Interview

«Nach Lukaschenko müssen wir bei null anfangen»

Weissrussland ist Europas blinder Fleck. Valentin Akudowitsch – Philosoph, Dissident und Autor des neuen Buchs «Der Abwesenheitscode» – spricht im Interview über Alltag und Zukunft seines seltsamen Lands.

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Weissrussland liegt nah beim Herzen von Europa. Trotzdem weiss man bei uns wenig über das Land. Warum?
Es mag paradox klingen, aber das Sich-selber-Unsichtbarmachen ist die wichtigste Eigenart der weissrussischen Mentalität.

Wie meinen Sie das?
Um das zu verstehen, muss man einen Blick auf unsere Geschichte werfen. Tausend Jahre lang gerieten in Weissrussland lateinische und byzantinische Zivilisation aneinander, ein Angriff folgte dem anderen. Jedes Mal zerstörten die Eroberer alles, was sich irgendwie hervorhob, und das über die Jahrhunderte hinweg. Um in dieser Situation zu überleben, mussten wir lernen, alle Habseligkeiten und uns selbst zu verstecken – nicht nur in den Wäldern und Sümpfen, sondern auch hinter unserer Unauffälligkeit, mangelnder Bildung und Einfältigkeit.

Wie zeigt sich das im weissrussischen Alltag?
Ein ziemlich tragikomisches Beispiel: Seit kurzem gibt es in Weissrussland nach europäischer Technologie gefertigte Fenster. Sie sind zwar viel besser als unsere, aber auch viel teurer. Lange nicht jeder wohlhabende Weissrusse hat sich getraut, diese Fenster einzubauen, denn dann hätte ja jeder im Vorbeigehen gesehen, dass im Haus eine reiche Familie wohnt. Mein erstes Buch hiess übrigens «Ich existiere nicht».

«Belarus» heisst auf Deutsch «Weissrussland», das Land gilt als Russlands kleiner Bruder. Ist diese Sicht falsch?
Das ist die Folge des alten ideologischen Mythos russischer Imperialpolitik, den Russland Europa aufgezwungen hat. Viel wahrscheinlicher ist, dass der Ursprung der weissrussischen Ethnie im Baltischen liegt. Folgende Behauptung wäre also näher an der Wahrheit: Die Weissrussen sind slawischsprachige Balten. Und was die Bezeichnung «kleiner Bruder» angeht: Nicht einmal Präsident Lukaschenko, ein inniger Verfechter der Integration mit Russland, verwendet diesen Begriff, eher im Gegenteil. Er liebt es, in der Öffentlichkeit die Überlegenheit der Weissrussen gegenüber den Russen zu demonstrieren. Dazu passt einer seiner Lieblingssätze: «Die Weissrussen – das sind Russen mit Qualitätssiegel.» Als studierter Historiker weiss er, dass das nur politische Floskeln sind.

Existiert eine weissrussische Identität?
Ich versuche, die Komplexität des Problems anhand des Schicksals meines Vaters zu erklären: Ohne sein Geburtshaus zu verlassen, hat er während 94 Jahren im Russischen Imperium, in der Weissruthenischen Volksrepublik, der Litauisch-Weissrussischen Sowjetrepublik, der UDSSR, im Dritten Reich – fast fünf Jahre unter deutscher Besatzung –, wieder in der UDSSR und schliesslich in der unabhängigen Republik Belarus gelebt.

Und wie wird diese Republik von der Bevölkerung angenommen?
Die erneute Staatsgründung wurde von der Mehrheit skeptisch betrachtet, es hatte ja schon so viele gegeben. In 23 Jahren Unabhängigkeit haben sich die Weissrussen langsam an die neue Situation gewöhnt und haben angefangen, an ihr Land zu glauben. Doch in der Gesellschaft herrscht immer noch kein Konsens: weder über die geopolitische Entscheidung zwischen Ost und West noch über die Sprachwahl zwischen Russisch oder Weissrussisch und auch nicht über symbolische Attribute, national oder sowjetisch, wie auch nicht über vieles andere. Doch trotz alldem sieht sich die Mehrheit der Bevölkerung als Weissrussen – unabhängig davon, was der Begriff «Weissrusse» für den Einzelnen bedeutet.

