Mit Tempo Teufel durch Tokio

Videospiele, Mafiakriege und Naturkatastrophen: In seinem nun auf Deutsch erschienenen Roman «Number 9 Dream» führt uns David Mitchell auf höchster Drehzahl durch die grelle japanische Megacity.

Die Ereignisdichte in seinem Roman «Number 9 Dream» ist rekordverdächtig: David Mitchell an der Frankfurter Buchmesse 2007.

Die Ereignisdichte in seinem Roman «Number 9 Dream» ist rekordverdächtig: David Mitchell an der Frankfurter Buchmesse 2007. Bild: AFP

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Das Erdbeben kommt erst auf Seite 184, aber trotzdem folgt David Mitchells Roman dem berühmten Ratschlag des Hollywoodproduzenten Samuel Goldwyn ziemlich präzis: «Man fange mit einem Erdbeben an und steigere sich dann langsam.» Nach wenigen Seiten wird Tokio von einer gigantischen Flutwelle überrollt, die nicht nur den Tokyo Tower bis zur Hälfte verschlingt, sondern auch den Icherzähler selbst, der, «überwältigt von der Schönheit meines Todes, in langsamen, traurigen Kreisen» zu Boden sinkt. Sein Begräbnis, dem Staatsoberhäupter und Yoko Ono die Ehre geben, erlebt er dennoch mit, auf welcher Bewusstseinsebene auch immer. Aber da ist – klick – die grosse Flut schon wieder verschwunden, und wir sind in einem anderen Film. Oder Spiel.

David Mitchells Held heisst Eiji Miyake, und er hat eine blühende Fantasie. Wobei «blühend» eine unpassende, weil altmodische Metapher ist, denn was Eijis Bewusstsein produziert, kommt aus der Welt der Actionstreifen und der Videospiele. Es sind die künstlichen Paradiese der digitalen Unterhaltungskultur, aus denen sich die Handlung bedient, und zwar sowohl auf der realen als auch auf der Traum-Ebene.

Tausend Gesichter in der Minute

Klicken wir noch einmal zum Anfang zurück: Da sitzt Eiji in einem Café und wartet, bis er genug Mut angesammelt hat, um gegenüber in das edle Bürohaus zu marschieren, in dem die Anwältin seines Vaters residiert. Dieser Vater hat ihn und seine Zwillingsschwester Anju schon vor der Geburt verlassen, nie hat Eiji ihn kennen gelernt, und um das nachzuholen, ist er jetzt vom Land in die Hauptstadt gekommen.

Der Roman «Number 9 Dream» ist vieles in einem, und er ist auch die Geschichte eines Provinzlers, der in einer Megacity unterzugehen droht. Vielleicht ist Tokio überhaupt die Heldin dieses Romans, so wie Paris bei Balzac und London bei Dickens. Es ist eine grellbunte Metropole, in der die Eindrücke mit dem Stakkato eines Maschinengewehrs auf das Landei einprasseln – «tausend Gesichter in der Minute», konstatiert er selbst, und diese Gesichter wechseln ständig die Vorzeichen: von gut zu böse, von beruhigend zu gefährlich, von hilfreich zu tödlich.

Mitchell gelingt es, die totale Bodenlosigkeit seines Helden auch auf den abgebrühtesten Leser zu übertragen. Ständig wird man auf dem falschen Fuss erwischt. Die Ereignisdichte pro Seite, ja pro Absatz ist rekordverdächtig, zumal das reale Geschehen sich mit dem bloss imaginierten auf dem Videoschirm multipliziert. Auch das Erzähltempo sucht seinesgleichen in der Gegenwartsliteratur: «Number 9 Dream» liest sich wie ein ständig auf höchster Drehzahl fahrender Sportwagen. Man fürchtet jeden Augenblick, dass der Motor explodiert.

