Interview

«Mit der Magie des Gestirns aufgeladen»

Die Chinesen haben eben ihr Mondflugprogramm lanciert, die Inder wollen zum Mars. Warum nur? Ein ausuferndes Gespräch mit dem Autor von «Space Race», Paul-Henri Campbell.

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Herr Campbell, warum wollen die Chinesen zum Mond? Die Amerikaner waren doch schon dort.
Das Projekt lässt die Nation sich selbst erfahren, schafft eine Bindung im chinesischen Volk. Das Land wächst über sich hinaus und zusammen, erbringt eine Leistung – nebensächlich, wie fiktiv die Leistung tatsächlich ist.

Könnte man auch einfach Steine den Berg hoch rollen?
Nein. Es geht hier um die Bildung eines Mythos, der nationale Narrative motiviert und bebildert. Und eine Mythologisierung gelingt nur, wenn die entsprechenden Trägerstoffe vorhanden sind. Die Gestirne sind hervorragende Träger: Sie werden in Erzählungen tradiert und sind zugleich im Alltag gegenwärtig.

Aber ist dieser Zauber nicht verblasst? Starb der Mann im Mond nicht, als Armstrong ausstieg?
Die Entzauberung des Mondes als mythologisches und spirituelles Motiv begann bereits viel früher, spätestens mit der kopernikanischen Wende. Wichtiger als die Realisierung eines Raumfahrtprojekts ist die Odyssee dahin, die eigene Helden hervorbringt. Und jede Odyssee zum Mond aktualisiert die alte Faszination aufs Neue.

Der Weg ist also tatsächlich das Ziel für die chinesischen Taikonauten?
Ja, es geht um die Reflexion dessen, was bis zum Ziel passiert. Es geht um die Akteure, die mit der Magie des Gestirns aufgeladen werden und diese zurück in ihre nationalen Erzählungen bringen.

Und die Erzählungen folgen denselben Mustern wie anno 1969?
Zu weiten Teilen tatsächlich. Wenn man sich zum Beispiel die Bildsprache anschaut: Das Wegbrechen der Trägerrakete oder das Abwerfen der verschiedenen Stufen wird genau gleich inszeniert, wie das die Nasa getan hat. Die Taikonauten eignen sich also auf identische Art eine Aura an. Im Detail sieht man aber die Zeitgenossenschaft des chinesischen Raumfahrtprojekts.

Wo zum Beispiel?
Früher nannten die Chinesen ihre Weltraumraketen «Long March», langer Marsch. Man orientierte sich also an einer unzweideutig revolutionär-sozialistischen Terminologie. Heute dagegen heissen die Raketen Göttliche Macht oder Göttlicher Drachen. Die chinesische Regierung versucht, in einer atheistischen Gesellschaft mittels Technologie Sinn zu stiften. Den Taikonauten wird deshalb ähnlich kultisch gehuldigt wie Juri Gagarin in der Sowjetunion oder der DDR.

Und hat die Raumfahrt tatsächlich die erwünschte propagandistische Wirkung?
Wenn ich an die Erzählungen vieler Zeitzeugen wie etwa meines Vaters denke, drängt sich diese Annahme auf. Für ihn war die TV-Übertragung der Mondlandung ein Moment, der die Zeit stehen liess, wie er selbst sagte.

Ist die Wissenschaft eigentlich nur ein Vorwand für die Raumfahrt? So wie die Konquistadoren den Katholizismus vorgeschoben haben, um Länder zu erobern?
Es gibt ja tatsächlich die Annahme, dass es der Forschung dienlicher gewesen wäre, wenn auf die Bemannung der Mondmissionen verzichtet und das so freigewordene Geld anderswo investiert worden wäre. Diese Vermutung stellt ja auch Günter Anders in seinem «Blick vom Mond» an. Es ist allerdings fragwürdig, ob in diesem Fall der für ein solches Mammutprojekt nötige Esprit aufgekommen wäre – eben weil die motivierende Kraft einer Mythologisierung gefehlt hätte.

Kann es sein, dass das Individuum an sich gar kein Bedürfnis hat, ins Weltall hinauszugehen? Sondern dass es erst Staaten mit Grossmachtambitionen dazu braucht?
Nein, ich glaube, dass der Mensch von den Gestirnen gebannt wird und dass er wissen will, was in dieser überweltlichen Sphäre vor sich geht. Und gewiss: Das All verstehen zu wollen, ist auch ein Wahn.

Eine schöne antike Vorstellung ist die der Sphärenmusik, der tönenden Planeten. Ist Ihre Lyrik ein Versuch, diese mystische Stimmung wiederzubeleben?
Es geht mir um diesen Wunsch nach Transzendenz, der der Weltraumfahrt innewohnt. Mich interessiert, dass dieser Wunsch von einer sehr genauen Wissenschaft vorangetrieben wird. Um diese Doppeldeutigkeit ging es mir in «Space Race», wo ich technologische Motive mit einem neoromantischen Duktus zu verbinden versuchte. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 04.12.2013, 16:09 Uhr

Paul-Henri Campbell (*1982) ist der Sohn eines US-amerikanischen Offiziers und einer deutschen Krankenschwester. Er hat in Irland und Frankfurt klassische Philologie studiert und lebt heute in Leipzig. Letztes Jahr veröffentlichte er den Gedichtband «Space Race», in dem er den Raumfahrtwettbewerb zwischen Amerikanern und Sowjets lyrisch verarbeitet. Diese Woche erscheint von ihm die Gedichtsammlung «At the End of Days | Am Ende der Zeilen», in der es wiederum um moderne Technikmythen geht. (lsch)

«Apollo 11. L'una»

Und irgendwo
Inmitten dieser Krater,
die eine dunkle Wut in deinen Taumel
mit blindem Zufall bombte,
wird im Taumel millionenfacher Blicke jetzt der Adler,
der lange schon Prometheus straft,
kurz landen.


Und plötzlich sind alle Qualen wie verstummt,
ist alles auf einen
diesen Punkt
geschrumpft,
der für die Dauer eines Schrittes,
die Banden zerspringen lässt,
die uns gefangen halten,
da Aldrin von der letzten Sprosse springt
und dich berührt.


Die Dauer eines Schrittes…
… und alle Träume
wurden an dir weit und glitten,
wurden unbestimmt und wie beschwingt.


Bis er die Fahne hisste
Und wir uns erneut erkannten.

(Aus: Paul-Henri Campbell, «Space Race», fhl-Verlag Leipzig 2012, S.86)

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