Existiert Punk in Minsk? Gibt es rebellierende Jugendbewegungen in Weissrussland?
In Minsk gibt es nicht nur Punk, sondern auch die meisten der Jugendsubkulturen, die in Westeuropa populär sind. Bei uns sind diese Subkulturen jedoch nicht so nach aussen sichtbar. Die Jugend unseres Landes verdient aber nicht wegen dieser Subkulturen, sondern wegen des massenhaften Jugendprotestes gegen das autoritäre Regime von Lukaschenko unsere Aufmerksamkeit. Das Gesicht dieses Protests ist die Organisation Jugendfront, die sich schon Mitte der 90er formiert hat. Damals überstrahlte der Widerstand der Jugend mit seiner Grösse, der Aktivität und der Kreativität die weissrussische Opposition. In diesen Jahren kamen Hunderte junger Leute hinter Gitter. Heute noch sitzen der erste Führer der Jugendfront, Pawel Sowerinetz, und der jetzige Führer, Dmitri Daschkewitsch, im Gefängnis. Eins ist offensichtlich: In letzter Zeit sind die Aktivität und der Einfluss des jugendlichen Widerstands geschrumpft.

Warum?
Das liegt vor allem an der brutalen und systematischen Repression durch das Regime, die schon seit zwei Jahrzehnten vorherrscht. Darin spiegelt sich aber auch die Müdigkeit des langwierigen sieglosen Kampfs. Vielleicht werden schon in naher Zukunft keine weissrussischen Jugendlichen mehr im Gefängnis sitzen. Das wäre auch gut, hiesse es nicht, dass wir alle – die Jungen wie die über die Zeit des Widerstands Gealterten – des Kämpfens müde geworden wären.

Wie würden Sie den Charakter von Lukaschenkos Sozialismus beschreiben?
Nachdem Lukaschenko seine Machtergreifung gefeiert hatte, hat er sein Expertenteam Folgendes gefragt: Was können wir machen? Und er gab sich selbst die Antwort: Wir kennen nur Sozialismus, also vergessen wir alle liberalen Theorien. Doch er hat schnell gemerkt, dass es nicht möglich sein wird, in Weissrussland zum zweiten Mal ein sozialistisches System nach sowjetischem Vorbild aufzubauen.

Was tat er stattdessen?
Der Sozialismus an sich war ihm nicht so wichtig. Es wurde bald klar, dass Lukaschenko nichts erschafft, sondern nur die Wirtschaft und die Sozialstruktur der Gesellschaft nach den mobilisierenden Kriegsgesetzen ausbaut. Deshalb wurde alles, was nicht zum Sieg führte, ausgelöscht, und alles, was zum Sieg verhalf, wurde genutzt. So wie grosse Unternehmen, die mit Lukaschenkos persönlicher Erlaubnis operieren und den Grossteil ihrer Einnahmen Lukaschenkos persönlichem Budget abgeben. Das wurde früher in den offiziellen Medien thematisiert. Unabhängige weissrussische Ökonomen und Analytiker suchen schon lange nach einem Begriff, der den heutigen Wirtschafts- und Gesellschaftstyp beschreiben würde. Interessant, dass die Bezeichnung «Sozialismus» unter den diskutierten Begriffen gar nicht vorkommt.

Wie hat sich das tägliche Leben in Weissrussland seit der Unabhängigkeit entwickelt?
Das Jahr 1991 war eine Zeit des politischen, wirtschaftlichen und finanziellen Kollapses in allen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, Weissrussland bildete hier keine Ausnahme. Fabriken, Kultureinrichtungen und sogar Verteidigungsinstitutionen mussten schliessen oder die Arbeitswoche verkürzen. Es wurden Lebensmittelmarken eingeführt, es fehlte an Dingen der Grundversorgung. Meine Eltern fingen an, in ihrem Dorf Tabak anzubauen, weil es eine Zeit lang nicht einmal Zigaretten zu kaufen gab. Doch langsam begann sich das Leben im Land zu verbessern – ein ganz anderes Leben als vorher unter dem Kommunismus.

