«Mike Müller parodiert mich schrecklich gut – mit einem Fehler»

An Weihnachten schmückt Peter Bichsel immer einen Baum. Nur die Kerzen zündet er nicht an – seit seine Frau gestorben ist. Beim Besuch in seiner Solothurner Schreibstube.

Er raucht, denkt und kontert: Peter Bichsel nimmt sich beimSprechen gern Zeit.Was er sagt, ist allerdings druckreif. (Fotos: Beat Mathys)

Er raucht, denkt und kontert: Peter Bichsel nimmt sich beimSprechen gern Zeit.Was er sagt, ist allerdings druckreif. (Fotos: Beat Mathys)

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Herr Bichsel, in Ihrem Arbeitszimmer haben Sie eine Nashornsammlung. Warum gerade diese gefährlichen Kolosse?
Ich bin kein Sammler. Die meisten Sammlungen breche ich nach zwei, drei Tagen wieder ab, weil mir die Geduld fehlt. Nashörner habe ich aber gern. Wenn ich im Zoo bin, gehe ich immer zuerst zu den Nashörnern und bleibe oft den ganzen Tag dort. Es sind sehr lethargische Tiere, das mag ich.

Sind Sie denn als Autor eine Art Jäger und Sammler?
Nein, gar nicht. Ich mache nie Notizen. Ich bin auch nicht sehr visuell veranlagt, wichtig ist für mich die Sprache. Jedes Mal, wenn ich in Solothurn über den Markt gehe, sagt jemand zu mir: Ah, Herr Bichsel, Sie beobachten! Das ist eine Sekundarschulvorstellung: Man geht auf den Markt und schreibt dann einen Aufsatz. So funktioniert das nicht.

Wie dann?
Ich glaube, selten ist jemand mit der eigenen Fantasielosigkeit so konfrontiert wie ein Autor. Schriftsteller haben nicht mehr Fantasie als andere, sie haben nur mehr Zeit, auf Ideen zu warten. Ich schreibe seit über vierzig Jahren Kolumnen, und es ist mir noch nie wirklich etwas eingefallen. Ich denke zwar oft, das wäre ein Thema oder das, schreibe mir ein paar Sachen auf und weiss hinterher nicht mehr, was ich wollte. Im Grunde genommen brauche ich einen Satz, der steht am Schluss vielleicht gar nicht mehr da, aber er bringt andere Sätze hervor.

Das klingt arg nach Koketterie, wenn Sie sagen, Ihnen sei noch nie etwas eingefallen.
Ich meinte, nicht mehr als anderen. Daran habe ich mich mittlerweile gewöhnt

Wird Schreiben mit den Jahren schwieriger?
Schon, es braucht doch etwas geistige Substanz zum Schreiben, und die nimmt ab. Im Übrigen: Die Vorstellung, dass ein Schriftsteller ein weit gereister Mann sein muss, einer, der die Welt im Griff hat, stimmt nicht. Ich glaube sogar, sie ist ein Hinderungsgrund.

Hinderungsgrund?
Das Viele kann zu viel sein. Leben findet überall statt. Dafür muss ich nicht nach Südamerika und siebzehn Berufe ausprobiert haben. Es war Max Frisch, der uns zugerufen hat: Es wird hier geblieben! Er hat das Thema Schweiz für uns entdeckt.

Frisch war mit Leib und Seele Schriftsteller. Sie haben sich immer davor gefürchtet, ein «professioneller Schriftsteller» zu werden. Weshalb dieser Hang zur Halbidentität?
Das hat mit mir selbst zu tun. Ich habe schon als Kind Gedichte geschrieben, und wenn mir dann ein Mädchen zugelächelt hat, fürchtete ich, dass es mir vielleicht nur zulächelt, weil ich Gedichte schreibe.

Das wäre ja nicht so schlimm gewesen.
Doch! Weil ich, ich selbst wollte geliebt werden, nicht mein Erfolg. Wenn ich im Wald Blätter fallen sehe, dann will ich dieses Schauspiel ohne die Absicht geniessen, morgen darüber zu schreiben. Ich habe früher versucht, mit einem Fotoapparat in der Tasche zu leben, und habe auch schöne Bilder gemacht, nur sah ich da alles viereckig. Ich kann und will nicht mein ganzes Leben auf Literaturtauglichkeit abklopfen.

