Menschliches und Übermenschliches

Wie werden Superhelden definiert? Welche Rolle spielten antike Mythen für Supermans Schöpfer? Diese und viele andere Fragen beantwortet ein Reader, der das Genre umfassend vorstellt.

1938 betrat er die Comics-Weltbühne: Mit «Superman» von Jerry Siegel und Joe Shuster entdeckten die Verlage das volle Potenzial des Superhelden als Figurentyp.

1938 betrat er die Comics-Weltbühne: Mit «Superman» von Jerry Siegel und Joe Shuster entdeckten die Verlage das volle Potenzial des Superhelden als Figurentyp. Bild: DC

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Im Kinofilm «Avengers: Endgame» wird unsere Welt gegenwärtig zwar dank einer Armada von Superhelden vor den Attacken des Erzbösewichts Thanos gerettet, doch die Verschnaufpause währt nur kurz: Bereits im Juli ist die Erde in «Spider-Man: Far from Home» erneut bedroht. «Avengers: Endgame» mit dem ganzen Aufgebot an Superhelden aus dem Marvel-Kosmos war das 22. Werk der Reihe – und sorgte auf der Leinwand mit Einnahmen von weltweit über einer Milliarde Dollar am ersten Wochenende für den bisher erfolgreichsten Filmstart aller Zeiten.

Stan Lee, der im vergangenen Jahr im Alter von 95 Jahren starb, hatte aus dem anfangs kleinen Marvel-Verlag ein Medienimperium geschaffen. Unter seiner Leitung entstanden von 1961 bis 1963 in rascher Folge Superhelden mit menschlichen Makeln und Zweifeln wie The Fantastic Four, Hulk, Spider-Man, The X Men und Iron Man. Über seine Comic­reihe «Fantastic Four» sagt Stan Lee in einem Beitrag des neuen Readers «Superhelden»: «Sie waren die Art von Team, über die ich schon immer schreiben wollte. Helden, die alles andere als perfekt waren. Helden, die nicht immer gut miteinander auskamen, aber Helden, auf die man zählen konnte, wenn es hart auf hart kam.»

1954 attestierte ein Psychologe dem Konsum von Comics, Gewalt und Kriminalität zu stimulieren.

Ein Beschützer und ein Zweifler

Aber was macht eigentlich einen Superhelden aus, inwiefern knüpft er an ­antike Heldenvorstellungen, mittel­alterliche Epen und philosophische Konzepte an? Superhelden können unterschiedliche Funktionen erfüllen, vom Beschützer über den Rächer und Jäger bis zum Zweifler. An Vorläufer­figuren wie Achilles, Herakles, Thor und Siegfried lassen sich diverse Aspekte studieren, die später von den Superhelden wie Superman oder Captain America ab Ende der 1930er-Jahre in Zeiten eines Weltenbrandes wieder aufgegriffen wurden: übernatürliche Kraft, einzelne Schwachstellen, die Zweikampfstruktur und das oft komplexe Verhältnis zum Erzfeind.

Von Umberto Eco bis zu Tell

Der Reader «Superhelden», heraus­gegeben vom Anglisten Lukas Etter und von den beiden Germanisten Thomas Nehrlich und Joanna Nowotny – Letztere auch bekannt als «Bund»-Autorin –, ist nun die erste deutschsprachige Überblicks­darstellung, die für ein interessiertes Publi­kum verschiedene Positionen aus Theorie und Geschichte der Superhelden versammelt und mit Hintergrundinformationen versieht.

Unterteilt in sechs grosse Teile, reichen die klug ausgewählten Beiträge von Georg Seesslens Geschichte der Superheldendarstellungen vor dem Hintergrund des europäischen Faschismus über Umberto Ecos epochalen Essay «Der Mythos von Superman», eine Analyse von offener und verdeckter Homosexualität männlicher Superheroen bis zum berühmt-berüchtigten Pamphlet «Seduc­tion of the Innocent» des Psychologen Fredric Wertham, der 1954 dem Comickonsum eine Stimulierung zu Gewalt und Kriminalität attestierte.

Im Kapitel «Autorenstimmen» hat es auch Platz für Ausschnitte aus «Tell» des Schweizer Comiczeichners David Boller, der den helvetischen Nationalmythos in ein Superheldencomic übersetzt und karikiert. Fazit: Was vorher nur unzusammenhängend in verstreuten Quellen zu finden war, hat das dreiköpfige Herausgeberteam zu einer ungemein anregenden und tiefschürfenden Anthologie zusammengestellt. Eine Superleistung!

Lukas Etter, Thomas Nehrlich, Joanna Nowotny (Hg.): Reader Superhelden. Theorie, Geschichte, Medien. Verlag Transcript, Bielefeld 2018. 530 Seiten, etwa 35 Franken.

Erstellt: 27.05.2019, 16:41 Uhr

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