Inwiefern?
Radikale Veränderung war am besten an den Autos zu erkennen, die anfingen, unsere Städte zu bevölkern. Es waren zwar nur Gebrauchtwagen aus Europa, doch vorher hatte die Mehrheit der Sowjetbürger nicht einmal von einem eigenen Auto zu träumen gewagt. So wie sie auch nicht von Reisen ins Ausland, durch den Eisernen Vorhang getrennt, geträumt hatten. Nun konnte man aber um die Welt reisen und sogar das Land für immer verlassen. Doch die grössten Veränderungen waren die im Konsumverhalten. Die Geschäfte füllten sich mit allen möglichen Waren, und heutzutage unterscheiden sich die Supermärkte in Minsk kaum von denjenigen, die wir im alten Europa sehen. Das gilt auch für einige andere Bereiche. Bei der Anzahl der Internetnutzer pro Einwohner stehen wir vor allen anderen Ländern der ehemaligen Sowjetunion, auch vor Russland. Dasselbe gilt für die Handynutzung. Doch ich möchte nicht, dass aufgrund all dieser Veränderungen der Leser einen positiven Eindruck vom Leben in Weissrussland gewinnt.

Sondern?
Das Durchschnittseinkommen im Land hat erst in diesem Jahr das historische Maximum von 500 US-Dollar erreicht. Die Schere des Wohlstands zwischen Minsk und den Provinzen und erst recht den Dörfern ist wahrlich verbrecherisch. Etwa eine Million der arbeitsfähigen Bevölkerung, genaue Zahlen gibt es kaum, sucht im Ausland nach Arbeit, vor allem in Russland. Die Produktion ist seit der Sowjetzeit nicht modernisiert worden. Dasselbe gilt für das Bildungssystem. Alle Versuche, dem Bolognaprozess beizutreten, werden aus ideologischen Gründen abgeschmettert. Zusammengefasst: Materiell gesehen haben die Weissrussen noch nie so gut gelebt wie heute. Doch das bezieht sich nur auf ihre eigene Vergangenheit und nicht auf den Lebensstandard eines modernen Europäers.

Was kommt nach Lukaschenko?
Nach Lukaschenko warten grosse Probleme auf uns. Eine Zeit lang werden wir es schwerer haben als jetzt, das ist nicht schwer vorherzusagen. Über die Jahrzehnte grenzenloser Macht hat Lukaschenko die Staatsstruktur vollkommen umformatiert. Der Ausfall dieses Machtzentrums wird bestenfalls alle Lenkungs- und Kommunikationssysteme ausbalancieren – und schlimmstenfalls zu Chaos führen. Das wird definitiv so sein, und deshalb ist diese Feststellung nicht sehr interessant. Viel spannender ist, was passiert, wenn sich das Chaos etwas gelegt hat.

Was prognostizieren Sie?
Es wird kein Fortbestehen der «Diktatur» geben. Aber auch ohne Lukaschenko wird die weissrussische Opposition nicht an die Macht kommen, weil sie schon längst all ihr politisches Potenzial ausgeschöpft hat. Ich glaube, der wirkliche Machtkampf wird zwischen den Clans der Nomenklatur, den Machtstrukturen und den grossen Unternehmen entbrennen.

Wie wird das Ausland reagieren?
Natürlich wird Moskau eine wichtige, wenn nicht entscheidende Rolle in der Aktualisierung politischer Prioritäten spielen. Nach alter Tradition werden die amerikanischen und europäischen demokratischen Institute auch an dieser politischen Intrige teilnehmen, doch wahrscheinlich wieder einmal ohne Erfolg. Das ist auch nicht wichtig, weil es unwichtig ist, wer wann gewinnt. Lukaschenko hat die Entwicklung jeglicher politischer Kultur verhindert, die sich hier in der ersten Hälfte der 90er gebildet hatte. Dasselbe ist auch mit den Grundfesten der Zivilgesellschaft passiert. Und in diesem Sinne müssen wir nach Lukaschenko bei null anfangen. Das bedeutet, dass Weissrussland erst nach 2030, kaum vorher, zu einem mehr oder weniger demokratischen Land wird.

Das Interview wurde per Mailaustausch geführt. Übersetzung aus dem Russischen von Anna Jikhareva. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.06.2013, 14:43 Uhr

Vielleicht der bekannteste Intellektuelle Weissrusslands: Philosoph Akudowitsch (*1950) bei der Preisverleihung der Union Weissrussischer Autoren im März 2013.

Valentin Akudowitsch, «Der Abwesenheitscode», Suhrkamp Verlag, 203 Seiten, ISBN 978-3-518-12665-3, CHF 14.90.

Der Abwesenheitscode

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