Sie haben vorhin erwähnt, dass Ihnen Mädchen manchmal zugelächelt haben. Waren Sie in jungen Jahren ein Womanizer?
Gar nicht. Ich gebe zu, dass ich jene beneidet habe, die den Mut dazu hatten. Inzwischen bin ich sehr froh, dass ich das nicht war.

Warum?
Hmm, sagen wir es so: Ich war ein sehr guter Skifahrer. Mit 30 habe ich dann ein Skilager begleitet. Auf der Piste war es extrem kalt, es hatte kaum Leute. Nachdem ich mehrmals gestürzt war, habe ich mich gefragt: Warum tust du dir das an? Du hättest auch in die Kneipe gehen können und einen halben Roten trinken! Da ist mir eingefallen, ich mache es, weil ichs kann. Aber es macht mir keine Freude. Ich habe die Ski auf der Stelle ausgezogen und bin seither nie mehr gefahren. Man muss nicht alles tun, was man kann.

Ist Schreiben etwas, das Sie können?
Nein, das ist das Wunderbare daran. Als Schriftsteller darf man Dilettant bleiben. In jedem Beruf hat man sich heute weiterzubilden. Bei Schriftstellern funktioniert das nicht. Unsere Probleme bleiben immer dieselben: Mir fällt nichts ein, wann kommt der erste Satz und so weiter. Trotzdem versucht man es Woche für Woche Es ist ein Luxus.

Woran merken Sie, dass ein Text schlecht ist?
Wenn ich ihn jemandem vorlese. Das hat den Vorteil, dass da die Eitelkeit sehr herausgefordert wird. Man möchte brillieren, ein Grossartiger sein. Wenns meiner Eitelkeit genügt, ist das die Qualitätskontrolle. Übrigens: Wenn ich schreibe, dann schreibt die Frau in mir.

Welche Eigenschaften hat diese Frau?
Ach, dieses Rätsel möchte ich lieber nicht lösenFrauen können sich zum Beispiel viel besser über kleine Dinge freuen. Über eine leuchtende Kerze, über einen Marienkäfer, der über den Tisch läuft

Ist der ironische Tiefstapler Ihre männliche Seite?
Ich bin kein Tiefstapler. Ich verwehre mich nur dagegen, dass andere beschliessen, ich sei prominent, ich sei ein Schriftsteller.

Ich habe eher den Eindruck, Sie sind ein Trötzeler aus Leidenschaft.
(schmunzelt) Das ist richtig, wunderbar. Ich bin ein Trotzkopf.

Woher kommt diese Haltung?
«Christsein bedeutet das Recht, ein anderer zu werden», hat die Theologin Dorothee Sölle gesagt. Ich will ein anderer sein, ich mag zu keiner Mehrheit gehören. Wissen Sie, im Sport war ich der Schlechteste meiner Klasse. Beim Fussballspielen wurde ich als zweiter Ersatzmann des linken Verteidigers eingesetzt. Und schon der erste Ersatzmann verletzte sich nie. Da kam dieses «Trotz-dem»: Ich bin halt nach Hause gegangen und habe Gedichte geschrieben. Und jetzt haben Sie den Dreck.

Gut, aber mit Ihrem unverwechselbaren Outfit tragen Sie dazu bei, dass man Sie als prominenten Schriftsteller auf der Strasse erkennt.
Das ist vorstellbar. Aber auch wenn ich Lehrer geblieben wäre, hätte ich wohl diese Marotte mit der Kleidung gehabt Wenn ich genug habe, dann setze ich meine Brille ab (tut es), die Mütze – und niemand erkennt mich mehr. Die einfachste Verkleidung ist, wenn man nicht etwas anziehen, sondern ausziehen muss.

