Missbraucht, getötet, verscharrt

Der gefeierte Autor Colson Whitehead erzählt in «Die Nickel Boys» vom realen Schicksal junger Schwarzer in einer Besserungsanstalt. Seine Europa-Tournee musste er jetzt aus familiären Gründen abbrechen.

Der Romancier Colson Whitehead konnte es kaum erwarten, dieses Buch zu schreiben – jetzt, da die USA derart zurückgeworfen worden seien.  Foto: Epa</span>

Der Romancier Colson Whitehead konnte es kaum erwarten, dieses Buch zu schreiben – jetzt, da die USA derart zurückgeworfen worden seien. Foto: Epa

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27 «Anomalien» entdeckte man jetzt im Sommer bei Erdarbeiten nahe der ehemaligen «Reformschule» von Marianna im US-Bundesstaat Florida. Und man befürchtete das Schlimmste: weitere heimlich verscharrte sterbliche Überreste von misshandelten Buben mit gebrochenen Knochen. 2011 war das Jugendheim geschlossen worden, in das der Staat seit 1900 junge weisse und schwarze «Straftäter» – ab einem Alter von rund 12 Jahren – wegen Geringfügigkeiten wie Schuleschwänzen, Rauchen oder Ausreissen geschickt hatte. Die Untersuchung des Geländes brachte bis heute 55 versteckte Gräber zum Vorschein und bietet eine späte Erklärung für die vielen aus der Besserungsanstalt «verschwundenen» Kinder.

183 ungeklärte Kinderschicksale

Besagte Anomalien entpuppten sich zwar als Pflanzenreste, doch die Suche geht weiter. Über 500 ehemalige Insassen haben von systematischer Gewalt an der «Schule» berichtet, von sexuellem Missbrauch und der Ausbeutung als Arbeitssklaven, von Brutalität und Todesfällen; 183 Kinderschicksale sind noch ungeklärt. Und Überlebende aus der düsteren Boomzeit – in den Sechzigern hausten da über 500 Jungen – schildern auch, wie die Institution, die bis 1966 eine strikte Rassentrennung praktizierte, den Rassismus der Gesellschaft aufs Grausamste widerspiegelte.

Genau in diese Periode taucht der neue Roman Colson Whiteheads ein, «Die Nickel Boys», der im Frühsommer auf Englisch und Deutsch erschien. In Interviews erzählt der Pulitzerpreisträger von 2017, wie sehr es ihm auf den Nägeln brannte, dieses Buch zu schreiben – jetzt, da die USA derart zurückgeworfen worden seien. Der Roman solle dazu beitragen, die aktuelle Lage einzuordnen.

Im Dreck taucht ein Sarggriff auf: Bis jetzt fand man auf dem Grundstück der ehemaligen Besserungsanstalt Dozier School for Boys in Florida 55 verborgene Gräber misshandelter Buben. Foto: Reuters

Seine Hauptfigur ist rein fiktiv: ein schwarzer Junge aus Tallahassee, Florida, Anfang der Sechziger. Elwood wächst bei der mittellosen Oma auf, verquickt ihre moralischen Ansprüche mit seinen Träumen, die von den Reden Martin Luther Kings inspiriert sind, und arbeitet hart in Schule und Aushilfsjob. Die zerfledderten Lehrbücher, die sie an seiner Highschool von den weissen Schulen erben, sind zwar besudelt vom diskriminierenden Geist der Jim-Crow-Gesetze und von hineingekritzelten Sprüchen wie «Krepier, Nigger! Du stinkst.»

Aber Elwood glaubt an die Chance, «seinen Platz in den Reihen engagierter Visionäre einnehmen» zu können. Ein College-Stipendium hat er schon; aber statt am College landet er aufgrund eines Justizirrtums – eines typischen rassistischen Fehlurteils – in einer Besserungsanstalt namens Nickel. Diese gleicht bis ins Detail jener in Marianna.

«Die Wunden, die weisse Jungs davontrugen, sahen anders aus als die der schwarzen Jungs.»Colson Whitehead, «Die Nickel Boys»

Bald kommt Elwood bei einer der Bestrafungsaktionen des Anstaltspersonals fast um. «Die Wunden, die weisse Jungs davontrugen, sahen anders aus als die der schwarzen Jungs ... Im Weissen Haus wurde das Gesetz vollzogen, und alle spurten.» Whitehead nennt am Schluss seine Quellen, so die Website der Marianna-Überlebenden officialwhitehouseboys.org : Im «White House» des Heims fanden blutrünstige Straforgien für – oft vorgeschobene – Regelverstösse statt. Mancher Bub wurde prostituiert, vergewaltigt oder zu Tode gepeitscht. Die Rahmenhandlung allerdings verhakt die sorgfältig recherchierte historische «Faction» fest mit dem Jahr 2014: Es soll ein Report zu den Gebeinen der toten Knaben präsentiert werden – und der Erzähler, der sich nach wilder Flucht aus dem Nickel ein Leben in New York aufgebaut hat, stellt sich seiner Vergangenheit.

