«Michelle Obama mit Zöpfen wäre undenkbar»

Viele Schwarze in den USA wären lieber weiss, weil es ihr Leben erleichtern würde, sagt Chimamanda Ngozi Adichie. Im Roman «Americanah» befasst sich die Autorin mit seelischer Heimatlosigkeit.

«Ich mag das Land wie einen Mantel, der mich wärmt, aber nicht richtig sitzt»: Chimananda Ngozi über die USA. Foto: Philippe Matsas (Opale)

«Ich mag das Land wie einen Mantel, der mich wärmt, aber nicht richtig sitzt»: Chimananda Ngozi über die USA. Foto: Philippe Matsas (Opale)

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Chimamanda Ngozi Adichie hat für das Treffen ein Café im vorstädtischen Niemandsland von Baltimore vorgeschlagen, das die Atmosphäre einer Autobahnraststätte verbreitet. Etwas anderes gebe es in der Gegend nicht, und Journalistenbesuch zu Hause möge sie nicht, sagt sie. Dafür mag die 36-jährige nigerianische Autorin über «Americanah» sprechen. Ihr dritter Roman handelt von Ifemelu, die nach 13 Jahren in den USA nach Lagos zurückkehrt und dort ihre Jugendliebe Obinze wiedertrifft. Es geht um Menschen, die verschiedene Zuhause und Identitäten erkunden, um farbenblinde Heuchelei, Frauenpower und das Wesen der Liebe.

Warum ist in «Americanah» so oft von Haaren die Rede?
Andere schreiben Romane über Baseball, ich über Haare. Schauen Sie sich Michelle Obamas Frisur an. Eine Bekannte von mir wollte mir nicht glauben, als ich ihr erklärte, Michelle Obamas Haare wüchsen ihr nicht so glänzend und gerade vom Kopf. Überall auf der Welt vergewaltigen schwarze Frauen ihre Haare mit Krebs erregenden Entkrausungsmitteln und glühenden Eisen, weil glattes Haar aus unerfindlichen Gründen als Standard akzeptiert wird. Afros gelten als ungepflegt und unprofessionell. Selbst eine Michelle Obama mit Zöpfen und Haarverlängerungen wäre undenkbar. Sie würde sich damit gewissermassen zu ihrem Schwarzsein bekennen. Das ist nicht mehrheitsfähig.

Haar als Metapher für Politik und als Symbol des Protests?
So kann man es sehen. Aber eigentlich wollte ich einfach eine Liebesgeschichte erzählen. «Americanah» handelt von Liebe, Entfremdung und Selbstentfremdung. Das sind ewige Themen der Literatur.

Hat es Sie überrascht, dass «Americanah» dennoch vor allem als Roman über Rassenunterschiede gelesen wird?
Nein. Der Roman geht das Thema ganz direkt an, und das sind die Leute nicht gewohnt. Ich habe mich aber nicht mit dem Ziel hingesetzt, ein Buch über die Rassenproblematik zu schreiben. «Americanah» ist mein erster Roman, der zu einem grossen Teil in Amerika spielt. Das Thema kam mit dem Schauplatz.

Die Protagonistin Ifemelu zieht aus Nigeria in die USA, um zu studieren, und befindet sich als Schwarze zum ersten Mal in der Minderheit. Ist es Ihnen ähnlich ergangen?
Ja. «Americanah» basiert in vielem auf meinen eigenen Erfahrungen. In Nigeria wächst niemand im Bewusstsein auf, schwarz zu sein. Schwarz zu sein, ist die Norm, kein Nachteil. Wenn sich nigerianische Frauen eine hellere Haut wünschen oder glattes Haar, dann nicht, weil sie weiss sein möchten, sondern weil sie ein unsinniges Schönheitsideal anstreben. In den USA hingegen wären viele Schwarze tatsächlich lieber weiss, weil es ihnen das Leben unendlich erleichtern würde. Schwarz zu sein, bedeutet in diesem Land, täglich mit Vorurteilen konfrontiert zu werden.

Nämlich?
Schwarze werden mit Faulheit, Verlogenheit und Verbrechen assoziiert. Und das Tragische ist, dass sie gar nichts anderes erwarten. Hier atmen Schwarze und Weisse das Rassenbewusstsein mit der Luft ein. Deshalb haben amerikanische Schwarze ein ganz anderes Selbstverständnis als nicht amerikanische Schwarze.

