«Mein elementarstes Buch»

Für den Nagô-Kult schwänzte er früher den Nationalrat, nun publiziert er eine Neuauflage seines Spiritualitätsbuchs «Die Lebenden und der Tod». Ein Gespräch mit dem unvermindert umtriebigen Jean Ziegler.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Herr Ziegler, warum legen Sie das Buch «Die Lebenden und der Tod» im kommenden Januar neu auf?
Das Buch hat eine längere Verlagsgeschichte hinter sich, es ist bei Luchterhand ebenso erschienen wie bei Piper oder Goldmann. Nachdem meine Salzburger Rede für einen grossen Aufruhr gesorgt hatte, kam der Ecowin-Verlag auf mich zu und wollte etwas von mir publizieren – um zu zeigen, wer der Mann hinter der Rede ist, was er denkt. Und «Die Lebenden und der Tod» war mein einziges verbliebenes, nicht vertraglich gebundenes, nicht mehr erhältliches Buch. So einfach war das (lacht).

Aber gibt es denn überhaupt eine Verbindung zwischen der Rede und dem Buch?
Ja, die gibt es durchaus. Es war mir ein Anliegen, den Leuten zu zeigen, dass mir nicht an einer blossen Polemik gelegen ist, dass hinter der Rede eine Kapitalismuskritik steht, die in die Tiefe geht – bis zu den Wurzeln des Kapitalismus. Die Rede hat ja einen Preis bekommen. Haben Sie das gesehen? Unglaublich... (lacht) Es wurden mir in der Folge viele Fragen gestellt, und ich bin froh, dass ich diese nun mit dem Buch beantworten kann. «Die Lebenden und der Tod» ist das fundamentalste meiner Bücher, es gehört nicht zu meinen Interventionsbüchern. Und es kommt meinen Ambitionen als Soziologe am nächsten.

In Ihrem Buch geht es um afrikanische Spiritualität. Ist es für Sie wünschenswert, dass sich die westliche Gesellschaft vermehrt an einer Kultur wie jener der Nagô-Gläubigen orientiert?
Total! Dort ist noch ein Wissen vorhanden, das bei uns längst verloren gegangen ist. Übrigens, wenn ich fragen darf: Was haben Sie eigentlich studiert?

Germanistik.
Aha... das ist natürlich unnütz. Goethes «Iphigenie» interpretieren und so. Warum bloss?

Unnütz, sagen Sie.
Die Werke sprechen doch für sich. Da braucht es keine Analysen! Ich sage Ihnen: Soziologie ist das nützlichste Fach, das es gibt.

Gut... zurück zu Ihrem Buch: Sie feiern eine archaische Spiritualität als Gegenpol zum von Ihnen permanent gegeisselten sogenannten Warenkapitalismus. Glauben Sie nicht, dass Sie eine ähnlich gelagerte Spiritualität auch hierzulande hätten finden und erforschen können?
Ja, die gabs auch hier mal. Aber diese Initiationsriten et cetera sind längst verloren: Der Kapitalismus ist ein gelenkter Verarmer, er bemisst den Wert des Menschen allein an seiner Warenfunktionalität. In der afrikanischen Traditionsgesellschaft ist das anders. Sie ist eine wahrhaftigere Gesellschaft, weil sie zwischen Leben und Tod zu vermitteln weiss, was im Kapitalismus verunmöglicht wird.

Hatten Sie eigentlich nie Bedenken, dass Sie in Ihrem antikapitalistischen Furor die Gegenseite, die afrikanische Traditionsgesellschaft, verklären?
Doch, die Frage habe ich mir sehr wohl gestellt, sehr häufig sogar. Mein grosses Vorbild ist diesbezüglich der Pariser Soziologe Roger Bastide, der ja selbst Nagô-gläubig gewesen ist. Bastide versuchte, trotz dieser Doppelexistenz, die Frage nach dem Nutzen seiner Forschung aufrechtzuerhalten, sich an die Empirie zu halten, nicht in eine irrationale Romantik abzudriften. Bastide hat mich gelehrt, am kritisch-analytischen Selbstverständnis des Soziologen festzuhalten. Ich tanze nicht zu den Klängen der Totentrommel.

Aber Sie leben den Nagô-Kult?
In der Tat, die liturgischen Zyklen der hiesigen Diaspora im September und Oktober verpasse ich nur sehr selten. Als ich noch im Nationalrat gewesen bin, habe ich während dieser Zeit ja immer geschwänzt – das kam gar nicht gut an (lacht). Nur wenige Kollegen, zum Beispiel Ruedi Strahm, hatten Verständnis dafür.

In der Erstausgabe sagen Sie, dass die «Lebenden und der Tod» durch Ihre grosse persönliche Angst vor dem Tod motiviert sei. Hat sich an dieser Angst irgendetwas geändert in den letzten Jahrzehnten?
Nein, an dieser natürlichen Angst hat sich nichts geändert. Und weiterhin geht es darum, dem Tod so viel Sinn wie möglich entgegenzusetzen: durch Tat, Wort, Liebe und so weiter.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 30.12.2011, 10:44 Uhr

Artikel zum Thema

Jean Ziegler für «Rede des Jahres» geehrt

Weil seine Aussagen den Salzburger Festspielen zu brisant war, wurde Jean Ziegler kurzerhand von der Rednerliste gestrichen. Seine Rede hielt er trotzdem – und wurde nun dafür ausgezeichnet. Mehr...

Jean Ziegler wieder ausgeladen

Das Land Salzburg hat den Soziologen, der als Redner bei der Eröffnung der Salzburger Festspiele 2011 vorgesehen war, wieder ausgeladen - wegen seiner angeblichen Nähe zu Ghadhafi. Mehr...

Jelinek stärkt Ziegler den Rücken

Die Literatur-Nobelpreisträgerin Elfriede Jelinek und die Autoren Peter Turrini und Michael Scharang haben sich nach dem Festspiel-Rauswurf mit Jean Ziegler solidarisiert. Mehr...

Jean Ziegler: Die Lebenden und der Tod. 312 Seiten, ISBN 978-3-7110-0018-7, rund 30 Franken, Ecowin-Verlag. Erste komplett überarbeitete Neuauflage, Januar 2012. Das Buch des UNO-Funktionärs, emeritierten Soziologieprofessors und früheren SP-Nationalrats Ziegler ist 1975 erstmals erschienen.


Kern der Schrift ist eine Studie über den archaischen Nagô-Kult der Yoruba, eines vor allem in Nigeria, Benin und Ghana beheimateten Volkes. Ziegler versucht zu beweisen, dass die raffinierten Rituale der Yoruba-Religion eine Vermittlung zwischen Dies- und Jenseits ermöglichen. Derweil, so behauptet Ziegler, sei den Bürgern der westlichen Gesellschaft eine solche Verbindung verunmöglicht: Der Kapitalismus tabuisiere den Tod und beurteile den Menschen allein an seinem Warenwert.

Werbung

Weiterbildung

Ausbildung & Weiterbildung Finden Sie die passende Weiterbildung Technischer Kaufmann, Deutsch lernen, Coaching Ausbildung, Präsentationstechnik, Persönlichkeitsentwicklung

Kommentare

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Die Welt in Bildern

Festival vereint die verschiedenen Kulturen des Landes: Eine Frau singt und tanzt bei einem Strassenfest in Südafrika in einem traditionellen Kleid. (14. Dezember 2018)
(Bild: Rajesh JANTILAL) Mehr...