Sexualtäter stoppen – mit allen Mitteln

Krimi der Woche: Detective Livia Lone in Barry Eislers «Der Schrei des toten Vogels».

Knallhart und packend erzählt Eisler seine Geschichte.

Knallhart und packend erzählt Eisler seine Geschichte.

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Kriminalromane gehören zu den beliebtesten Büchern. Diesem Interesse wollen wir mit unserer neuen Serie «Krimi der Woche» entgegenkommen. Jeweils am Donnerstag bespricht Hanspeter Eggenberger einen aktuellen Roman.

Der erste Satz:
Billy Barnett war scharf auf die asiatische Kleine, die neben ihm in der Bar bei Ray’s stand.

Das Buch:
Barnett wird die Nacht nicht überleben. Denn die ziemlich aufgedonnerte Asiatin, die er aufzureissen glaubt, hat es auf ihn abgesehen. Livia Lone, Detective in Seattle mit Spezialgebiet Sexualverbrechen, ist in privater Mission unterwegs. Sie tötet den Vergewaltiger, um auf seiner Beerdigung die Handys der Mitglieder der Hammerheads-Bande, zu der er gehörte, orten und identifizieren zu können. Denn demnächst kommt der Hammerhead aus dem Knast, der bei einer Lieferung einer Containerladung von Menschen aus Asien vor 16 Jahren verhaftet worden war. Livia war damals 13-jährig und mit ihrer kleinen Schwester in jenem Container von Menschenhändlern aus Thailand in die USA verschifft worden. Seither will sie wissen, was aus ihrer Schwester geworden ist. Und sie will Rache. Über den Hammerhead will sie den Auftraggebern auf die Spur kommen.

Barry Eisler erzählt die Geschichte von Livia in seinem Thriller «Der Schrei des toten Vogels» in Rückblenden: Wie sie von ihren Eltern verkauft wurde, nach Amerika kam, hier adoptiert und missbraucht wurde, als junge Kampfsportlerin Erfolg hatte. Und wie sie erkannte, dass ihre Berufung in der Polizeiarbeit lag: «Sie wollte eine Waffe tragen. Und die Monster nicht vor Gericht stellen, sondern jagen. Hetzen. Erwischen. Ihnen Handschellen anlegen und sie für immer ins Gefängnis stecken. Oder zwei Meter tief unter die Erde bringen.»

Knallhart und packend erzählt Eisler die Geschichte, die zwar frei erfunden sein mag, aber, wie so oft bei diesem politisch und sozial engagierten Autor, auf Fakten beruht. Im Anhang gibt es als Quellenangaben eine Liste von Sachbüchern über Verbrechen, wie sie im Buch vorkommen: Menschenhandel, Sexualdelikte.

Der Bestsellerautor, der früher Anwalt war, gibt seine Bücher seit mehreren Jahren via Amazon selbst heraus (sein Original-Verlag Thomas & Mercer ist eine Amazon-Tochter) und verteidigt den internationalen Online-Buchgiganten auch gegenüber der Kritik von Kollegen: «Amazon hat im Alleingang einen Markt für selbstständige Autoren geschaffen.» Dass seine Bücher über den traditionellen Buchhandel, wenn überhaupt, nur schwer erhältlich sind (eine Zürcher Buchhandlung zum Beispiel bietet «Der Schrei des toten Vogels» mit einer Lieferfrist von drei Wochen zum fast dreifachen Amazon-Preis an), stört Eisler nicht. Er findet auch so seine Leser. Weil er es versteht, politische und soziale Themen in atemberaubende Thriller zu packen, ohne jemanden damit zu langweilen. Dass seine Protagonisten dabei manchmal ein bisschen an phänomenale Superhelden erinnern, verzeiht man da gern.

Die Wertung:

Der Autor:
Barry Eisler, geboren 1964 in New Jersey, arbeitete nach dem Studium als verdeckter Agent bei der CIA und war danach im Silicon Valley und in Japan als Fachanwalt für Technologie und als Manager für Unternehmungsgründungen tätig. Ab 2002 machte er mit seiner acht Bände umfassenden Thriller-Reihe um den amerikanisch-japanischen Auftragskiller John Rain («Tokio Killer») als Autor Furore. Die ursprünglich bei Scherz und als Fischer-Taschenbücher erschienenen Titel der Reihe wurden inzwischen auf Wunsch des Autors mit neuen Titeln bei Amazon Crossing neu aufgelegt. Eisler, der in der Bay Area von San Francisco lebt, bloggt unter dem Titel «The Heart of the Matter» engagiert über Bürgerrechte, Folter und das Prinzip der Rechtsstaatlichkeit.

Barry Eisler: «Der Schrei des toten Vogels» (Original: «Livia Lone», 2016, Thomas & Mercer, Seattle). Aus dem Amerikanischen von Peter Friedrich. 2017, Amazon Crossing, Luxemburg, 409 Seiten.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 08.06.2017, 10:11 Uhr

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