Literatur

Monströses Glück

In ihrem neuen Buch erzählt die 53-jährige britische Schriftstellerin Jeanette Winterson von den Kämpfen ihrer Jugend. Eine Autobiografie will sie trotzdem nicht geschrieben haben.

Riskierte Unglück fürs Glück: Die britische Autorin Jeanette Winterson.

Riskierte Unglück fürs Glück: Die britische Autorin Jeanette Winterson. Bild: Reuters

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Sie ist 15 und verliebt. Aber statt ihre Liebe zu feiern, sitzt sie seit drei Tagen eingesperrt im ungeheizten Wohnzimmer, ohne Essen, ohne Schlaf. Um sie herum murmeln die Gemeindeweisen Gebete, schlagen sie schliesslich. Einer der «Älteren» zwingt sie auf die Knie, auf dass sie Busse tue – «und ich spürte die Beule in seiner Anzughose». Er wolle ihr zeigen, dass es mit Männern besser sei als mit Mädchen. «Er steckte mir die Zunge in den Mund. Ich biss zu. Blut. Jede Menge Blut. Filmriss.»

So liest sich die Teufelsaustreibung, die Jeanette Winterson als Backfisch über sich ergehen lassen musste, in ihrer jüngst auf Deutsch erschienenen Autobiografie mit dem Titel «Warum glücklich statt einfach nur normal?». Diese Frage stellte ihre Mutter, als es ein Jahr später eine neue Liebe in Jeanettes Leben gab. Sex war Sünde, Sex mit Frauen Todsünde. Jeanette sollte Janey aufgeben oder gehen. Sie ging.

Vom Outcast zur Ikone

Jeanette Winterson riskierte Unglück fürs Glück. Nach dem Auszug von daheim lebte sie anfangs in einem alten Auto, hungerte, fror, jobbte nach der Schule und las wie eine Verrückte. Dennoch ist sie ihrer Adoptivmutter – die sie meist «Mrs Winterson» nennt – dankbar. «Ich fühlte mich bei ihr nie zuhause, und ja, es war hart. Aber damals war es überall hart, und an ihrer Art von Härte konnte ich wachsen. Bei meiner leiblichen Mutter, einer Arbeiterin, die alles viel lockerer sieht, wäre ich schlicht versumpft. Davon bin ich fest überzeugt.» Sagt sie beim Gespräch im Hotel Krafft in Basel.

Winterson ist einen weiten Weg gegangen vom unehelichen Baby im Heim über den widerborstigen Teenager in einer strengen, armen Pfingstgemeinde bis zur Ikone der britischen Gay Literature mit Porsche und zwei Häusern. Und bis zu dem, was sie «Heilung» nennt. Ihre Beziehung mit Susie Orbach, der Psychotherapeutin von Lady Di und «postheterosexuellen» Verfechterin von Body Diversity, sei gefestigt, ihre Schlacht mit der Vergangenheit geschlagen. «Dieses Kapitel ist für mich abgeschlossen.»Schade eigentlich. Denn in der Reihe von starken, passionierten (und schwächeren, zu konzeptlastigen) Büchern sind jene beiden, die ganz nah an ihrer Kindheit geschrieben sind, vielleicht die stärksten. Für ihr Debüt «Orangen sind nicht die einzige Frucht» (1985) erhielt sie zu Recht den Whitbread Award; und im neuen Buch glückt der Mix aus Retrospektive und Reflexion, aus explodierender Imagination und Realitätseinbruch. Selbst Küchenpsychologie und Krimielemente passen zu dieser Suche nach verlorener Zeit und gewonnener Sprache.

Im Grunde total religiös

Sie habe doch noch gar nie eine Autobiografie geschrieben, kontert die zierliche Frau, die vor Energie zu platzen scheint und viel jünger wirkt als ihre 53 Jahre. Ein Bein schaukelt über der Sessellehne, die wilden Locken machen eh, was sie wollen, und die drei Ohrringe (zwei links, einer rechts) rivalisieren mit den strahlenden Augen um Aufmerksamkeit. Dass sie 2007 versuchte, sich das Leben zu nehmen, würde niemand ahnen; auch diese Szene schildert sie schonungslos offen in «Warum glücklich». Also doch eine Autobiografie?

Frauen sind keine Schöpfer, also schreiben sie Autobiografien: Das sei das Klischee, kritisiert Winterson. Dabei schreibe sie weder linear noch deskriptiv, niemals. In «Warum glücklich» werden denn auch 25 Jahre übersprungen, und über die Kinderperspektive schiebt sich die Sichtweise der Endvierzigerin. «Eine Geschichte ist sowieso immer eine Coverversion. Die Erinnerung funktioniert wie eine Doppelhelix, wo sich Fakt und Fiktion ineinanderwinden. Jeder Rückblick auf das Gleiche bietet ein verändertes Bild. Darum muss auch niemand in seinen Traumata stecken bleiben: Ich glaube an die Relektüre der Vergangenheit und an die Heilung, ebenso wie ich an das Leben selbst glaube. Im Grunde bin ich total religiös.»