Ifemelu vergleicht Barack Obama einmal mit dem «magischen Neger», der eine Mischung aus Onkel Tom und Nelson Mandela zu sein scheint . . .
(lacht) . . . das ist eine gute Beschreibung. Ja, der magische Neger ist immer milde und weise, wird nie wütend und sieht über rassistische Anfeindungen einfach hinweg. Barack Obama bemüht sich sehr darum, dieses Image aufrechtzuerhalten. Aber an Magie hat er inzwischen mächtig eingebüsst.

Wer käme denn als Kandidatin für die magische Negerin infrage?
Die gibt es nicht. Für die magische Negerin hat die Welt noch keinen Platz geschaffen. Schwarze Frauen sind in der öffentlichen Wahrnehmung wütend oder stark. Geliebt werden sie nicht.

Wie steht es mit Oprah Winfrey, der Talkshow-Königin? Sie verfügt über ein Millionenpublikum.
Oprah gilt als stark. Die Bewunderung für sie ist an die Bedingung geknüpft, dass sie ihr Schwarzsein nicht zum Thema macht. Als sie sich im Wahlkampf für Barack Obama aussprach, sanken ihre Einschaltquoten.

Und die Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison?
Toni Morrison ist wütend. Und sie sagt die Wahrheit. Eine wütende schwarze Frau, die die Wahrheit sagt, kann nie und nimmer eine magische Negerin sein.

Ein Teil des Buchs spielt in England, wo die Rassenzugehörigkeit weniger wichtig zu sein scheint als die Klassenzugehörigkeit. Entspricht Europas Klassensystem dem Rassensystem Amerikas?
Das wäre zu einfach. Im Gegensatz zu den Vereinigten Staaten mit der Sklaverei hat Europa seine Rassensünden nicht auf eigenem Boden begangen. Dafür gab es die Kolonien. Und natürlich existieren Klassen auch in Amerika. Das Problem ist, dass Rasse und Klasse oft miteinander in einen Topf geworfen werden. In den USA spricht man von «armen Weissen und Schwarzen», nicht von «armen Weissen und armen Schwarzen». Und es stimmt: Hier bestimmt die Rasse oft die Klasse, der man angehört. Dennoch ist die Selbstverständlichkeit, mit der man annimmt, dass Schwarze arm seien, kein gutes Zeugnis für die gesellschaftliche Struktur dieses Landes.

Mögen Sie die Vereinigten Staaten?
Ich habe Amerika von fern immer bewundert – wie wohl die meisten, die mit der Bill-Cosby-Show und mit amerikanischen Filmen und amerikanischer Musik aufgewachsen sind. Aber ich habe mich in den USA nie richtig wohl gefühlt. Ich mag dieses Land wie einen Mantel, der mich wärmt, aber nicht richtig sitzt. Ich verbringe einen Teil des Jahres hier, weil mein Mann hier eine gute Stelle hat und wir über eine gute Krankenversicherung verfügen.

Heiraten spielt in «Americanah» eine gewisse Rolle. Ifemelus nigerianische Freundinnen sind ganz erpicht darauf. Sie haben in einem Vortrag zum Thema «Warum wir alle Feministinnen sein müssten» erklärt, wir erzögen Mädchen dazu, die Ehe als Erfüllung aller Träume zu betrachten. In den USA und Europa zögern Frauen das Heiraten und Kinderkriegen aber immer länger hinaus. Ein Widerspruch?
Nein. Auch in den USA und Europa wird den Mädchen eingetrichtert, es gelte, unbedingt den einen, den Richtigen zu finden, und nur mit dem einen und Richtigen sei das Leben lebenswert. Frauen sabotieren sich gegenseitig in diesem Wettbewerb um den vermeintlichen Halbgott, anstatt sich auf ihre Stärken und eigentlichen Interessen zu konzentrieren. Jungen wird nicht die Vorstellung eingeimpft, sie seien ohne Frau unvollständig. Sie empfinden es als Geburtsrecht, Frauen zu nehmen und zu verlassen, wie es ihnen gefällt.

