Menasse rückt von falschen Zitaten ab

Der österreichische Schriftsteller erhält die Carl-Zuckmayer-Medaille. In einer Erklärung setzt er sich für die strenge Trennung von Fakten und Fiktion ein.

Nach Trotz folgt Einsicht. Menasse gesteht: Es sei «ein Fehler, Hallstein Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat».

Nach Trotz folgt Einsicht. Menasse gesteht: Es sei «ein Fehler, Hallstein Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat». Bild: Keystone

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Jetzt erhält er sie doch, die Carl-Zuckmayer-Medaille, eine undotierte, aber angesehene Auszeichnung des deutschen Bundeslandes Rheinland-Pfalz, die vor ihm etwa Martin Walser, Udo Lindenberg, Bruno Ganz oder Joachim Meyerhoff erhalten haben. Sie wird ihm am 18. Januar überreicht.

Das wäre nur eine Kurzmeldung, wenn nicht die Verleihung zuvor auf der Kippe gestanden hätte. Landespolitiker von der CDU und der AfD hatten gefordert, Robert Menasse die Medaille zu verweigern. Mit der Verwendung falscher Zitate habe sich der Schriftsteller disqualifiziert. Tatsächlich hatte Menasse in seinem Roman «Die Hauptstadt» (Deutscher Buchpreis 2017) und in Aufsätzen, Reden und Interviews dem früheren Kommissionspräsidenten Walter Hallstein (1901–1982) Aussagen untergeschoben, nach denen erst die Abschaffung der Nationalstaaten das Ideal Europas verwirkliche. Ausserdem hatte er behauptet, Hallstein habe seine Antrittsrede 1958 in Auschwitz gehalten. Auf Vorhaltungen, er hantiere mit falschen Zitaten und Zuschreibungen, hatte Menasse lange eher trotzig reagiert: Als Dichter dürfe er frei verfahren, entscheidend sei der Sinn, nicht die Wörtlichkeit.

Die Zeiten ändern sich

Jetzt rudert Menasse zurück. Nach Gesprächen mit der rheinland-pfälzischen Ministerpräsidentin Malu Dreyer und dem Vorsitzenden der Preiskommission rückt er von seiner bisherigen Haltung ab. In einer gemeinsamen Erklärung bekennen sich die Gesprächspartner dazu, «Gewissheiten von Annahmen, Fakten von Meinungen zu trennen». Das sei für «das Gelingen einer demokratischen Debatte unerlässlich». Es sei «ein Fehler, Hallstein Zitate zuzuschreiben, die er wörtlich so nicht gesagt hat», und «im Vertrauen auf Hörensagen» dessen Antrittsrede in Auschwitz zu verorten, erklärte Menasse. Im Roman sei das stimmig, aber in europapolitischen Diskussionen nicht zulässig. Es gebe einen Unterschied zwischen der künstlerischen Freiheit eines Schriftstellers im fiktionalen Schaffen und seiner «Verantwortung, wenn er sich in den politischen Diskurs begebe».

Die Einsicht hat wohl auch mit der Erkenntnis zu tun, dass sich das politische Klima verändert hat. Die Folge: Intellektuelle müssten genauer auf ihre Worte achten. Menasse: «Das Spiel von Fakten und Fiktionen zuzuspitzen und zu polarisieren – das war lange Zeit im öffentlichen Diskurs eine Rolle des Dichters. Es war eine produktive Methode, Diskussionen auszulösen, vor der sich Pragmatiker und sogenannte Realisten drücken.» Heute aber, in Zeiten «von Hetze und absichtlichen Fälschungen», müsse klar zwischen Fakten und Fiktion, zwischen politischem Diskurs und künstlerischer Freiheit unterschieden werden. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.01.2019, 11:52 Uhr

Artikel zum Thema

Die lässliche Sünde von Robert Menasse

Der Schriftsteller und Europafreund hat Zitate eines Gründervaters Europas erfunden. Das ist unschön, aber kein Skandal. Und kein zweiter Fall Relotius.  Mehr...

In einem Schweizer Buch lieferte sich Relotius ans Messer

Im Sammelband «Wellen schlagen» berichtet der «Spiegel»-Reporter, wie er Spenden von Lesern sammelte. Diese erreichten aber nie ihr Ziel. Mehr...

Das Europa der Zukunft

Infografik Im Windschatten der Einigungsblockade proben Grenzstädte das europäische Zusammenleben. Erkundung bei Robert Menasse und Jakob Tanner, zwei Europäern aus Leidenschaft. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Service

Ihre Kulturkarte

Abonnieren Sie den Carte Blanche-Newsletter und verpassen Sie kein Angebot.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Das grösste Kunstwerk der Welt aus Strohhalmen: Zwei Frauen aus Vietnam posieren für ein Foto vor der Kunstinstallation «Abschied des Plastik-Meeres» des kanadischen Künstlers Benjamin Von Wong, die aus 168'000 Plastik-Strohhalmen besteht. (17. März 2019)
(Bild: Thanh NGUYEN) Mehr...