Meine Zeit, gerafft in Sprüngen, der letzte offen

80. Geburtstag am 13. Mai: Adolf Muschg blickt auf die Jahrzehnte seines Lebens zurück – und nach vorn.

«Kein Tag Leben versteht sich von selbst»: Adolf Muschg in Männedorf. (13. August 2013)

«Kein Tag Leben versteht sich von selbst»: Adolf Muschg in Männedorf. (13. August 2013) Bild: Nicola Pitaro

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Geburtstag 1934
Bei null angefangen habe ich in der Zürcher Pflegerinnenschule, zu den Klängen eines Nachtisch-Konzerts (live, das Largo von Händel) zum Muttertag. Meine Mutter erinnerte sich zeitlebens daran; ich nicht einmal an die Schläge, die ich bekam, damit ich mich – mit dem nötigen Weinen – ans Licht der Welt bequemte.

Friedrich Adolf Muschg. Getauft auf den Namen meines Vaters, vom Stamm lesender Kleinbauern aus dem Zürcher Oberland: «Friedrich» nach Schiller, dem «Sänger Tells», und «Adolf» nach dem Retter des wahren, das heisst evangelischen Glaubens im Dreissigjährigen Krieg (mein Problem mit dem Namen dauert schon länger).

Haustaufe, da mein weissbärtiger Vater (Jahrgang 1872) wie ein Gross­vater aussah. Als Lehrer war er eine Respektsperson, hatte schon erwachsene Kinder und zeigte sich ungern mit einem neuen, auch noch in der Kirche.

Geburtstag 1944
Schon Viertklässler, mit Thek (dem Ranzen aus Seehundsfell) und den verhassten Wollstrümpfen, im Schulhaus Zollikon, das den pensionierten Vater wieder zum Aushelfen («Verwesen») aufbietet: Wir haben Grenzbesetzung. Für Kinder bedeutet das: Völkerball und «Sechsleben» auf leeren Strassen, hie und da ein Holzgas-Fahrzeug, Sirenengeheul vom Nachbardach, das blaue Licht der Verdunkelungslampen.

Nach Stalingrad wagen wir den Mitschüler Manfred, dessen Vater bei uns Gauleiter werden sollte, wieder zu ­necken. Ich gründe einen Tiger-Club, gehe jeden Dienstag zu den Jungturnern, und Marianne mit den langen Zöpfen will mich doch nicht als Schatz.

Das Grösste ist immer noch die Bundesfeier mit der einträchtig gesungenen Landeshymne: «Nie vor Gefahren bleich, froh noch im Todesstreich, Schmerz uns ein Spott». In den Sommerferien sind alle Leute zu Hause. Trotzdem wagen meine Eltern ein einziges Mal Ferien im Tessin, in einer Pension Müller. Gegen die Schwermut meiner Mutter helfen sie nicht.

Geburtstag 1954
1954 habe ich schon allerhand hinter mir: den Tod des Vaters, zwei Jahre Exil in der ev. Lehranstalt Schiers, die Tanzschule Atteslander mit Waltraut, der ersten Liebe, eine Rekrutenschule beim Luftschutz in Genf (weitermachen!). Und natürlich: die Matur am Zürcher Literargymnasium.

Die Depression meiner Mutter scheint sich zu legen. Als gelernte Krankenschwester übernimmt sie Nacht­wachen, um mein Studium zu bezahlen: Germanistik, was sonst; ich schreibe ja Verse und will in die Literatur.

Einmaliger Honeymoon mit meinem grossen Halbbruder, Professor in Basel, der auch als Dichter angefangen hat; er approbiert mich. Doch dass ich in Zürich bei Staiger studiere, gefällt ihm nicht. Nicht nur, weil er sich einmal dessen Stelle ausgerechnet hatte.

Geburtstag 1964
Das Heimwehkind steckt bereits in den Wanderjahren. Nach der Dissertation über Ernst Barlach (für die mich mein Halbbruder wieder exkommuniziert: das ist sein Dichter!) zwei Jahre ­Hauptlehrer für Deutsch an der Zürcher Oberrealschule. Danach wird Japan fällig, endlich. Dieser Floh sitzt mir im Ohr, seit ich lesen gelernt habe, an den ­«Hansi-und-Ume»-Büchern meiner Halbschwester Elsa.