In «Americanah» ist es Ifemelu, die Männer nimmt und verlässt. Liegt das auch an Amerika?
Manche halten den Feminismus für eine exklusive Party, zu der nur ein paar wenige eingeladen sind. Dabei gibt es viele verschiedene Arten von Feministinnen. Die meisten meiner feministischen Freundinnen hier in den USA sind Akademikerinnen und beschäftigen sich mit den drei Stufen des Feminismus und ähnlichem. Dergleichen interessiert mich nicht. In Nigeria wiederum gibt es viele Frauen, die ich als feministische Vorbilder betrachte, die sich selber aber nie als Feministinnen bezeichnen würden. Ihnen geht es um ganz praktische Angelegenheiten.

Zum Beispiel?
Von Frauen in Nigeria wird erwartet, dass sie ihre Leistungen verstecken. Wenn sich eine Frau von ihrem eigenen Geld ein Auto kauft, wird sie behaupten, ihr Mann habe es ihr geschenkt. Wenn eine Frau allein das Einkommen für Mann und Kinder verdient, wird dieser Umstand vertuscht. Es gilt als unanständig, darüber zu sprechen. Frauen können in Nigeria Firmenchefs werden und Politikerinnen, aber Männern gegenüber haben sie demütig aufzutreten. Das muss sich unbedingt ändern.

Wie wurde «Americanah» in Nigeria aufgenommen?
Sehr gut. Der Roman wird sogar auf der Strasse verkauft. Als ich zuletzt in Lagos war, wollte mir ein Junge ein viel zu teures Exemplar davon andrehen. Er hatte keine Ahnung, wer ich bin. Ich fragte ihn, wie sich das Buch verkaufe, und er sagte, hervorragend, das sei sein letztes Stück. Ich habe trotzdem dankend abgelehnt.

Chimamanda Ngozi Adichie liest am 14. Mai im Kaufleuten Zürich, 20 Uhr.

Erstellt: 29.04.2014, 07:22 Uhr

Chimamanda Ngozi Adichie

Star der «neuen Weltliteratur»

Chimamanda Ngozi Adichie gehört zu den Shootingstars der «neuen Weltliteratur», ­ die von Immigranten und Kosmopoliten geschrieben wird. 1979 in Nsukka, Nigeria, in einen Akademikerhaushalt geboren, zieht sie als 19-Jährige in die USA und studiert Kommunikations- und Politikwissenschaften und kreatives Schreiben. 2003 erscheint ihr ­preisgekrönter erster Roman «Purple Hibis­cus». Die Verfilmung ihres zweiten, «Half of a Yellow Sun» (2007), kommt demnächst in die Kinos. Auf Deutsch ist 2012 die Erzählungssammlung «Heimsuchungen» erschienen. Der «New Yorker» setzte die Autorin 2010 auf seine Liste der besten 20 Schriftsteller unter 40 Jahren. «Americanah» wurde von der «New York Times» zu einem der besten fünf Romane von 2013 gewählt. Chimamanda Ngozi Adichie lebt in Lagos und in Baltimore.

Chimamanda Ngozi Adichie: Americanah. Roman. Aus dem Englischen von Anette Grube. S. Fischer, Frankfurt 2014. 600 S.,­ ca. 40 Fr.

Artikel zum Thema

L50 - Lesung mit Chimamanda Ngozi Adichie

Mittwoch, 14. Mai 2014, 20.00 Uhr, Festsaal Kaufleuten Zürich Veranstaltung innerhalb der L-Literaturreihe, präsentiert vom Tages-Anzeiger, Apollo8, der Orell Füssli Buchhandlung, dem Kaufleuten und der Zürcher Kantonalbank. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Weiterbildung

Gamen in der Schule

Die Schule bereitet Kinder auf die Arbeitswelt vor. Das Rüstzeug soll auch spielerisch vermittelt werden.

Kommentare

Blogs

Geldblog Solarenergie: So setzen Sie auf den Megatrend

History Reloaded Die erste Frau im britischen Parlament

Die Welt in Bildern

In allen Farben: Die Saint Mary's Kathedrale in Sydney erstrahlt in ihrem Weihnachtskleid. (9. Dezember 2019)
(Bild: Steven Saphore) Mehr...