guter Anfang. Noch viel besser aber, dass er eines Nachmittags im Familienkreis den Choral «Grosser Gott, wir loben dich» zu Gehör bringt.

Obwohl Lehrer Schweiger der Meinung ist, das eigentliche Wunder sei Sirte selbst, kommt es ihm für seine Beweisführung vor der Kirchenkommission sehr gelegen, dass ihr im nächsten Schritt sogar eine Kombination aus Martyrium und Wunder gelingt. Von einer Frau, deren trunksüchtiger Mann sie jeden Tag schlägt, wird Sirte dem Schläger zugeführt. Nun lässt sie sich monatelang durchprügeln – bis dem Trunkenbold mit Namen Ludwig Proll die Lust am Trinken und Schlagen schwindet und er das Mädchen in einem Brief beschwört: «Hören Sie auf, sich täglich prügeln zu lassen. Dann höre ich sofort auf zu trinken.»

Hässliche Dinge begeben sich in diesem Buch, etwa wenn sich Vater Zürn Kuhfladen ins Gesicht schmiert, oder er seine Frau «des öfteren» vergewaltigt. 

Tatsächlich beendet Proll seine Trinkerei. Anton Schweiger: «Ich versuchte, ihr vorsichtig zu erklären, dass sie etwas bewirkt habe, was man ein Wunder nennen dürfe. Sie schüttelte den Kopf. Sie will kein Wunder, sie will einen Sinn für ihr Dasein.» Und zum «Postulator» der Kirchenkommission: «Da an dem Wunder kein Zweifel möglich ist, dürfen wir hoffen.»

Noch andere seltsame, auch hässliche Dinge begeben sich in diesem Buch, etwa wenn sich Vater Zürn Kuhfladen ins Gesicht schmiert, er seine Frau plötzlich schlägt oder sie «des öfteren» vergewaltigt. Kurzzeitig lustig wird es dagegen, wenn Ärzte Sirtes Zustände diagnostizieren und einer von einer «schizophrenen Psychose» spricht, der Zahnarzt alles auf einen falsch behandelten Schneidezahn zurückführt und ein «Facharzt» schliesslich befindet: «Keine Heiligsprechung. Es handelt sich lediglich um eine Anorexia mentalis et nervosa.»

Seite um Seite Sinnsprüche

Was das Mädchen ganz gewiss befallen hat, weiss wiederum der Leser: eine Aphorismen-Lust und -Sucht, die sich früher in Walsers «Messmer»-Bänden niederschlugen, aber auch mehr und mehr in den erzählenden Büchern. Hier nun füllen Sinnsprüche in Gestalt von Sirtes Tagebuchnotaten Seite um Seite: «Wir, Gott und ich, sind alles, was es gibt. Der Himmel ist die Wiese, auf der wir weiden. Gott und ich sind die Welt», und immer so weiter.

Bevor eine Entscheidung in der Frage der Heiligsprechung gefallen ist, endet das Buch. Und eigentlich bleibt danach nur eine Frage offen: Weshalb weder der «Postulator» noch die zuständige Kommission den Antragstellern mitgeteilt haben, dass die Heilige zur Heiligsprechung schon eine Weile tot sein müsste. Da dies der sinnsuchenden Sirte aber offenkundig fernliegt, fehlt Walsers Legende das lehrreiche, das Wirken Gottes bekräftigende, die Gläubigen erhebende Ende. «Ich bin ein Fleck, der trocknet», lautet des Mädchens letzter Eintrag. «Ich werde gewesen sein.» Nicht anders als all wir Unheiligen auch.


Martin Walser: Mädchenleben oder Die Heiligsprechung. Legende. Rowohlt, Hamburg 2019. 94 S., ca. 22 Fr..

Erstellt: 10.12.2019, 06:03 Uhr

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