Mit Nachhilfe des Theologen Emil Brunner komme ich an die International Christian University, Tokyo, und verliebe mich, wie abzusehen, in eine Studentin. Das muss ein Ende haben, denn wofür bin ich verheiratet nach­ ­Japan gefahren?

Der erste Sohn kommt noch in ­Japan zur Welt (wohin er als Mann ­zurückkehren wird), dann fliehen wir nach Europa zurück, wo mir plötzlich alles offen scheint. Feuilleton-Redaktor bei der Weltwoche? Lektor im Verlag S. Fischer in Frankfurt? Schliesslich wird es eine Assistentenstelle in Göttingen: Ich bleibe der Universität treu und die Ehe endgültig auf der Strecke. Ich schreibe, ohne es recht zu bemerken, meinen ersten Roman. Natürlich spielt er in Japan.

Geburtstag 1974
Wieder viel hinter mir, deutliche Ver­änderungen des Bewusstseins. Nach drei Jahren Göttingen zwei an der Cornell University, Ithaca, N. Y., mit Hanna aus Bremen, meiner zweiten Frau. Amerika politisiert uns. Bürgerrechts-Märsche, Vietnam-Proteste, Verweigerung und Aufbruch, die Musik von Woodstock.

Nach einem Zwischenjahr in Genf komme ich beinahe nach Freiburg, dann definitiv an die ETH. Glück gehabt? Jedenfalls verdanke ich es Karl Schmid; 1974 stirbt er im Unfrieden mit mir. Er hat sein Wort gegeben, ich würde eine Habilitationsschrift nachliefern. Ich habe es nicht gehalten und beginne nachträglich die versprochene Keller-Studie: Sie handelt vom Schuldig­bleiben.

Inzwischen reihen sich schon weitere Bücher. Meine Mutter verkauft das Elternhaus und wechselt ins Altersheim. Der Vorbezug ihres Erbes macht uns zu Hausbesitzern in Kilchberg. Hier kommen zwei Söhne zur Welt: Sie sind jetzt zwei und vier Jahre alt und gehen in einen Kindergarten, den die Eltern selbst betreiben.

Hanna beginnt zu schreiben. Ich werde Mitglied der Furgler-Kommis­sion, die sich den Auftrag gibt, unsere Verfassung totalzurevidieren. Als wir in Disentis tagen, fällt mir in einer Fiebernacht eine Präambel dazu ein («dass frei nur bleibt, wer seine Freiheit gebraucht, und dass die Stärke des Staats sich misst am Wohl der Schwachen»).

Geburtstag 1984
50 Jahre alt werden im Orwell-Jahr. «Fünfzig Jahre, stille stahn», melden alte Kachelöfen. Mein Stillstand atemlos: viele Lesereisen in entfernte Gegenden der Welt. Versuche ich mich selbst zu lesen – wie in dem Vampir-Roman, der gerade erscheint – kann ich es im Gebälk knirschen hören: Die Fundamente der Person, die aus mir geworden ist, wanken.

Kaum ist die Mutter unter der Erde, lege ich mich selbst auf den Operationstisch. Meine Hypochondrie wird chronisch. Wenn sie eine Schutzbehauptung ist: Was fürchte ich wirklich, was wäre noch unerträglicher, auch für meine Nächsten?

«Literatur als Therapie?» – von wegen. Dass ich mir sprachlich immer noch zu helfen weiss, beeindruckt die arme Seele nicht. Das Gefühl, fällig zu sein. Aber wofür? Japan steigt wieder über dem Horizont: Leitstern oder Irrlicht? Wieder reise ich hin, und wieder verliebe ich mich – unsicher in allem, darum diesmal auch zu allem entschlossen. Oder beinahe.

Geburtstag 1994
Jetzt also zum dritten Mal verheiratet, dabei waren wir beide es bereits, als wir uns (im Streit) kennenlernten und hatten auch schon Familie. Nun kommt ­Atsuko mit zwei Kindern nach Europa, gebraucht wird ein neues Gehäuse. Ich finde es auf der angestammten Zürichseeseite, wo sie kaum noch Goldküste ist.

Wir bewohnen in Männedorf das Drittel eines alten Bauernhauses; es liegt, wie ich nachträglich herausfinde, am Schulweg meines Vaters, vor 120 Jahren. Der Boden unter den Füssen bleibt heiss. Verbrannte Erde; wird noch einmal Neuland daraus? Mein eigener Schulweg dieser Jahre steht in den 1000 Seiten des «Roten ­Ritters». Dieses Parzival-Buch war ein Ritt über den Bodensee, auch wenn es grossenteils in Berlin geschrieben ­wurde, am Wissenschaftskolleg, im Zwischenjahr zwischen zwei Leben.