Krieg der Häuptlinge

Roter Faden in dieser blinkenden, blitzenden, sich ständig neu aufbauenden und wieder zerlegenden Welt ist Eijis Suche nach dem Vater. Und wie bei jeder richtigen Suche führt auch diese zu einem anderen Ziel als dem gesuchten, wird die Vatersuche zur Selbstfindung. Eine scheue Liebesgeschichte fällt auch noch dabei ab. Als Kind hat Eiji seine Zwillingsschwester verloren und sich selbst die Schuld an ihrem Tod gegeben. Die brutale Realität Tokios befreit ihn schnell und gründlich von solchen familiären Fixierungen, auch von der auf den abwesenden Vater.

Dafür sorgt unter anderem ein anderer «Vater»: Als solcher tritt nämlich der Yakuza-Boss Morino auf, in dessen Netzen sich Eiji verfängt, nachdem ihn eine Zufallsbekanntschaft in ein Love-Hotel geschleppt hat. Morino wiederum steckt tief in einem Krieg der Häuptlinge, der sich über ein paar unappetitliche Eskalationsstufen – auf einer Kegelbahn werden etwa drei feindlichen Offizieren die Köpfe zertrümmert – hochschraubt bis zu einem furiosen Showdown im Niemandsland, bei dem nahezu alle Beteiligten in die Luft fliegen. Eiji ist da schon mehrere Tode gestorben und der gebeutelte Leser mit ihm. Und da wartet noch ein wirklicher Taifun auf beide.

«Number 9 Dream» ist David Mitchells zweiter Roman, im englischen Original erschienen 2001 und bei uns erst jetzt übersetzt, da der Autor mit seinem Opus Magnum «Der Wolkenatlas» und der subtilen Jugendgeschichte «Dreizehn Monate» einen exzellenten Namen beim literarisch gebildeten Publikum gewonnen hat. Mitchell ist ein anspruchsvoller Autor, der es nie bei einer geradlinigen Story bewenden lässt; immer müssen sich mindestens fünf ineinander verknäulen, wobei sich jede auch noch in eine andere Form, ein anderes Genre kleidet.

So auch hier. Von der mittelalterlichen Quête bis zur Computerspielästhetik mixt der Autor Strukturen, Vorlagen und Motive. Ausserdem enthält der Roman noch das Tagebuch eines Kamikazekämpfers aus dem Zweiten Weltkrieg, den erschütternden Bericht einer von den Yakuza zwangsprostituierten Frau, die die Machenschaften einer Organhandelbande aufdeckt, und schliesslich Tierfabeln der absonderlichsten – und leider auch entbehrlichsten – Art.

Der Irre und die Atome

Von Humor war bisher nicht die Rede, aber auch daran fehlt es keineswegs. So gelingt Mitchell in einem der vielen Einsprengsel eine verrückte Variante der klassischen Figur des Irren, der sich für Gott hält. Dem Gott in dieser Geschichte gelingt es allerdings, seinem Psychiater zu beweisen, dass er die Welt geschaffen hat und jedes Atom durch geistige Anstrengung im Gleichgewicht hält. Wie? Er kündigt an, Belgien verschwinden zu lassen («nicht mal die Belgier würden es vermissen»), und als der Psychiater abends seiner Frau lachend von der Szene erzählen will, weiss die nicht, was er mit «Belgien» meint, und im Atlas findet er nur eine grosse Wasserfläche zwischen Frankreich und Holland.

«Postmodern» ist ein fast verschwundenes Etikett im literarischen Diskurs; hier passt es wieder einmal, was auch daran liegt, dass der Roman zehn Jahre alt ist. Er ist bemerkenswert gut gealtert, auch wenn die Unterhaltungselektronik heute ein paar Drehungen weiter ist als 2001. Und der Titel? Eine Hommage an den gleichnamigen John-Lennon-Song, zugleich eine an Huraki Murakami, der seinen Roman «Norwegian Wood» seinerseits nach einem Beatles-Song benannt hat. Ja, in diesem Gestrüpp der Verweise kann man sich wahrlich lustvoll verlieren. Dafür ist das letzte Kapitel leer: Den neunten Traum darf der Leser selbst träumen. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 19.04.2011, 11:12 Uhr

David Mitchell: «Number 9 Dream», Rowohlt-Verlag,ISBN: 978-3498045135 (Bild: PD)

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