Mit der Galeere von Traum zu Traum

Der Illustrator Jakob Hinrichs hat Arthur Schnitzlers «Traumnovelle» kongenial in Bildsprache umgesetzt. Im Gespräch gibt er Auskunft über sein Vorgehen und die Möglichkeiten und Grenzen von Graphic Novels.

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Herr Hinrichs, wie sind Sie auf die Idee gekommen, die «Traumnovelle» grafisch umzusetzen?
Der Verlag, die Edition Büchergilde, ist mit dem Thema an mich herangetreten. Ich war von Anfang an begeistert von der Idee und von Schnitzlers Text, weil ich ihn in der Grundthematik immer noch sehr relevant finde.

Inwiefern?
Es geht ja um die ausgesprochenen und unausgesprochenen Wünsche und Begierden der beiden Protagonisten Fridolin und Albertine – und dass man sich im Dialog darüber einander in einer Beziehung annähern kann. Dieses Prinzip der sexuellen Gleichberechtigung und des Artikulierens sexueller Wünsche ist immer noch wichtig, obwohl sich die Geschlechterrollen und Paarbeziehungskonstellationen geändert und geöffnet haben. Eine weitere spannende Thematik ist der Moment, an dem aus einem schönen Traum durch die Brechung eines Tabus ein Albtraum wird.

Wie sind Sie bei der Umsetzung vorgegangen?
Mein erster Ansatz war, die Geschichte aus ihrer ursprünglichen Umgebung, dem Wien der 1920er-Jahre, herauszulösen und in eine zeitlose Gegenwart zu versetzen. Zudem wollte ich die Personen nicht naturalistisch darstellen, sondern sie Metamorphosen durchleben lassen. Der gestalterische Ansatz war, eine knallig bunte Comicästhetik zu erschaffen, in der Traum und Realität ineinander übergehen. Des Weiteren war mir klar, dass ich das Thema der Sexualität nicht ausklammern kann und will, um die Offenheit und den Ansatz von Schnitzlers Originaltext nicht zu unterlaufen.

Wo sind die Grenzen bei der Umsetzung einer literarischen Vorlage?
Mein erster Gedanke war es, dass ich keine illustrierte Umsetzung des Schnitzler-Textes machen wollte, sondern eine eigenständige grafische Adaption, die auf dem Originaltext basiert. Ich habe es als Chance begriffen, dass der Originaltext der «Traumnovelle» im hinteren Teil des Buches abgedruckt ist, da dadurch ein besonderes Spannungsverhältnis zwischen der Bilderwelt der Graphic Novel und der sprachlich intensiven Erzählung Schnitzlers entsteht. Man sollte dieses Buch nicht als «Traumnovelle» in Comicform begreifen für Leute, die lieber Comics als Romane lesen, sondern als eine künstlerische Interpretation mit mehr Freiheiten als Grenzen.

Wie sind Sie mit dem Ineinanderfliessen von Traum und Realität umgegangen?
Meine grafische Bildsprache ist weit von einer naturalistischen Abbildung entfernt. Selbst in Momenten, in denen Fridolin noch durch die Realität wandelt, begegnet er Charakteren, die eindeutig nicht mehr menschlich sind. Charaktere wie Marianne, die Larve, oder Nachtigall, der Klavierspieler, sind eher als Metamorphosen dargestellt. Der eindeutigste Übergang zur Traumwelt findet im Anschluss an die Orgienszene statt, wenn Fridolin mit der Galeere in Albertines Traum gebracht wird.

Wovon haben Sie sich inspirieren lassen?
Inspiration habe ich mir auf ganz vielfältige Art und Weise gesucht, durch Recherchen zum Thema, zu Arthur Schnitzler und zur Zeit der Entstehung. Eine Lektüre, die ich sehr spannend fand, war das Traumtagebuch von Arthur Schnitzler, weil es Parellelen der «Traumnovelle» zu seiner Person aufzeigt. Visuell inspiriert bin ich immer wieder von Künstlern wie George Grosz und Otto Dix, vom Bauhaus, von alten Abenteuer- und Superheldencomics, von Druckgrafiken und Plakaten, oder vom tschechischen Zeichner Josef Lada, der «Der brave Soldat Schwejk» illustriert hat.

Inwiefern war die Arbeit an der Graphic Novel anders als die Arbeit an Illustrationen?
So ein Projekt ist natürlich ein viel langfristigeres Arbeiten als die Arbeit an Illustrationen für Zeitungen und Zeitschriften, die oft ein sehr schnelles Arbeiten bedingen. Bei der «Traumnovelle» hatte ich die Chance, der Erzählung mehr Zeit zu lassen, mich mit der Dramaturgie zu beschäftigen, die Personen herauszuarbeiten und während der Arbeit richtig in die Materie einzutauchen und mich vom Strom der Bilder mittragen zu lassen – ein wirklich sehr inspirierender Arbeitsprozess!

Erstellt: 13.11.2012, 14:17 Uhr

Schnitzler, Arthur / Hinrichs, Jakob, «Traumnovelle», Edition Büchergilde, 158 Seiten, ISBN 978-3-86406-014-4, CHF 36.90.

Traumnovelle

Jakob Hinrichs studierte Visuelle Kommunikation an der Universität der Künste Berlin. Seine Illustrationen werden veröffentlicht in der «New York Times», im «Guardian», in FAZ und «Zeit», in «Stern» und «Neon». Die «Traumnovelle» ist seine erste Graphic Novel.

Die «Traumnovelle»

Die «Traumnovelle» von Arthur Schnitzler erschien 1925. Protagonisten sind der Arzt Fridolin und seine Frau Albertine, ein junges Paar mit kleinem Kind. Bei einem nächtlichen Streifzug durch Wien gerät Fridolin in eine geheime Orgie. Albertine träumt von anderen Männern. Am Schluss erzählen sie sich aber alles und wollen ihr Eheleben fortführen.

Stanley Kubricks Adaption mit dem Titel «Eyes Wide Shut» mit Tom Cruise und Nicole Kidman kam 1999 in die Kinos.

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