Mein drittes Auge (5)

Watsky sucht den Kommunismus in Kerala und landet als VIP beim Cricket: Folge 23 der Storys von US-Autor George Watsky – vorab bei uns.

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Aber was mich vollends aus der Konzentration brachte, war das langsame Tröpfeln des heissen Öls mitten auf meine Stirn. Ein wichtiges Ziel bei der ayurvedischen Massage besteht offenbar darin, das dritte Auge zu erwecken, und zwar durch einen stetigen Strom warmen Öls auf den Punkt zwischen den Augenbrauen. Das sollte mir wohl helfen, meinen inneren Frieden zu finden, sorgte jedoch für das Gegenteil. Ich habe nämlich eine besondere Beziehung zu diesem Bereich meines Gesichts.

Als Jugendlicher war ich nicht sonderlich von Akne geplagt. Ab und zu hatte ich ein paar kleine Pickel im Mundwinkel, aber meine einzige echte Problemzone war genau dort, in der Mitte unter meiner seidig blonden Monobraue. In der neunten Klasse, einem Alter, in dem man diese schlimmen Eiterpickel ja um jeden Preis verhindern will, konnte ich jeweils förmlich spüren, wie sich die verdächtige rötliche Beule bildete. Ein paar Tage lang blieb ich standhaft. Doch früher oder später juckte es mich in den Fingern. Die Versuchung, einzugreifen?.?.?. die leise Stimme.?.?.? Drück ihn aus. Erlöse ihn.

So spielte es sich wieder und wieder ab, mit der verdammten Vorhersehbarkeit, die Marx dem revolutionären Zyklus zuschrieb. Der Pickel liess sich nicht ausdrücken, also versuchte ich, mit dem Fingernagel ein wenig tiefer zu graben. Dann folgten unvermeidlich der Schorf, das Abkratzen des Schorfs und der verzweifelte Versuch, die offene Wunde mit Moms Make-up abzudecken, während sich schon der nächste Pickel darunter regte. Genau in der Mitte meines Gesichts.

Und mal wieder stand ich, karlmarxmanship, in der Behindertentoilette neben der Bibliothek, der einzigen, die sich von innen abschliessen liess, und versuchte verzweifelt, geklaute rosa Foundation auf die Krater meiner geschundenen Haut zu schmieren.

Nachdem ich getan hatte, was ich konnte, schlich ich mich zurück in den Geschichtsunterricht und philosophierte über die Subtilitäten des Klassenkampfs. Als der Masseur das Öl auf die Stelle goss, von der ich meine ganze Jugend über verzweifelt jegliches Fett fernzuhalten versucht hatte, floss der offene Hahn auf meiner Stirn auf einmal andersherum, und sofort strömten auch meine grössten Unsicherheiten zusammen und drohten, mir aus den Poren zu sickern.

Ich versuchte, meinen Geist zu beruhigen, aber meine Gedanken flipperten in alle Richtungen: das unaufhörliche Wummern der Psytrance-Bass-Drum. Die Bettler von Goa. Die Masala Dosa bei IDLI.COM. Meine entblössten Beine und das Gefühl von Nacktheit im Sportun­terricht. Mein magerer Körper hier auf der Massageliege, mit Lendenschurz, fast ein bisschen, durchzuckte es mich, wie Gandhi.

Da dachte ich lieber schnell an die kobaltblauen Sonnenschirme von Mumbais exklusivem Breach Candy Club, unter denen wir gelegen und Momos und Nimbu Panis serviert bekommen hatten, während der Schatten der Sonnenschirme langsam über das Gras wanderte.

Doch auf einmal legte sich ein monströser Schatten auf uns, der des noch von Baugerüsten umschlossenen JK House, eines dreissigstöckigen Luxuswolkenkratzers mit Fitnessstudio, Hubschrauberlandeplatz, zwei privaten Swimmingpools und vier riesigen Terrassen, von denen eine weiter hervorragte als die nächste, und das ganze Gebäude schien auf den Slum darunter zusammenstürzen und alles vernichten zu wollen, was in seinem Schatten stand, und ich konnte weder die knetenden Hände meines Masseurs noch das Bewusstsein verdrängen, dass er, genau wie Rajan und Gadin und Danta und Curry Kitchen, hier war, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen, und ich hier war, um für ebendiesen zu sorgen, und ob ich dabei Erleuchtung fand oder nicht, war unerheblich.

Hinterher drehte der Masseur das heisse Wasser in der Dusche an, den niedrigen Hahn, der in den grossen Eimer läuft, reichte mir eine Flasche Kräutershampoo und ging ohne ein weiteres Wort. Ich trat in die Dusche, schöpfte kochend heisses Wasser mit dem kleinen Eimer aus dem grossen Eimer und goss es mir über den Kopf. Die Ölschicht war so tief in meine Haut einmassiert, dass ich sie kaum abkriegte.

Ich checkte aus dem Malayaman aus und machte mich auf den Rückweg nach Westen, gerüstet mit der unbequemen Erkenntnis, dass kein Ort auf der Welt den Schlüssel zu meinem Glück bereithält, dass das Reisen für sich genommen nichts löst und dass ich, wenn ich innerlich wachsen will, wohl lieber den fettigen Punkt zwischen meinen Augenbrauen akzeptieren und mein drittes Auge nach innen richten sollte.

Fortsetzung folgt.


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Erstellt: 11.08.2017, 18:37 Uhr

Buch

George Watsky: Wie man es vermasselt. Diogenes, Zürich 2017. Aus dem Englischen von Jenny Merling. 336 S., ca. 30 Fr. Erscheint am 23. August 2017.

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