Mehr als ein Coup de Foudre

Wie aus «zwein ‹wir beide›» wurden – und dann wieder zwei: Kurt Tucholskys grosse Liebe, geschildert vom grandiosen Tucholsky-Experten Fritz J. Raddatz.

Mary «Mätzchen» Tucholsky, Selbstporträt um 1925, aus dem besprochenen Band.

Mary «Mätzchen» Tucholsky, Selbstporträt um 1925, aus dem besprochenen Band.

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«Ein aufgehörter Deutscher» und «ein aufgehörter Schriftsteller»: So unterschrieb er Anfang der Dreissigerjahre seine Briefe. Doch genau dies, ein «Aufgehörter», war Kurt Tucholsky nie, auch dann nicht, als er staatenlos in Schweden lebte und keine Zeile mehr publizierte. Gerade dass er so sehr litt an dem Land, aus dem er gekommen war, und gerade dass er so bitter enttäuscht war von der Wirkungslosigkeit der Feder, die er geführt hatte wie ein Fechter und Verliebter, zeugt davon, dass er nicht wirklich aufhören konnte; zeigt, wie sehr sie ihn ausmachte, die Liebe zur Heimat und die zur Arbeit. Was ihm blieb, war die Liebe zu den Frauen und, ganz am Schluss, die Liebe zu der einen, die er in der Hand gehabt hatte «wie einen Goldklumpen», die er betört, an sich gebunden und dann doch betrogen und verschmäht hatte.

Deutschland verbrannte seine Bücher, nahm ihm seine Staatsbürgerschaft und seine Kraft, sperrte seinen Freund, den «Weltbühne»-Chef Carl von Ossietzky, ein. Aber auch wenn der Schriftsteller und Journalist, der geschmeidige Verseschmied und unbestechliche Politbeobachter kurz vor seinem Tod formulierte, dass ihn das alles nichts mehr angehe, so konnte er doch nicht die Augen verschliessen vor den deutschen Verhältnissen. Und es gab einen Menschen dort, dem er immer noch Briefe schrieb, auch diesen letzten, obwohl er grundsätzlich alle ablehnte, die es in Deutschland aushielten: Mary Gerold.

Seine zweite (Ex-)Frau war für Kurt Tucholsky der Hafen, in dem er nie lang ankerte, zu dem er aber stets zurückfuhr. «Wenn zur echten Liebe» gehört, «dass sie währt , immer wieder kommt –: dann hat (er) nur einmal in seinem Leben geliebt», heisst es im Abschiedsdokument, das die Forschung lang als Ankündigung von Tucholskys Suizid verstand. Heute gilt nicht mehr als gesichert, dass der Autor absichtlich die Überdosis schluckte, die am 21. Dezember, vor genau 75 Jahren, zu seinem Tod führte. Unbestritten ist jedoch seine – wenn auch verkorkste – Anhänglichkeit an Mary Gerold. Sie, mit der er schon vor der Scheidung 1933 nicht mehr zusammenlebte, wurde seine Alleinerbin.

Wie diese Beziehung entstand und welche Rolle sie im Leben des sexsüchtigen Frauenverführers spielte, hat nun der grosse Tucholsky-Kenner Fritz J. Raddatz in einem bebilderten Band geschildert. «Tucholsky – Eine biographische Momentaufnahme» titelt das Büchlein überraschend bescheiden: Es ist durchaus mehr als eine «Momentaufnahme»! Die von der Forschung oft links liegen gelassene Begegnung zwischen Tucholsky und Mary Gerold im November 1917 übersteigt, wie Raddatz belegt, den postpubertären Coup de Foudre; es ist der Beginn seiner wohl einzig wirklich vertrauensvollen Partnerschaft mit einer Frau. Nur mit ihr habe er sich, so Raddatz, auch über die Arbeit ausgetauscht. So rollt Raddatz entlang dieser Liebe Leben und Werk des kritischen Kopfes, der so wunderschöne Liebesgeschichten wie «Schloss Gripsholm» verfasste, mit leichter Hand noch einmal auf.

Sehnsüchtige Seufzer

Erst sieht man Tucholsky – später glühender Pazifist, der für seinen berühmtberüchtigten Satz «Soldaten sind Mörder» juristisch verfolgt wurde – den 1. Weltkrieg aussitzen, Kriegsanleihen propagieren, eine Offizierspension beziehen. Er geht als Kompanieschreiber nach Alt-Autz, trifft dort die 19-jährige, blonde, (nur) anfangs abweisende Baltin Mary, die in der Kassenverwaltung arbeitet. Daheim in Berlin hat der 27-jährige bereits eine Verlobte und eine Geliebte dazu. Zurück vom Krieg, schreibt er wieder fleissig für die «Schaubühne», die sich 1918 in «Weltbühne» umtauft. Er schickt sehnsüchtige Seufzer an Mary; aber als sein «Mätzchen» tatsächlich nach Berlin kommt, setzt sein Fluchtreflex ein. Er heiratet die Geliebte Else – die in Auschwitz vergast werden wird; doch als Else von den Faxen und Affären ihres «Dickerchens» genug hat, lässt sich die immer treue Mary trotzdem auf das Wagnis einer Ehe mit ihrem «Nungo» ein.

Raddatz führt uns an der Hand dieser Beatrice aus Riga in raschen Schritten durchs Tucholsky-Universum: Da gibts Passagen aus den kindlichen Liebesbriefen und aus dem öffentlichen Literatenstreit zwischen Karl Kraus und der «Weltbühne» Tucholskys und Siegfried Jacobsohns (Tucholskys Mentor, der 1926 starb). Das Buch zeichnet Tucholskys Verhältnis zum Judentum nach (er war zum Christentum konvertiert) und zu den linken Parteien. Und es endet am Pult des einsamen «Nungo»; ein knapper, aber kluger Blick auf Kurt Tucholsky, den nie aufgehörten Liebenden.

Erstellt: 21.12.2010, 07:52 Uhr

Das Buch

Fritz J. Raddatz: Tucholsky. Herder. 144 Seiten, ca. 21 Fr.

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