Das glauben wir ihr sofort, und ihr Buch ist ein Glaubensbeweis. Stundenlang in den dunklen Kohlekeller verbannt oder ausgeschlossen auf der Türschwelle schlafend, verbrachte die kleine Jeanette viel Zeit mit der Pflege ihrer inneren Reserven. Morgens Gebete, abends lange Lektüren aus der Bibel. Aber das «Wolfsjunge» wollte sich einfach nicht zur Missionarin erziehen lassen. Das Gör hielt dagegen, holte sich Trost aus der Lyrik von T. S. Eliot und Coleridge, aus dem Paradies namens Stadtbibliothek. Und orientierte sich später an der Laienpredigertochter Margaret Thatcher, die es nach Oxford und an die Staatsspitze geschafft hatte – und dann eine Riesenenttäuschung war wie auch die patriarchale Elite-Uni. «Thatchers Tod hat mich verwirrt. Das ist fast wie der Verlust der schillernden Mutterfigur.»

Die Autorin versammelt etliche Details aus Kindheit und Jugend im Schatten der «flamboyant depressiven» Mutter. Aber rund um die Autobiografiediskussion gibt es für sie eigentlich nur zwei interessante Fragen. «Erstens die spezifische: Wieso sind Memoiren derzeit der totale Renner? Zweitens die grundsätzliche: Was macht gutes Schreiben aus?» Klar, dass sie dazu die Antwort parat hat. «Wenn es keine Heiligen und Helden mehr gibt, ist das letzte Leuchtzeichen in der Orientierungslosigkeit eben ‹das Leben der anderen›.» Denn Schreiben sei nicht Privatmeditation oder Therapie, sondern eine Form von Gespräch. Ein Eintauchen ins Eigene, um den andern zu erreichen. «Da ist nicht Realismus gefragt, sondern Authentizität.»

Der Roman ist tot

Der Ausgangspunkt müsse immer eine echte Empfindung sein, lehrt sie ihre Studenten in Manchester, egal, ob man Science-Fiction verfasse oder Lyrik. Sie selbst hat vom historischen Roman bis zum Kinderbuch schon alles mit mal mehr, mal weniger Erfolg geschrieben und fasziniert vor allem dann, wenn das Experiment vor Sprach- oder Erzähllust kapituliert. So glänzt «Der Leuchtturmwärter» (2004) vor Liebe zur Liebe und zum Erzählen, trotz Versatzstückbastelei aus Gruselliteratur und Evolutionstheorie. Und aus dem Roman «Auf den Körper geschrieben» (1992), inspiriert von ihrer Affäre mit der Literaturagentin Pat Kavanagh, schreit die Ekstase. Dennoch greift die Autorin ihre alte These vom Tod des Romans wieder auf: «Das Theater ist bei uns topfit, aber der Roman weiss nicht, wohin mit sich.»

Sie selbst hat auch ohne Romanschreiben genug zu tun. Sie ist mit Drehbüchern beschäftigt, führt einen Bioladen, unterrichtet, kümmert sich um ihre Patenkinder, unterstützt einen jungen, kämpferischen Feminismus, spendet zehn Prozent ihres Einkommens und besucht die Hilfswerke auch – und geniesst den Luxus, den sie sich leisten kann wie eine Katze die Sahne. Katzen liebt sie übrigens auch; eine hat ihr beim besagten Suizidversuch das Leben gerettet.«

Ich brach zusammen, als ich 2007 verlassen wurde und eine Spur meiner leiblichen Eltern fand: Zweimal nicht geliebt werden war zu viel.» Schwierige Recherchen führten 2008 zu ihrer leiblichen Mutter – und zur Auseinandersetzung mit der ewigen Sehnsucht. Auch diese Auseinandersetzung protokolliert Winterson in «Warum glücklich» bis in die Verästelungen. Heute weiss sie, dass sie jene Janet, als die sie geboren worden war, nicht vermisst. Als Zeugnis für ihre trotz allem glückliche Kindheit hat sie als Buchcover ein Foto von fröhlichen Ferien am Meer gewählt. «Mrs Winterson war ein Monster, aber sie war mein Monster.» Ebendies, findet die Autorin, sollte man in der Schule lernen: Wie man aus seinen Monstern fruchtbare Geschichten macht – Glücksgeschichten. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2013, 08:40 Uhr

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