Parzival, der begnadete Dummling, geht mir im Nebel voran. 1974 gewinnt er den Bücherpreis für mich, der Gral ist weg, aber die Fragen bleiben. Und natürlich gibt es keine Antwort darauf als grössere Fragen.

Geburtstag 2004
Schon fünf Jahre pensioniert, und der Unruhestand wächst sich aus. Vor dem ETH-Abschied habe ich gute Kollegen noch zu einem Streich angestiftet: Wir verwandeln die ausrangierte Stern­warte – Sempers liebsten Bau – in ein disziplinüberschreitendes Kolleg. Dieses Dornröschenschloss verspricht dauerhaft zu blühen, aber wir spüren die Dornen an den Fingern.

Danach ziehe ich mir noch grössere Stiefel an, riskiere sogar – eine bösartige Diagnose im Gepäck – in ihnen zu sterben. Die Akademie der Künste in Berlin hat mich zum Präsidenten gewählt, damit zum Aufseher über drei Baustellen. Die sichtbarste ist der Neubau am Pariser Platz. Die wiederver­einigten Akademien West und Ost kehren an ihre historische Stelle hinter dem Brandenburger Tor zurück, mit allerhöchster Beteiligung (Schröder als Kanzler, Köhler als Präsident).

Zuvor war das Haus von der Zuständigkeit des Landes Berlin in diejenige des Bundes zu überführen: Auch diese Baustelle ist aufgeräumt. Die dritte – eine Strukturreform der Akademie selbst – wird dann eine zu viel. Total­revisionen sind zum Scheitern verurteilt, das hätte ich wissen können. Doch steht man für ein Ding einmal grade, muss man damit auch fallen können. 2004 ahne ich schon: Mein Rücktritt steht bevor. Viel Feind, wenig Ehr, keine Reue, späte Freundschaften auf Lebenszeit. Der Schweizer hat sein Praktikum in Europa bezahlt.

Geburtstag 2014
Was noch? Kein Sport, viel Rauch (die Pfeife), ich bin immer noch da, inzwischen länger als die mir bekannte männliche Verwandtschaft. Das verpflichtet, auch gegen diejenigen, die gegangen sind, und in den letzten Monaten waren es der Nächsten zu viele; der Schutzwald wird dünn. Kein Tag Leben versteht sich von selbst. Der Krebs hat mich noch nicht, die Hypochondrie nicht mehr, die Schreibsucht ist ungestillt.

Keep your fingers crossed – so lässt sich kein PC bedienen. Aber Intimfeindschaft mit dem Schreibwerkzeug ist mir nicht neu, daran wird keine digitale Revolution etwas ändern. Als Kritiker meiner Zeit bin ich vorsichtiger geworden; wer ihr Schwachsinn unterstellt, kann ja nie sicher sein, ob damit nicht schon sein eigener begonnen hat. Was bleibt, am Ende der Illusionen, ist (nach Voltaire) «de cultiver son jardin». Meiner sieht japanisch aus, aber meine Frau verlangt immer wieder nach dem Original.

Die Flüge nach Japan bestreiten wir mit den Punkten, die wir mit regel­mässigen Flügen nach Berlin sammeln; da haben wir noch eine Wohnung. Angenehm leer war sie schon und beginnt sich weiter zu leeren. Das Ende der Reisen wird absehbar; wie schützt man sich gegen das Ende der Zuversicht?

Die Ankunft der Schweiz in Europa oder die Einführung eines bedingungslosen Grundeinkommens werde ich nicht mehr erleben; aber solange ich mich für das Mögliche rühren kann, schaffe ich mir (wie der Frosch im Milchtopf) so etwas wie Boden unter die Füsse; das Unmögliche ist ja nur das Normale.

Wer viel lassen kann, hat immer noch etwas zu gewinnen. Ist das närrisch? Vielen Dank. Für so wenig Weisheit habe ich achtzig Jahre gearbeitet: Jetzt mag auch die Mühe geschenkt sein. Und jeder Narr, den ich mit Liebe gefressen habe, bleibe ein Stück von mir.

Erstellt: 10.05.2014, 17:51 Uhr

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