Tatsächlich – verblüffend! Dennoch: Ihre «Uniform» scheint mir ein sehr bewusster Umgang mit der Marke Bichsel.
Sagen wir so: Ich bin meinem Gilet treu. Dieses trage ich übrigens wegen meinem Faible für Taschenuhren. Und wissen Sie, das mit dem Hemd: Im Fernsehen werde ich ja so schrecklich, aber so wunderbar gut von Mike Müller parodiert, dass mich die Leute mit ihm verwechseln. Sie sagen zu mir: Ich kenne Sie vom Fernsehen! Aber: Mike Müller trägt ein weisses Hemd. Ich hatte noch nie ein weisses Hemd an. Es war immer weiss-blau gestreift.

Sie sind also doch eitel, was Ihre Kleidung angeht?
Ich wollte mit zwölf entweder Missionar oder Modeschöpfer werden. Ich kannte sämtliche Kollektionen, und eine gut angezogene Frau gefällt mir heute noch. Einmal habe ich als Barkeeper gearbeitet und dabei einen Smoking getragen. Ich fühlte mich sehr wohl darin. Deshalb darf ich nicht anfangen, mich gepflegt zu kleiden, sonst werde ich augenblicklich zum Dandy.

Sie haben immer gesagt, Sie verstehen sich trotz Ihrer 50-jährigen Ehe als Junggeselle. Ihre Frau ist vor fünf Jahren gestorben. Haben Sie mit 75 Jahren immer noch keine Angst vor der Einsamkeit?
Mir ist es immer noch sehr wohl allein, aber ich bin kein Einsiedler. Wenn ich zu Hause bin, vermisse ich meine Frau nicht, denn sie könnte im Zimmer nebenan sein. Wir haben uns gegenseitig nicht sehr bedrängt und waren immer damit einverstanden, was der andere gemacht hat. Sobald ich die Tür abschliesse, vermisse ich sie. Ich kann sie von meinem Arbeitszimmer nicht mehr anrufen, wie ich es früher täglich getan habe. Wir hatten eine grosse Telefonfreundschaft

Feiern Sie allein überhaupt noch Weihnachten?
Ich schmücke zu Hause jedes Jahr einen Weihnachtsbaum. Einen billigen aus Plastik, aber einen ganz raffinierten hässlich und struppig. Er ist nicht einmal ganz gerade, aber wunderbar. Ich gebe mir eigenartigerweise viel mehr Mühe, seit ich allein lebe. Der Baum hat seit fünf Jahren immer dieselben Kerzen, weil ich sie nicht anzünde. Das wäre mir zu emotional. Aber ob ich Weihnachten feiere? Wohl eher nicht.

Was machen Sie dann?
An Heiligabend mache ich immer einen geräucherten Schweinshals im selbst gemachten Brotteig mit Kartoffelsalat.

Für sich allein?
Inzwischen für mich und meine Freundin. An Weihnachten besuche ich meine Kinder in Zürich.

Sie bezeichnen sich als abgeklärten religiösen Menschen, der sagt: «Ich weiss, dass es keinen Gott gibt, aber ich glaube an ihn.» Wie geht das?
Nun, auch wenn es einen naturwissenschaftlichen Gottesbeweis gäbe, könnte ich ja immer noch sagen: Aber ich glaube nicht an ihn. Also kann ich auch sagen, es gibt keinen, aber ich mag ihn. Ich halte Religion für etwas Diesseitiges, eine wunderbare, uralte Erfindung von Menschen, und die Bibel für ein grossartiges Buch, weil sie sich dauernd widerspricht. Wenn Gott ein Teil der Natur wäre, wäre mir das zu wenig, als Erfindung ist er viel grossartiger.

Erstellt: 24.12.2010, 07:59 Uhr

Peter Bichsel ist in Olten aufgewachsen. Bis 1968 war er Lehrer in Solothurn.Mit den Kurzgeschichten «Eigentlichmöchte Frau Blumden Milchmann kennen lernen» gelang ihm1964 der Durchbruch. Von 1974 bis 1981 war er persönlicher Berater von BundesratWilli Ritschard. Bis heute schreibt der 75-Jährige vor allem Kurzprosa und Kolumnen. Peter Bichsel hat zwei Kinder, seine Frau Therese ist 2005 gestorben. Er lebt in Bellach bei Solothurn. lm

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