Die Untersuchungen sind noch im Gang. Neben 31 offiziellen Gräbern gibt es auf dem Anstaltsgelände zahlreiche versteckte. Foto: Reuters

Auch den Leser haucht kalt das Grauen an, das den Erzähler nie ganz losliess, seit er einst ins Nickel kam. Und das heute auf neue Weise durch das Amerika der weissen alten Männer weht. Dass Whitehead zudem eine Wende in petto hat, die jeder hohlen Rettungsdramaturgie und weiss-amerikanischen Erlösungslogik den Garaus macht, ist klug: «Die Nickel Boys» ist auch dank dieser Strategie mehr ist als eine bewegende Dokufiction mit politischem Untergrundrauschen aus Trump-World.

Der 1969 in New York geborene Autor hat mit den letzten Romanen – «Underground Railroad» und «The Nickel Boys» – afroamerikanische Versionen einer «Hell Revisited» geschaffen. In der gefeierten Geschichte rund um eine junge Sklavin im 19. Jahrhundert, die einem Plantagenbesitzer in Georgia entkommt, verwandelt der Romancier die titelgebende Metapher in den Ausgangspunkt für magischen Realismus. «Underground Railroad» hiess das historische Netzwerk, das fluchtwilligen Sklaven half; bei Whitehead verfügt es über märchenhafte Realität gewordene U-Bahnen.

«Die Nickel Boys» aber verzichtet auf Zitate aus dem fantastischen Genre, selbst wenn Whitehead sich perfekt aufs postmoderne Mixen versteht wie auch in «Zone One» (2011), das geschmeidig das Zombie-Genre mit einer literarischen Postapokalypse verschränkt. Im jüngsten Roman sind schon die blutigen Fakten, mit denen Whitehead uns konfrontiert, kaum erträglich. Nur die hoffnungsvolle Naivität des jungen Helden schmerzt mehr.

Alles richtig machen reicht nicht in einer rassistischen Welt.

Selbst nach seiner Abreibung im Nickel hofft der superfleissige, hochanständige Teenager, mit Wohlverhalten vorwärtszukommen: Es klappe, «wenn ich alles hundertprozentig richtig mache.» Elwoods Freund und Leidensgenosse Turner versucht, ihm die Augen zu öffnen: Alles richtig zu machen, reiche nicht, nütze nichts, weder draussen noch drinnen in der Anstalt. Man müsse vor allem wendig sein und gefährlichen Charakterschweinen so gut wie möglich ausweichen.

Turner vertritt die Taktik von Ralph Ellisons gereiftem «Invisible Man». In dem grossen Bildungsroman von 1952 geht ein begabter Schwarzer den Weg vom gutgläubig-zuversichtlichen Streber, der rassistische Realitäten übersieht, zum klarsichtigen, von der Gesellschaft und auch von schwarzen Bürgerrechtlern enttäuschten Einzelkämpfer. Er profitiert davon, nicht wahrgenommen, nicht wirklich gesehen zu werden.

Der Leser liegt nicht verkehrt, wenn er seinerseits in Whiteheads Elwood und Turner Personifikationen dieser unterschiedlichen Seiten des namenlosen ellisonschen Protagonisten – wahrnimmt. Hinweise auf Ellisons Roman leuchten immer wieder in Whiteheads scheinbarer Hardcore-Faction auf.

Die schwarzen Buben weisseln das Haus ihrer Unterdrücker.

Dass die zwei Nickel Boys für den weissen Feuerwehrchef die private Gartenlaube in Südstaaten-«Dixie-Weiss» streichen – weisseln – müssen, erinnert an den Einsatz von Ellisons Held in einer Farbenfabrik, die sich auf «Optic White» spezialisiert: einen Farbton, der das schwärzeste Schwarz überdecken soll. Whitehead verneigt sich hier vor den unsichtbar gemachten, realen vergrabenen Jungen – und vor Ellison, der das vielschichtige Phänomen des Verschwindens der Schwarzen in der US-Gesellschaft vor einem halben Jahrhundert sichtbar machte.

Das Buch verweigert sich dabei jedem diffusen Schillern; auch, zugegeben, jeder spannungsreichen Ambivalenz. Der Autor verlässt sich ganz auf die grosse Kraft seines lakonischen Stils, die dramaturgische Raffinesse seiner Story und die Wucht seiner symbolischen Setzungen und literarischen Anspielungen. Im Mikrokosmos der Besserungsanstalt erhalten Rassismus und Machtgeilheit krasse Kenntlichkeit: «Keiner muss hier mehr so tun als ob», sagt Turner. In einer solchen Welt fahren keine Märchenzüge. Nur die Laserimpulsgeräte, mit denen die Erde nach Leichenteilen durchkämmt wird.

Colson Whitehead: Die Nickel Boys. Roman. Aus dem Englischen von Henning Ahrens. Hanser, München 2019. 223 S., ca. 37 Fr.

Colson Whitehead musste seine Europa-Tournee, die ihn auch in die Schweiz geführt hätte, abbrechen.

Erstellt: 21.10.2019, 15:43 Uhr

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